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Kultur: „In seinen Selbstdarstellungen bleibt er immer unscharf“

Thomas Kumlehn über Siegward Sprotte in der Zeit des Nationalsozialismus und seinen späteren Umgang mit den biografischen Fakten

Im Potsdam Museum ist unter dem Titel „Die Welt farbig sehen“ noch bis einschließlich Sonntag eine große Retrospektive zum 100. Geburtstag des Potsdamer Malers Siegward Sprotte zu sehen. Auf einer Fläche von 600 Quadratmetern wird Sprottes Lebenswerk in seiner Komplexität gezeigt: 175 Arbeiten, die von 1929 bis 2003 entstanden sind. Mit Beiträgen in loser Reihenfolge begleiten die PNN diese Ausstellung. Heute spricht der Kulturwissenschaftler Thomas Michael Kumlehn über Sprotte und seinen Umgang mit dem Nationalsozialismus.

Herr Kumlehn, was wissen wir eigentlich über den Maler Siegward Sprotte in der Zeit des Nationalsozialismus?

Sehr wenig, weil Sprotte uns die Versionen seiner Autobiografie nachhaltig vorgeschrieben hat. Was bis zu seinem Tod im Jahr 2004, aber erstaunlicher Weise auch darüber hinaus, dazu führte, dass die Kolportage häufig die Forschung ersetzt hat. Sprottes Hang zur Selbst-Stilisierung und individuellen Mythenbildung war stärker.

Hatte er denn mit Blick auf den Nationalsozialismus etwas zu verbergen?

Er hatte nichts zu verbergen. Nachfragenswert jedoch ist allemal, welches Verhältnis ein Künstler zum eigenen Werdegang hat – gerade innerhalb und nach einer Diktatur. Und Sprotte war in der ambivalenten Situation, dass er vor 1945 in Deutschland ein erfolgreicher Künstler war. Er hat 1937 sein Studium beendet und war schon 1938 in der Berliner Ausstellung zum Großen Staatspreis vertreten. Das ging dann seit 1939 weiter mit der mehrfachen Beteiligung an der Großen Deutschen Kunstausstellung und auch seit 1940 im Verein Berliner Künstler. Es ist inzwischen nachweisbar, dass dieser schnelle Erfolg ihn beflügelt hat. Er war 1938 gerade 25 Jahre alt. Es ist gut vorstellbar, dass Sprotte aufgrund des Erfolgs eben nicht nur von der „intensivsten Arbeitswut“ gepackt wird, wie er in einem Brief vom 27. Januar 1940 an den Schriftsteller Wilhelm Lehmann schreibt, sondern dass er sich als anerkannter Künstler sehr gefallen hat. Ärgerlich ist, wie gesagt, sein angestrengtes Bemühen nach 1945, sich mit biografischen „Fakten“ für die Zeit davor ein politisch korrektes Verhalten zu bescheinigen.

Heißt das, dass er für seine Karriere politische Entwicklungen nicht erkennen wollte, sie einfach ausgeblendet hat?

Kunst war Teil der Propaganda. Dieser Aufgabe hat Sprotte sich zuordnen lassen, weil er prominent ausstellen und verkaufen wollte. Seine noch 1938 geäußerte Absicht, als Zeichenlehrer sein Brot zu verdienen, hat er alsbald vergessen. Er war ein aktiver Mitläufer. Ich habe keinen Nachweis dafür, dass Sprotte ein bekennender Nazi war, verglichen mit sehr vehement für das System eintretenden Künstlern wie Wolf Willrich beispielsweise, mit dem er 1941 in München vertreten war und daraufhin auf einer Doppelseite in der von Alfred Rosenberg herausgegebenen Zeitschrift „Kunst im Deutschen Reich“ lobend Erwähnung fand.

Was ist auf dieser Doppelseite zu sehen?

Zwei Zeichnungen: von Willrich der „Jagdflieger Uffz. Heilmayer“, ein „Tiroler Bauer“ von Sprotte. Man könnte ja meinen, das sei ein ideologiefreier Bestandteil in der „Reihe markiger Charakterköpfe“ gewesen, was Sprotte 1941 in München ausgestellt hat.

Aber nicht wenn man weiß, dass im Nationalsozialismus die Blut-und-Boden-Ideologie den deutsch-stämmigen Bauern als Klischee der Führungsrasse verherrlichte.

Und weiß, dass Willrich die Tiroler Bauernporträts schon 1935 als Illustrator des Reichsbauernführers Darré eingeführt hatte. Deshalb gehörte auch Sprottes Porträt zur völkischen Bildsprache. Wie seine beschaulichen saisonalen Landschaftsbilder ebenso selbstverständlicher Bestandteil des gleichgeschalteten Kulturbetriebs waren, neben den Hitler-Porträts oder Bildern vom „feurigen Geschehen des gegenwärtigen Krieges“ anderer prominenter Künstler.

Aber Sprotte scheint sich ja dem Kriegseinsatz erfolgreich entzogen zu haben?

Ja, er trat Anfang Mai 1940 in der Nachrichten-Ersatz-Kompanie 76 in Brandenburg/Havel seinen Wehrdienst an. Nach zwei Lazarettaufenthalten versetzte man ihn am 20. Dezember 1940 in die erst im Sommer aufgestellte Propaganda-Ersatz-Abteilung in Potsdam, bis er am 19. Januar 1941 ohne einen Fronteinsatz als unabkömmlich (uk) freigestellt wurde. Aber das ist nur von ihm selbst im Fragebogen „Military Government of Germany“ vom 25. April 1946 handschriftlich eingetragen worden. Es gibt in den Militärarchiven keinen Nachweis für seine Entlassung. Es kann sein, dass Sprotte aufgrund einer Herzschwäche ausgemustert wurde. Aber er wurde nach Potsdam beordert, um als Frontmaler tätig zu werden. Denn dort wurden Pressezeichner und Maler ausgebildet, die für die Militärpropaganda in der auftragsgemäßen Bildsprache eingesetzt werden sollten. Es kann aber auch sein, dass Sprotte aufgrund einflussreicher Beziehungen tatsächlich eine uk-Stellung erhalten hat. Dafür sprechen seine vielen Auslandsreisen während der Kriegszeit, was eine Sonderstellung voraussetzte.

Wie wird damit in der Ausstellung umgegangen?

Der Katalogbeitrag verklärt diesbezüglich leider, wenn dort steht: „Sprotte konnte den Einzug zum Kriegsdienst 1941 durch einen ungewöhnlichen Einfall auf wenige Wochen Frontausbildung begrenzen. Er erfand eine Formel zur Aufrechterhaltung der Kultur während der Kriegszeit, die nicht nur ihn, sondern 1500 Kulturschaffende freistellte.“ Tatsächlich wurde 1942 innerhalb der Potsdamer Propaganda-Ersatz-Abteilung mit zusätzlichen 100 Personalstellen die „Staffel bildender Künstler“ gebildet, die Hitler persönlich anordnete.

Wie deuten Sie die bekannten Rosenkohlbilder aus dem Jahr 1941, die ja sehr oft als Sprottes kritische Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg gelesen werden?

Ich halte diese Bilder für sehr persönliche Psychogramme. Die sogenannten Rosenkohlbilder sind 1941 bis 43 hier in Bornstedt entstanden. Sprotte gab ihnen erst nach 1945 diese Bezeichnung. In München eingereicht hatte er 1943 vermutlich nur eines aus dieser Werkreihe. Er nannte es „Gartenbildnis“, heute „Winterernte“. Es war als Austauschbild innerhalb der Ausstellung vorgesehen, wurde aber nicht gezeigt. Das erst durch Frost wohlschmeckende Gemüse faszinierte ihn. Er aß es gern und schrieb, dass auf dem Grundstück seines Elternhauses Rosenkohl angebaut wurde. Außerdem hatte er innerhalb seiner Namensforschung herausgefunden, dass Rosenkohl in der englischen Übersetzung Brussels sprouts mit seinem Familiennamen verbunden ist.

Aber sind diese Bilder nicht mehr als nur Naturbeschreibung?

Seine Tagebuchaufzeichnungen offenbaren, wie oft er im Winter mit dem Blick aus dem Atelierfenster seine immer währende Sehnsucht nach Wärme und Licht in seinen winterlichen Landschaftsbildern sublimiert haben muss. Diese Bilder spiegeln Düsteres wider, sie haben partiell durchaus den Sog des Mystischen, was Hermann Kasack Sprottes „Selbstbildnis mit Lebensbaum“, seiner Dürer-Adaption, bereits am 6. Januar 1940 attestierte. Ein nicht unwesentlicher Aspekt für die düstere Bildfolge könnte auch der Tod seines Bruders Armin gewesen sein, der 1941 „vom Feindflug nicht zurückgekehrt“ ist. Abgelehnt wurden Sprottes Werke aus inhaltlichen Gründen nie. Schließlich war 1944 das ähnlich düstere „Novembergeschehen“ von ihm in München zu sehen.

Man soll sich also immer mehrere Möglichkeiten bei der Interpretation eines solchen Bildes offenhalten?

Ich ziehe es vor, Kunstwerke nicht unabhängig von der Biografie des Künstlers zu analysieren. Zugegeben, das ist am Beispiel Sprotte schwer, weil er suggestiv bemüht war, das Interpretationsmuster vorzugeben. Dass seine für die Öffentlichkeit bestimmten biografischen Daten einem ängstlichen Reinheitsgebot gehorchten, sagte ich bereits. Die geschickte Augenwischerei Sprottes im Umgang mit Autobiografie und Werk gereichte seinem gesellschaftlichen Stellenwert immer zum Vorteil. Was wenig verzeihlich ist, wenn es um seine Ehrenbürgerschaft in Potsdam geht.

Inwiefern?

Als er sie 2002 erhielt, lebte Sprotte noch. Und wenn in dem Antrag – von Sprotte unwidersprochen – steht: „Eine Vereinnahmung des Künstlers Siegward Sprotte durch die Nationalsozialisten gelingt nicht, seine Bilder werden zur offiziellen Kunstausstellung 1937 nicht zugelassen. Siegward Sprotte wird so zu einer Persönlichkeit, der das Verdienst gebührt, dass Potsdam auf künstlerischem Gebiet mit einer anderen Geisteshaltung verbunden wird“, ist der Wortlaut eine lancierte zielorientierte Halbwahrheit. Er wusste natürlich, dass er 1937 bei der Großen Deutschen Kunstausstellung nicht vertreten war, weil er sich nicht beworben hatte! Nein, das tat er erst zwei Jahre später. Sprotte hat sich mit insgesamt 26 Bildern bei den Großen Deutschen Kunstausstellungen der Jahre 1939, 1941/42/43 und 1944 in München beworben. Und ich frage mich, ob die Stadtverordneten Potsdams – bei Vorlage einer korrekten Biografie – 2002 dennoch mit 38 von 44 Ja-Stimmen für seine Ehrenbürgerschaft gestimmt hätten?

War Sprotte Mitglied der NSDAP?

Das ist nicht nachweisbar. Die Überlieferungslage ist schlecht. Er verhielt sich systemkonform wie andere mitlaufende Parteigenossen. Sprotte war Mitglied der Reichskulturkammer und Mitglied der Reichskammer der Bildenden Künste, hat sich bewusst angedient. Erhellend ist in diesem Zusammenhang die Potsdamer Ausstellung nicht, obwohl sich das Potsdam Museum und Cosmea Sprotte darauf verständigt hatten, Sprottes Tagebücher zu transkribieren und in der Ausstellung beziehungsweise im Begleitprogramm auszugsweise zu präsentieren. Diese Transkriptionen zukünftig komplett der Forschung zugänglich zu machen, wäre wünschenswert, denn die Arbeit wurde schließlich mit öffentlichen Mitteln finanziert. Ich beabsichtige übrigens, meine Recherchen zu Sprotte im Nationalsozialismus seiner Nachlass-Stiftung als Geschenk zu übergeben.

Hätten Sie sich hier eine kritischere Herangehensweise in der Ausstellung gewünscht?

Gewünscht hätte ich mir, dass die standardisierte „Clusterbildung“ seiner Biografie endlich aufgebrochen wird. Dass Fakten unmissverständlicher benannt werden, als das im Katalog und in der Ausstellung passierte: „1940 bis 1944 Einberufung zum Militärdienst, Krankheit, Entlassung, Rosenkohlbilder“. Im Verzeichnis der ausgestellten Werke sowie in der Auswahlbibliographie verzichtete man konsequent auf Literaturangaben, die bis 1945 zu datieren sind. Dieser Anspruch der beiden Kuratorinnen reicht heute nicht mehr.

War Sprotte ein politischer Mensch?

Ob Sprotte ein politisch denkender Mensch war, hat sich mir bisher nicht erschlossen. Leider enthält die Medienstation der Ausstellung dafür keine neuen Erkenntnisse. Texte Sprottes, die nach dem 1. Juli 1939 bis 1945 entstanden sind, fanden keine Berücksichtigung. Obwohl er zur Eröffnung der III. Großen Deutschen Kunstausstellung am 16. Juli 1939 nach München gefahren ist und auch darüber Tagebuch geführt hat. Sechs Wochen später begann der II. Weltkrieg. Ich bin gespannt, ob etwas davon in der heutigen Lesung aus den Tagebüchern Sprottes zu hören sein wird. Hinzugefügt sei: Er ist in seiner Sprache generell schwer festzumachen. Das betrifft ja nicht nur seine programmatischen Schriften als Künstler, sondern auch seine zeitgeschichtlichen Bezüge. Er bleibt in seinen Selbstdarstellungen immer unscharf.

Ist das auch ein Ausblenden aus Scham?

Das ist eine gute Frage. Er schreibt an den Philologen Wolfgang Schadewaldt am 5. April 1945: „Es geht nun um nichts Geringeres als um die zweite Jugend, Unschuld.“ Ich empfinde das als eine sehr bemerkenswerte Einschätzung für eine Neudefinition. Das findet sich eben auch unmittelbar nach dem Krieg an vielen Stellen. Er hat Hermann Hesse, mit dem er hauptsächlich in den 50er-Jahren korrespondiert hat, einen Brief geschickt mit einem Vortrag, den er 1946 in Kampen gehalten hat. In diesem Vortrag steht: „Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, dass er sie ruhen lässt und nicht von ihr lebt. Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben.“ Er legitimiert das verweigerte Zurückschauen. Das sind nur zwei Beispiele. Genau das ist die Schwierigkeit im Umgang mit Sprottes Autobiografie: Gerade in der Zeit zwischen 1933 und 1945 muss man eigentlich jeden einzelnen Fakt, den er herausgegeben hat, überprüfen. Und stellt dann in nicht wenigen Fällen fest, dass er nicht unbedingt die Unwahrheit geschrieben hat, stattdessen aber Halbwahrheiten in die Welt setzte.

Bieten der Abschluss der Ausstellung und das Transkriptionsprojekt seiner Tagebücher nun die Chance, sich endlich kritisch mit Siegward Sprotte in der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen?

Die Ausstellung, so verdienstvoll sie ist, hat etwas Wesentliches nicht eingelöst, was sie hätte einlösen können: Es wäre eben hier, in seiner Geburtsstadt, tatsächlich ein geradezu kuratorischer Schritt gewesen, sich stärker in dieses Verhältnis Zeitgeschichte-Kunst-Biografie zu begeben. Cosmea Sprotte, die dritte Frau Siegward Sprottes, hat ihn Ende der 50er-Jahre kennengelernt. Sie war in der Zeit davor nicht seine Begleiterin. Was ihr von ihm überliefert wurde, trägt sie in dem Anspruch weiter, ihm damit gerecht zu werden. Dieser Anspruch, mit dem sie seinen Nachlass bewahrt und vermittelt, hat offensichtliche Grenzen. Deshalb sollte die Forschung die Möglichkeit haben, in der Erschließung weiterzugehen. Dafür haben die Ausstellung und die Reibung, die sie erzeugte, zumindest einen Impuls gegeben.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Aus den Tagebüchern von Siegward Sprotte aus der Zeit von 1935 bis 1947 liest Michael Schrodt, Schauspieler am Hans Otto Theater, am heutigen Donnerstag, 19 Uhr, im Potsdam Museum, Am Alten Markt. Der Eintritt kostet 4 Euro

Thomas Kumlehn, geboren 1959 in Potsdam, ist freiberuflich als Kurator und Kulturwissenschaftler tätig. Seit 2011 beschäftigt er sich mit privaten Künstlernachlässen im Land Brandenburg.

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