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Till Brönner.
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Interview | Jazztrompeter Till Brönner: "Musik ist ein Werkzeug, um sich zu besinnen"

Der prominente Künstler über die Kraft der Musik, seinen Umzug aus Berlin nach Potsdam und den Auftritt beim Ukraine-Benefizkonzert am Samstag im Volkspark.

Von Lena Schneider

Till Brönner, 30 Jahre haben Sie in Berlin gewohnt, vor wenigen Wochen sind Sie nach Potsdam gezogen. Warum?
Als ich 1991 nach Berlin gezogen bin, habe ich mich mit der Stadt sehr intensiv beschäftigt. In Berlin habe ich wichtige Jahre verlebt, beide Kinder sind hier zur Welt gekommen. Ich bin Berlin sehr verbunden, dennoch erlebe ich, wie die Stadt von ihren sozialen Problemen in Teilen aufgefressen zu werden droht. Das macht mir zu schaffen. Oft hatte ich das Gefühl, dass Berlin einfach etwas länger braucht – aber mittlerweile habe ich das Gefühl: Berlin will gar nix. Aber unabhängig davon sind 30 Jahre in einer Stadt vielleicht auch einfach genug. Da schien mir Potsdam eine gute Alternative. 

Am Samstag sind Sie bei einem großen Benefiz-Konzert im Volkspark dabei. Was war Ihr persönlicher Impuls, für die Ukraine zu spielen?
Oberbürgermeister Mike Schubert hat mich angerufen, das war der eine Grund. Der andere Grund ist offenkundig: Wir sind als Künstler Gott sei Dank relativ leicht in der Lage, für den Anlass zu sorgen, dass Menschen sich für Spenden erwärmen können. In diesem Fall nicht nur aufgrund des Leidens, dem wir völlig ohnmächtig gegenüberstehen, sondern auch weil es überhaupt wieder möglich ist, Kunst und Kultur zu genießen. Das miteinander zu verbinden: Davon bin ich gerne Teil.  

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Was verbinden Sie selbst mit der Ukraine?
Ich habe Konzerte gespielt in der Ukraine, ich habe auch in Russland gespielt. In der Kultur hat es immer einer Verbindung gegeben zwischen den Ländern. Die Künstler, die ich kenne, schütteln alle nur den Kopf, wenn man jetzt auch noch versucht, die Kultur zu spalten. Das wird vonseiten der Künstler nicht klappen. Man merkt, dass Künstler weltweit die gleiche Sprache sprechen. Solche Konflikte, wie es sie jetzt in der Ukraine gibt, wären unter Künstlern niemals möglich. 

Sie denken, dass es bald wieder möglich sein wird, russische und ukrainische Künstler auf einer Bühne gemeinsam zu sehen?
Wir erleben das ja zum Beispiel auch innerhalb Berlins, dass sich russische und ukrainische Künstler ganz bewusst auf einer Bühne zusammenfinden, weil sie Künstler sind – und weil sie als Künstler verbunden sind. Künstler können Kriege in dieser Form nicht befürworten. Natürlich ist der Angriffskrieg ein unglaublich tief sitzender Stachel – aber man darf die Menschen und die Auslöser des Krieges nicht miteinander verwechseln. Künstler können ohne Weiteres gemeinsam auf eine Bühne gehen, weil sie nicht anderer Meinung sind. Kunst ist immer der gleichen Meinung. 

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Welche Meinung vertritt die Kunst denn?
Kunst ist dazu da, um anzuprangern. Kunst ist dazu da, um zu verbinden. Kunst ist ein friedensstiftendes Moment. Das alles kann Kunst, wenn Sie wahrhaftig ist. 

Wenn Kunst dazu da ist, um anzuprangern – wie kann man sich Ihren Auftritt beim Benefiz-Konzert im Volkspark vorstellen?
In den Volkspark komme ich nicht, um anzuprangern, sondern um meine Solidarität mit den Schwächsten zum Ausdruck zu bringen, die auch das Ernst-von-Bergmann-Klinikum unterstützt. Wir kommen, um den schwächsten Kriegsopfern, die es bis hierin geschafft haben oder in der Ukraine vor Ort versorgt werden müssen zumindest ein kleines Maß an Linderung zu verschaffen. Dafür brauchen wir Spenden. Bei dem Konzert geht es um die Menschen, die Geld spenden sollen – die Kunst ist in diesem Falle für sie da. Natürlich soll Kunst Wahrheiten aussprechen, aber sie soll auch unterhalten. Und wenn das für eine gute Sache passieren kann, bin ich gern mit von der Partie. 

Jazz-Musiker Till Brönner zog kürzlich nach Potsdam.
Jazz-Musiker Till Brönner zog kürzlich nach Potsdam.
© AFP

Sie treten gemeinsam mit der Kammerakademie Potsdam auf, mit brasilianischer Musik. Verraten Sie, was Sie spielen werden?
Das wird am Vortag erst erarbeitet – was auch ein sehr, sehr schönes Moment ist. Auch die Kammerakademie hat sich ja spontan zu dem Konzert bereiterklärt. Das ist eine Premiere, ich habe mit der Kammerakademie Potsdam bisher noch nicht gespielt. Wir stellen eine extra Truppe zusammen, bei der sogar der Special Guest Peter Fessler mit von der Partie ist. Darauf bin ich sehr stolz. 

Was, glauben Sie, kann Musik für Menschen in Zeiten der tiefen Verunsicherung und Ängste leisten?
Es gab auch während der Pandemie immer wieder Situationen, in denen ein Großteil der Menschen nicht wusste, wie es jetzt weitergehen soll. Werden wir jetzt immer Maske tragen? Werden wir alle sterben? Es gab sehr viel Unsicherheit in den letzten drei Jahren. Zu allem Übel ist nun noch ein Krieg dazugekommen. Man hat das Gefühl, aus den Superlativen der Unsicherheit gar nicht mehr herauszukommen. Da ist Musik ein Werkzeug, um sich zu besinnen. Jeder Arzt würde Ihnen das bestätigen, dass Musik auch in medizinischem Sinne ein Mittel ist, um zur Ruhe zu kommen. 

Musik als Medizin für die Seele?
Auf jeden Fall. Wie viele Menschen haben das während der Pandemie vermisst! Viele machen daraus sogar ein richtiges Ritual: Sie nehmen sich einen Wochentag frei, um im Konzertsaal dieses aus heutiger Sicht schon fast absurde analoge Erlebnis zu genießen, dass 80 Menschen auf einer Bühne live Musik für einen machen. Das ist definitiv etwas für die Seele, das unterscheidet uns auch von der Tierwelt. Das ist im tiefsten Sinne menschlich. 

In der Pandemie haben Sie sich vehement dafür eingesetzt, dass Kultur nicht verstummen darf. Jetzt machen Sie sich für die Ukraine stark. Sehen Sie sich als jemand, der populär ist, „eine Stimme hat“, in der Verantwortung, diese auch zu erheben? 
Nein. Ich bin Künstler, ich habe vor allem das Interesse, mich selbst zu verwirklichen. Das tun Künstler. Ich bin ja, anders als jemand, der in einer Firma angestellt ist, niemandem Rechenschaft schuldig. Ich bin meine eigene Firma. Die künstlerischen Impulse, die ich für mich persönlich auswerte, kommen ja letztlich aus der Welt, in der wir alle miteinander leben. Das macht mich manchmal auch angreifbar. Ich weiß, dass wir in einem Land leben, das auf seine Kultur besonders stolz sein kann. Deswegen glaube ich, dass wir während der Pandemie auch eine besondere Verantwortung hatten. Wir müssen, auch angesichts der Erfahrung von zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen, Vorreiter bleiben in Sachen Kultur. 

Stichwort deutsche Verantwortung: Wo sehen Sie diese Verantwortung politisch gesehen im Zusammenhang mit der Ukraine?
Ich bin am Wochenende als Künstler da. Um den politischen Teil beneide ich gerade niemanden, das ist ganz klar. Wie kann Europa angesichts des Krieges, der sich ja in Europa abspielt, sicher bleiben? Da glaube ich niemandem, der sich jetzt nach vorne stellt und sagt: Ich weiß genau, wie es geht. Das sollte man von Künstlern auch nicht verlangen. Was Künstler tun können, ist mit ihrer ureigenen Message nach vorn zu treten. Das ist bei mir ein Unverständnis darüber, dass es keinen anderen Weg geben soll, als irgendwo mit Bomben einzufliegen. Das kann ich als Künstler sehr gut begründen. Und das tue ich, indem ich am Samstag auftrete und für die Schwächsten spiele. 

Das Gespräch führte Lena Schneider

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