zum Hauptinhalt
Mit verschiedenen Aktivitäten setzt sich das Aktionsbündnis gemeinsam mit weiteren Organisationen gegen Fremdenfeindlichkeit ein.
© Aktionsbündnis Weltoffenes Werder

Einsatz in Werder (Havel): Gegen Alltagsrassismus und für mehr Toleranz

Lokale Akteure setzen sich in Werder (Havel) für Weltoffenheit ein. Ein rechtsextremes Problem weniger hat die Stadt dadurch bereits. 

Werder (Havel) - Es war im Jahr 1942, als die Jüdin und Werderanerin Resi Salomon von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet worden ist. Das Schicksal von Salomon, die im Werderaner Ortsteil Glindow eine Gärtnerei betrieb, und ihrem Sohn Hans teilen auch andere Jüdinnen und Juden aus Werder (Havel). Heute erinnert ein Straßenschild am neu entstehenden Schulcampus der Hoffbauer-Stiftung in Glindow an die Familie aus Werder. 
„Es ist wichtig, dass an solche Geschichten erinnert wird, damit wir so etwas nicht mehr erleben“, sagt Robin Herz. Der Werderaner hat mit anderen vor Ort das Aktionsbündnis Weltoffenes Werder gegründet. Das Bündnis setzt sich mit verschiedenen Aktionen für Vielfalt und Toleranz sowie gegen Ausgrenzung von Minderheiten ein. Dazu gehörte auch der Anstoß, die Straße nach Resi Salomon zu benennen und am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, am Schild an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Daneben veranstaltet das Aktionsbündnis seit 2017 jährlich im September eine Aktionswoche – auch in diesem Jahr vom 17. bis 24. September mit verschiedenen Aktionen in der Stadt. 

Gegen rechtsextreme Bestrebungen positionieren

Aber braucht die Blütenstadt an der Havel ein Aktionsbündnis für Vielfalt und Toleranz? „Werder ist keine besonders rechtsextreme Stadt. Es gibt kein großes Netzwerk, keine besonderen Ereignisse dort“, sagt der Politikwissenschaftler und Leiter der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien der Universität Potsdam, Gideon Botsch. Da gebe es ganz andere Orte in Brandenburg. Dennoch sei es wichtig, dass eine Stadt sich gegen rechtsextreme Bestrebungen positioniere, sagt der Autor und Herausgeber verschiedener Bücher über die extreme Rechte in Deutschland den PNN. Lokale Akteure seien genauso gefragt wie eindeutige Signale der Politik. 

Auch das Aktionsbündnis Brandenburg gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit verortet in Werder keine bedeutsamen rechtsextremen Bestrebungen. Hin und wieder würden einzelne Akteure der rechten Szene Sticker ankleben oder Flyer verteilen. Ein Aufmarsch der rechtsextremen Kleinpartei „Der Dritte Weg“ konnte sich in Werder wegen zu großer Gegenwehr der Bürger:innen nicht durchsetzen. 

Nun hat sich auch ein anderes Problem durch den Einsatz aktiver Bürger:innen in Werder erledigt. Wie die PNN berichteten, verlegte das Compact-Magazin des Journalisten Jürgen Elsässer seinen Firmensitz und muss Werder verlassen. Die Compact-Magazin GmbH wurde vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft und wird beobachtet. Sie hatte viele Jahre ihren Firmensitz in Werder. „Staatliche Stellen — also auch Kommunen — sind angehalten, jederzeit aktiv für die freiheitliche demokratische Grundordnung einzutreten“, so Brandenburgs Verfassungsschutzchef Jörg Müller. Im Fall von Compact bedeute dies beispielsweise „ganz konkret, dass staatlichen Stellen mit dieser Bestrebung keine Verträge über die Nutzung kommunaler Einrichtungen abschließen sollten“. Auch Politikwissenschaftler Botsch sieht in dem Magazin „eine Gefährdung des Weltfriedens“. Vom Standort in der Adolf-Damaschke-Straße wurden die mehr als 40 000 Magazine an Abonnent:innen und an Verkaufsläden in ganz Deutschland verschickt. „Das ist außerordentlich bedenklich“, so Botsch. Compact bediene bestimmte Ängste: „Die deutsche Gesellschaft am Rande des Abgrunds.“ Laut Botsch ist Chefredakteur Elsässer hervorragend vernetzt und habe entscheidende Kontakte auch in internationale Szene. 

"Wir wollten darauf aufmerksam machen"

Die beiden Aktionsbündnisse Weltoffenes Werder und Brandenburg hatten im Frühjahr mit einer Infoveranstaltung auf das Magazin und seinen Sitz in Werder aufmerksam gemacht. „Es ist wichtig, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass dieses Blatt aktiv unsere Demokratie angreift und sie zerstören will“, so Frauke Büttner, Leiterin des Aktionsbündnisses Brandenburg. „Viele Menschen wissen gar nicht, was das für ein Magazin ist, das sie da in den Händen halten“, sagte Robin Herz. „Wir wollten darauf aufmerksam machen.“ Auf PNN-Anfrage beim Vermieter der Immobilie, in der das Magazin seinen Firmensitz hatte, war herausgekommen, dass diesem der Sitz des Magazins in seinen Räumlichkeiten gar nicht bekannt gewesen ist. Nach einem Hinweis über die unzulässige Untervermietung gab das Magazin dem Vermieter gegenüber dann seinen Umzug bekannt. Laut Impressum ist der Firmensitz nun in Falkensee. Dort wohnt auch Chefredakteur Elsässer. Dem Verfassungsschutz ist der Umzug bekannt. Das Aktionsbündnis Werder sicherte dem Bündnis gegen Rechts Falkensee bereits Unterstützung zu. 

Damit hat sich Werder von einem Makel befreit. Wird die Stadt damit dem Namen des Aktionsbündnisses Weltoffenes Werder gerecht? Nach Daten der Opferperspektive Brandenburg kommt es in Werder häufig zu Fällen von Alltagsrassismus. Der in Potsdam ansässige Verein setzt sich gegen Rassismus, Diskriminierung und rechte Gewalt ein, hilft und berät Betroffene, deren Angehörige und Freund:innen sowie Zeugen. Mit seiner jährlichen Statistik macht die Opferperspektive auf besonders betroffene Regionen und rassistische Übergriffe aufmerksam. Die Zahl der in Werder registrierten Angriffe liegt den Angaben zufolge seit einigen Jahren zwischen einem und drei Fällen pro Jahr. „Werder ist erfreulicherweise eine Stadt mit einer aktiven Zivilgesellschaft, die sich auch immer wieder rechten Bestrebungen entgegenstellt und sich klar dagegen positioniert“, berichtet Lavinia Schwedersky, Mitarbeiterin für die Region. 

Politikwissenschaftler Gideon Botsch
Politikwissenschaftler Gideon Botsch
© dpa

Die Zahlen seien nicht mit anderen Regionen vergleichbar, denn der Verein ist auf Meldungen angewiesen und nicht überall herrschten dieselben Beratungsstrukturen. Über Fälle von Alltagsrassismus hinaus komme es laut der Opferperspektive auch jährlich zu rechten Übergriffen. „In erster Linie handelt es sich um rassistisch motivierte Gewalttaten“, so Schwedersky. 

Mit Hund gedroht

Im April 2020 beleidigten in der Nähe der Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Werder nach Kenntnis der Opferperspektive zwei deutsche Anwohner drei Schülerinnen tschetschenischer Herkunft rassistisch und antimuslimisch und drohten damit, ihren Hund auf die jungen Frauen loszulassen. Als zwei jugendliche Bewohner der Unterkunft hinzukamen und eingreifen wollen, holte einer der Täter ein Messer aus der Tasche und schlug einem der Jugendlichen so fest ins Gesicht, dass dieser zu Boden ging. 

Neben dem zivilgesellschaftlichen Engagement gegen Rechts brauche es immer auch eine klare Haltung der Politik und der Verantwortungsträger:innen innerhalb der Stadtverwaltung, sagt Schwedersky. Sie hoffe, dass die wiedergewählte Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) sich zukünftig auch dem Thema Rassismus und rechte Gewalt verstärkt widmen werde. Manuela Saß teilte auf PNN-Anfrage mit, „in unserer Stadt ist keine Platz für rechte oder rechtsextreme Bewegungen oder Fremdenfeindlichkeit“. Werder sei schon immer eine weltoffene und tolerante Stadt gewesen. Dies werde nicht nur im Stadtbild zum Beispiel an den verlegten Stolpersteinen oder dem deutlich sichtbaren Schild an der Carl-von-Ossietzky Oberschule „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ deutlich, sondern auch an der gelebten Gedenkkultur. „Die Stadtpolitik setzt hier deutliche Zeichen und wird dies auch zukünftig tun.“ Behauptungen, die Stadt würde hier nicht aktiv sein, weise sie zurück. Die Unterstützung der in Werder tätigen Bündnisse und Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, war und ist laut Saß eine Selbstverständlichkeit. 

Robin Herz vom Aktionsbündnis Weltoffenes Werder
Robin Herz vom Aktionsbündnis Weltoffenes Werder
© privat

Auch ein weiteres Netzwerk, das eng mit dem Aktionsbündnis zusammen arbeitet, sorgt in Werder dafür, dass es Geflüchteten leichter fällt, in der Stadt anzukommen. Die Initiator:innen des Netzwerks Neue Nachbarn geben Sprachunterricht, begleiten Betroffene zu Ämtern oder zum Arzt oder der Ärztin oder helfen ihnen, Wohnungen zu finden. Gerade das sei in Werder, wie man es auch aus vielen anderen Kommunen hört, ein Problem. Auch nach Jahren fänden Geflüchtete, die bereits über einen Aufenthaltsstatus verfügten, keinen eigenen Wohnraum. „Das ist hier total schwierig“, sagt Editha Stürtz-Frase vom Netzwerk. Sie findet: „Das ist eigentlich eine politische Aufgabe.“ Die Initiator:innen würden sich lieber damit beschäftigen, direkt mit den Geflüchteten zu arbeiten, anstatt für sie Wohnungen zu finden. „Die Wohnungen sind häufig auch einfach zu klein“, sagt sie. Das städtische Haus- und Grundstücksgesellschaft Werder (HGW) müsse das beachten und kleinere Wohnungen auch mal zusammenlegen. „Es wird noch immer zu wenig bedacht, dass wir in Werder auch Familien mit mehreren Kindern haben.“ 

Neu aufgestelltes Straßenschild der Resi-Salomon-Straße am Bildungscampus in Glindow bei Potsdam.Foto: Thilo Rückeis
Neu aufgestelltes Straßenschild der Resi-Salomon-Straße am Bildungscampus in Glindow bei Potsdam.Foto: Thilo Rückeis
© Thilo Rückeis

An einem Runden Tisch haben sich vor einigen Wochen das Aktionsbündnis, das Netzwerk und Vertreter:innen des Landkreises und der HGW zusammengesetzt, um sich über das Thema auszutauschen. „Das war ein Anfang“, sagt Herz vom Bündnis. 

Gewandeltes Stadtbild trägt zu mehr Weltoffenheit bei 

Aber nicht nur bei der Wohnraumvermittlung werde es Menschen aus anderen Herkunftsländern schwer gemacht, in Werder Fuß zu fassen, so Stürz-Frase. „Neulich wollten wir einen afrikanischen jungen Mann in einen Lehrberuf vermitteln.“ Der Werderaner Betrieb habe abgelehnt. Die Begründung: Man habe schlechte Erfahrungen mit Menschen mit Migrationshintergrund gemacht.  Zur Lage insgesamt in Werder sagt Stürtz-Frase, es sei besser geworden über die Jahre. Bevor die Flüchtlingsunterkunft 2017 geöffnet worden sei, habe es eine „beängstigende Bürgerabwehr“ gegeben. „Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet.“ Stürtz-Frase glaubt, dass es auch an dem gewandelten Stadtbild Werders liegt. „Wir haben jetzt mehr jüngere Familien. Mehr Zuzug. Dadurch wird die Stadt offener.“ Was die Helferin vermisst: „Ich würde mir mehr Engagement der Stadt wünschen. „Für eine offene Stadtgesellschaft braucht es neben den Bürgerinnen und Bürgern, die sich einsetzen, auch politischen Entscheidungswillen.“

Zur Startseite