zum Hauptinhalt
Schöne Geste. Vor dem Spiel gingen gingen Engländer und Deutsche gemeinsam auf die Knie. Im Spiel gab es einen rassistischen Vorfall auf den Rängen.
© IMAGO/Nordphoto

Attacke beim Länderspiel in München: Der Rassismus nach dem Kniefall

Beim Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen England ist ein Zuschauer rassistisch beleidigt und körperlich attackiert worden.

In der 92. Minute des Nations-League-Spiels der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen England am Dienstagabend liegt Jude Bellingham auf dem Rasen der Münchner Arena. Der britische Mittelfeldspieler hat gesundheitliche Probleme. Die Stimmung im Stadion ist aufgeheizt, nachdem kurz zuvor der späte Ausgleich für die Engländer gefallen ist.

In der Südkurve, Block 109, Reihe 23 sitzt der 20-jährige Stuttgarter Tim mit seiner britischen Freundin. Er ist vor wenigen Monaten aus beruflichen Gründen nach München gezogen, die Tickets für das Länderspiel besorgt sich das Paar spontan am Dienstagnachmittag.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Bellingham sitzt immer noch auf dem Rasen, als Tim aus der Reihe hinter sich wüste, rassistische Beleidigungen gegen den 18 Jahre alten Fußballer hört, der für Borussia Dortmund spielt. Wie aus dem Nichts ruft der Mann dem jungen, schwarzen Spieler entgegen: „Steh auf, du N****r!“

Als Tim sich zu dem Mann umdreht und ihn bittet, seine rassistischen Tiraden einzustellen, entgegnet dieser, er würde nicht Tim meinen, sondern Jude Bellingham. Doch kurz darauf gerät Tim selbst ins Visier des Fremden. „Er sagte zu mir, ich soll in mein Land zurück gehen, dabei bin ich hier geboren worden“, erzählt der Stuttgarter dem Tagesspiegel.

Die Situation eskaliert, der rassistische Zuschauer schlägt Tim mit der linken Faust ins Gesicht. Der Satz „Du gehörst in die Gaskammer, man sollte dich vergasen“, soll durch den Mann gefallen sein. Obwohl das Stadion ausverkauft ist, die Plätze und Reihen rund um Tim und seine Freundin alle belegt sind, greift niemand ein.

Niemand greift ein

Auf einem Video der Attacke, das dem Tagesspiegel vorliegt, erkennt man lediglich die weibliche Begleitung des rassistischen Zuschauers, die mit großer Mühe versucht ihren Freund zurückzuhalten. Als schließlich drei Ordner eintreffen, schieben sie Tim – statt ihm zu helfen – aus dem Block. „Um den rassistischen Herrn in der Reihe dahinter kümmerte sich keiner“, berichtet der 20-Jährige später.

Vor dem Block melden sich drei junge Zeugen bei dem Paar, die sich für mögliche Aussagen bei der Polizei zur Verfügung stellen. Die Polizei kommt hinzu und nimmt den rassistischen Zuschauer vorübergehend fest. Nach Angaben der Münchner Polizei handelt es sich bei dem Mann um einen 27-Jährigen aus dem Thüringer Landkreis Gotha. Ermittelt wird gegen ihn wegen Körperverletzung und möglicher Volksverhetzung.

So sehr sich Tim über die drei Zuschauer freut, die sich spontan als Zeugen meldeten, so enttäuscht ist er vom Rest des Publikums. „Nie habe ich weniger Zivilcourage erlebt“, sagt Tim und stört sich vor allem daran, dass im Stadion zwar theoretisch Toleranz gelebt und Diskriminierung verurteilt wird, aber in der Praxis ihnen niemand zu Hilfe eilte. „22 Spieler knien sich vor dem Spiel auf den Rasen, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen, das ganze Stadion klatscht und jubelt – und wenn ich bedroht werde, setzt sich niemand für uns ein“, sagt der enttäuschte Fan.

Zur Startseite