Fit und Fun Marzahn : Diesen Verein gibt's extra für eine Sporthalle

Fit und Fun Marzahn entstand aus politischen Gründen. Der Verein wird zusehends eigenständiger – kämpft aber mit den Folgen eines Brandschutz-Problems.

Rückengymnastik in der Frauensporthalle:: Frauen knien und stehen und halten Holzstiele in den Händen.
Kann auch entzücken. Bei der Rückengymnastik schätzen die Teilnehmerinnen die Geselligkeit und den Effekt für die Gesundheit.Foto: Ingo Salmen

Wer sich ständig bückt, Pflanzen setzt und Unkraut jätet, der muss sich auch mal strecken. „Diese Sportstunde ist der schönste Ausgleich, wenn ich die ganze Woche im Garten gearbeitet habe“, sagt Angelika Schneider. Sie hat gerade eine Einheit „Gymnastisch um 360 Grad“ absolviert, die Matten liegen noch auf dem Boden der Halle im Marzahner Freizeitforum, während eine Trainerin schon Kasten und Balken fürs Kinderturnen aufbaut.

Allzu groß ist die Umstellung zu Harke und Spaten nicht, auch wenn die Übungen etwas schonender ausfallen: Der Stab, den die 67-Jährige und ein gutes Dutzend anderer Frauen in ihrem Alter mit Bedacht um den Körper kreisen lassen, ähnelt einem Besenstiel.

Fallenlassen statt funktionieren lautet die Devise bei Fit und Fun Marzahn (wie das Freizeitforum FFM abgekürzt), den die Leserinnen und Leser unseres Bezirksnewsletters zu ihrem Lieblingssportverein gewählt haben. Diesen Verein gibt es allein wegen eines politischen Anliegens: Berlins erster Frauensporthalle.

Am Anfang stand die Erkenntnis, dass nur ein Drittel der Mitglieder im Vereinssport Frauen sind. Also wollte der Bezirk ein Umfeld schaffen, in dem sie sich nach ihren Bedürfnissen und ohne Leistungsdruck bewegen können. Im Januar 2015 ging es los. Träger der Halle ist der schon lange in der Stadt aktive Verein für Sport und Jugendsozialarbeit (VSJ). Die Kursangebote aber steuert der FFM bei.

Montags bis donnerstags steht die Halle allein Frauen und Kindern offen. Das Programm umfasst Yoga und Trampolin, Badminton, Tischtennis oder Zumba. Einige Kurse sind mit einem Sternchen gekennzeichnet: Dann übernehmen Mitarbeiterinnen im Bundesfreiwilligendienst die Kinderbetreuung, was aber nur wenig angenommen wird. FFM-Projektleiterin Christiane Möhner wundert sich: „Kinder gibt’s eigentlich genug.“

Die Abstimmung

Sie kennen diese Sportreporterfloskeln sicher zur Genüge: Herzschlagfinale, Kopf-an-Kopf-Rennen, Fotofinish. In diesem Fall aber stimmen alle. Zwei Monate lang haben wir mit unserem Leute-Newsletter den beliebtesten Sportverein in Marzahn-Hellersdorf gesucht. Am Ende machte eine Stimme den Unterschied. Bis zuletzt lagen die Berlin Bullets vorn. Doch die Fitnessfrauen zogen noch an ihnen vorbei: Mit 114 zu 113 Stimmen oder 23,7 zu 23,5 Prozent haben unsere Leserinnen und Leser Fit und Fun Marzahn zu ihrem Lieblingsverein gewählt. Auf dem dritten Platz: der Frauen-Fußball-Club 2004 mit 84 Stimmen oder 17,5 Prozent. Insgesamt beteiligten sich 481 Leute. Hier können Sie kostenlos den Newsletter bestellen: leute.tagesspiegel.de

Knapp 300 Mitglieder zählt der Verein inzwischen. Den größten Teil machen Kinder und Jugendliche sowie Aktive ab 50 aus. Der VSJ vergibt die Halle auch an andere Vereine, Kitas und Schulen. Freitags bis sonntags dürfen auch Männer kommen – zum Familiensport.

Einmal in der Woche kommt die Halle zu den Frauen

Ein Kurs findet fernab des Freizeitforums statt: „Sport für Frauen aus aller Welt“ in der Bitterfelder Straße 11. Dort steht eine Unterkunft für Geflüchtete. „Die Frauen sind riesig dankbar“, erzählt Möhner. Nur blieben sie der Halle anfangs fern: der schlechte Einfluss der Männer, die Scheu vor dem Weg, die Suche nach Wohnung und Arbeit, die wichtiger sind. „Sie müssen erst mal den Gedanken haben: Ich tue jetzt was für mich“, sagt Möhner. Deshalb kommt die Frauensporthalle nun zu ihnen. Einmal in der Woche anderthalb Stunden sich nicht strecken müssen, sondern dürfen – und die Erfahrung machen, dass ein Muskelkater noch kein Grund zur Sorge ist.

Der FFM, der anfangs nur ein Kursanbieter war, entwickelt inzwischen zusehends ein eigenes Vereinsleben. „Eine schöne Gesellschaft“ sei die Gymnastikgruppe, erzählt Christa Langgut, der man ihre 76 Jahre kaum ansieht. Die orientalische Tanzgruppe hat für alle Mitglieder schon ein Fest organisiert. Vom Adventskegeln bis zum Besuch beim Turnfestival am Ostbahnhof gab es schon gemeinsame Aktivitäten. Der neue Vorstand kann sich sogar vorstellen, eine grün überwucherte Dachfläche in Eigenleistung für Kurse im Freien herzurichten.

Ein Versprechen hat die Politik noch nicht eingelöst

Mehr Eigenständigkeit wünscht sich nicht zuletzt die Politik. Das Projekt Frauensporthalle war anfangs sehr umstritten, zumal angestammte Nutzer auf andere Hallen ausweichen mussten. Die Kritik ist leiser geworden, aber nicht völlig verschwunden. Der Bezirk verlangt nun ein Konzept, wie die öffentliche Finanzierung (bisher 80.000 Euro für den VSJ) mittelfristig zurückgefahren kann.

Das könnte gelingen, wenn der FFM wächst und mehr Beiträge einnimmt. Aber die Hallenzeiten sind ausgereizt – und ein Versprechen der Politik noch nicht eingelöst. Eine separate Fitnessfläche im Freizeitforum sollte längst für Rehasportkurse in Betrieb sein. Doch erst tauchten Brandschutz-Probleme auf, dann Schimmel und andere Baumängel. Der aktuelle Countup: 585 Tage seit Nichteröffnung.

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