Football Leaks und die Folgen : "An die Fans haben die Topklubs zuletzt gedacht"

Football-Leaks-Autor Michael Wulzinger über Drohgebärden des FC Bayern, das Einknicken von Gianni Infantino – und was der Branche noch alles bevorsteht.

Auch Fifa-Präsident Gianni Infantino könnte durch die neuen Football Leaks-Recherchen Ärger drohen.
Auch Fifa-Präsident Gianni Infantino könnte durch die neuen Football Leaks-Recherchen Ärger drohen.Foto: REUTERS

Die Football-Leaks-Recherchen internationaler Journalisten sorgen wiederholt für Aufsehen in der Fußballbranche. Dieses Mal geht es unter anderem um Schützenhilfe für die Scheichklubs durch Fifa-Präsident Gianni Infantino, Drohgebaren der Elite - und die Frage, ob das Milliardengeschäft Fußball überhaupt noch die Fans und ihre Fankultur braucht. Was neu ist, wie es einzuordnen ist - und wie es weitergeht, erklärt Michael Wulzinger, einer der Rechercheure des "Spiegel" im Interview.

Herr Wulzinger, 70 Millionen geleakte Dokumente lassen sich wahrscheinlich nicht in zwei Sätze fassen. Vielleicht versuchen Sie es trotzdem einmal: Worum geht es beim zweiten Teil von Football Leaks?

2016 haben wir uns vor allem mit Steuerhinterziehung von Spielern und Beratern befasst. Die zweite Welle ist eher sportpolitischer Natur. Wir beschäftigen uns nun mit der Fifa unter ihrem neuen Präsidenten Gianni Infantino und seiner Reform, die offenbar keine ist. Wir beschäftigen uns mit der Macht der Klubs, die von steinreichen arabischen Staaten gekauft wurden, mit ihren krassen Verstößen gegen die Regeln des Financial Fair Play. Generell kann man sagen, es geht um Regelbrüche. Und auch Gesetzesbrüche. 

Aus deutscher Sicht gab es vor allem einen Aufreger. Wie realistisch ist das Szenario Super League?

Uns liegt der Entwurf einer bindenden Absichtserklärung für eine Super League vor, die 2021 kommen soll. Dieser Entwurf ging vor zwei Wochen an den Präsidenten von Real Madrid. Bayern München taucht darin als Gründer auf. Die Bayern haben uns erwidert, sie hätten von Existenz und Inhalt dieses Dokuments keine Kenntnis. Klar ist: Vor zwei Jahren haben sieben Großklubs, darunter auch die Bayern, monatelang an sehr konkreten Plänen für eine Super League gearbeitet. Die Drohkulisse Champions-League-Ausstieg wirkte – seit dieser Saison schüttet die Uefa (der Europäische Fußballverband, d. Red.) den Topklubs wesentlich mehr Geld aus. Die Frage bleibt: Was passiert, wenn die Uefa den Topklubs in der nächsten Rechteperiode nicht erneut eine so horrende finanzielle Aufstockung zubilligt? Die Pläne für eine Super League liegen ausgearbeitet in den Schubladen.

Auch von einem Rücktritt des FC Bayern aus der Bundesliga war die Rede.

Das war ein Teil der Drohgebärden der Bayern vor zwei Jahren. Wenn die Fans jetzt hören, dass es neue Planspiele um eine Super League gibt, schrecken sie auf. Man sah am Wochenende schon die ersten Spruchbänder in einem Stadion – und zwar in München. 

Warum erst jetzt?

Enthüllungen über Steuerhinterziehung sind für viele Fans weiter weg, es interessiert sie, aber es berührt sie nicht so in ihrer Leidenschaft, ihrer Liebe zum Fußball. Das ist bei einem Thema wie der Super League anders. Jetzt geht es um die Frage, ob der Kommerz am Ende das Spiel zerstören könnte. Also den Fußball, so wie die Fans ihn lieben. Das rüttelt die Menschen auf.

Sind es nur die Ultras, die sich gegen den Kommerz wehren?

Das Gefühl, dass die Unterhaltungsindustrie Fußball sich immer weiter von seinem Publikum entfernt, erfasst längst auch ganz normale Fans. Wer will das denn, eine Super League, in der immer wieder dieselben Klubs gegeneinander antreten? Die Fans wollen das nicht. Leute wie der FC-Bayern-Chefjurist Michael Gerlinger hingegen lächeln einen an und sagen: So haben wir der Uefa klar gemacht, dass wir auch ohne sie können.

Der FC Bayern prüfte nach Spiegel-Recherchen einen Ausstieg aus Bundesliga und Champions League
Der FC Bayern prüfte nach Spiegel-Recherchen einen Ausstieg aus Bundesliga und Champions LeagueFoto: dpa

Die Ticketpreise gehen in die Höhe, Investoren geben Milliarden, bei Hertha verbieten sie Fahnen im Stadion. Braucht der Fußball Fans und Fankultur überhaupt noch?

Da darf ich die Gegenfrage stellen: Was wäre Fußball denn ohne die Fans? Eine leblose Show. Unsere Recherchen zu den Super-League-Plänen zeigen, dass die Topklubs an ihre Fans zuletzt gedacht haben. Natürlich würden die Einnahmen um ein Vielfaches steigen. Aber solch ein elitäres Bündnis würde alles bedrohen, was den Profifußball seit Jahrzehnten lebendig hält: den Wettbewerb, die Spannung, die Vielfalt, die Solidarität zwischen den Großen und den Kleinen. Wenn das alles aufgegeben wird, werden auch die Leute irgendwann wegbleiben.

In Deutschland gibt es auch RB Leipzig und den Werksklub VfL Wolfsburg, die große Summen von Red Bull oder VW bekommen. Was ist der Unterschied zu Klubs wie Paris Saint-Germain oder Manchester City?

Klubs wie RB Leipzig, VfL Wolfsburg, TSG 1899 Hoffenheim oder Bayer Leverkusen sind natürlich privilegiert gegenüber vielen Traditionsklubs, die sich auf herkömmlichem Wege finanzieren. Aber in der Bundesliga gibt es noch die 50-plus-1-Regel, die verhindert, dass die Schere zwischen den Reichen und dem Rest so grotesk weit auseinandergeht wie in Frankreich oder in England. Es ist doch bizarr, wenn ein Verein wie Paris Saint-Germain allein von der katarischen Tourismusbehörde QTA pro Jahr 215 Millionen Euro bekommt. Wie soll Olympique Marseille da noch mithalten? Was soll Olympique Lyon da entgegensetzen? Das Ergebnis ist: Der Wettbewerb in der französischen Ligue 1 ist tot. Erstickt vom Geld der Katarer.

Sie sagen, die Uefa drückt beim Financial Fair Play beide Augen zu. Was meinen Sie damit?

Bleiben wir in Paris: Die unabhängige Untersuchungskammer der Uefa untersuchte 2014 massive Verstöße von PSG gegen das Financial Fair Play. Wirtschaftsprüfer hatten den „fairen Wert“ des 215-Millionen-Euro-Vertrages der QTA auf weniger als drei Millionen Euro beziffert. Trotzdem wurde der Klub nicht aus der Champions League ausgeschlossen. Die Katarer bekamen Hilfe – vom damaligen Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino. Ähnlich lief das damals auch bei Manchester City ab, einem Klub unter Einfluss der Herrscherfamilie von Abu Dhabi. Infantino knickte einfach ein unter dem Druck dieser beiden Scheichklubs. Dabei hätte er in die Finanzermittlungen gar nicht eingreifen dürfen.

Welche Konsequenzen wünschen Sie sich aus Ihren Recherchen?

Unser Job ist Aufklärung. Wir wollen Vorgänge und Entscheidungen aufdecken, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden, die aber wichtig sind, um den großen Zusammenhang zu verstehen. Konsequenzen zu fordern – ob sportrechtliche, verbandsrechtliche, strafrechtliche, personelle – steht uns nicht zu. Solch eine Reaktion muss von denen kommen, die durch unsere Berichterstattung erkennen, dass sie womöglich benachteiligt, hintergangen oder betrogen wurden.

Wie geht es mit Football Leaks weiter?

Wir werden in den kommenden Wochen noch über den Handel mit minderjährigen Talenten berichten. Über den dubiosen Umgang mit dem Dopingfall eines Weltstars. Über die Geschäfte der einflussreichsten Spielerberater. Über Rassismus in Vereinen. Aber auch danach wird es weitergehen mit Football-Leaks-Enthüllungen: Unser Informant John, wie er sich nennt, steht weiterhin mit uns in Kontakt.

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