Fußball-WM in Russland : Wie ein WM-Tag im Wettbüro verläuft

Große Hoffnungen, größere Enttäuschungen und zwischendrin kleine Momente der Mitmenschlichkeit: Ein WM-Tag im Berliner Wettbüro.

Niklas Levinsohn
Männer, die auf Monitore starren: In Wettbüros herrscht eine ganz eigene Stimmung. Und Luftbelastung.
Männer, die auf Monitore starren: In Wettbüros herrscht eine ganz eigene Stimmung. Und Luftbelastung.Foto: dpa/ Bernd Settnik

Kleine Plastikfähnchen der WM-Teilnehmer zieren die Girlanden vor dem Wettbüro an der Ecke Samariterstraße. Sie flattern leicht im Wind, der die Frankfurter Allee in Berlin Friedrichshain hinunterbläst. Es ist zehn vor vier. Ich atme noch einmal tief ein, bevor ich für die nächsten sechs Stunden hinter den blickdicht verklebten Scheiben der Bet-3000-Filiale verschwinde.

Als erstes fülle ich meinen Wettschein aus. Schließlich möchte ich dazugehören. Handschriftlich ist das für ein Kind des Internets wie mich schwieriger als gedacht. Vergeblich suche ich in der Liste der verfügbaren Spiele nach den passenden Partien, bis mir eine nuschelnde Männerstimme unter die Arme greift. „Du willst bestimmt WM tippen, oder?“ Ich nicke. Mein Helfer hat einen dichten, grauen Bart und lange, dunkle Locken, die ihm von beiden Seiten ins Gesicht fallen. „Guck mal dritte Seite.“

Sieg England und Sieg Kroatien, jeweils in der regulären Spielzeit, so steht es auf meinem fertigen Wettschein, mit dem ich mich zwei Räume weiter an einen freien Tisch setze. Auf dem Weg dorthin zähle ich die an den Wänden angebrachten Fernsehgeräte. Es sind 28. Elf von ihnen zeigen gerade die Mannschaftsaufstellung der Engländer. Die restlichen 17 Bildschirme sehen auf den ersten Blick aus wie Infotafeln an einem Flughafen. Bloß wird hier nicht etwa über die aktuellen Abflugzeiten informiert, sondern über den Halbzeitstand zwischen Schachtjor Karaganda und Akzhayik Uralsk (Kasachstan) oder die aktuellen Quoten für Navy FC gegen Buriram United (Thailand).

Hochbetrieb vor den Wett-Terminals

Noch ist nicht viel los. Rechts von mir sitzt eine Gruppe junger Männer. Sie trinken mitgebrachten Saft aus Pappbechern, die es neben der Kaffeemaschine gibt. Vor mir ein junger Asiate, schätzungsweise Anfang 20. Es ist eine seltsam schweigsame Art des Fußballguckens, die hier den Raum erfüllt. Als die Engländer in der 30. Minute in Führung gehen, schläft einer meiner Nebenleute bereits auf seinem Stuhl. Der junge Mann vor mir zerknüllt wortlos einen seiner Wettscheine und besorgt sich am nicht mal eine Armlänge entfernten Automaten sogleich einen neuen. Dieses Schauspiel wiederholt sich noch einige Male, bis die 20-Euro-Scheine in seiner linken hinteren Hosentasche langsam weniger werden.

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WM-Talk High Noon: "Die Fans gucken jetzt mit weniger Druck"
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Der Papierberg vor ihm wird dafür umso größer. Nach dem Schlusspfiff verlässt er kopfschüttelnd den Raum und setzt sich an einen Glücksspielautomaten. Ein Mitarbeiter des Wettbüros geht durch die Reihen und räumt das verspielte Geld von den Tischen. In der Hoffnung, dass es im Eingangsbereich etwas ereignisreicher zugeht, wechsele ich für das zweite Spiel meinen Platz. Ich setze mich auf eine Bank neben der offenen Eingangstüre und genieße den leichten Durchzug. Der nuschelnde Mann mit den Locken sitzt immer noch da. Wir kommen ins Gespräch. „Und, wer macht's? Russland oder Kroatien?“, will ich wissen. Ivo, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, gibt sich skeptisch. Er wittert Betrug. „Wenn ein Südamerikaner pfeift, kommt Russland weiter.“

Tatsächlich ist der Unparteiische an diesem Abend ein Brasilianer. Während der Stunden zwischen den Spielen herrscht vor den Wett-Terminals Hochbetrieb. Mit zittrigen Händen hält einer der jungen Kerle die Barcodes seiner Tippscheine unter den Scanner, um zu prüfen, ob die Wetten noch gültig sind. Ist eines der Spiele rot markiert, kann er den Schein wegwerfen. „Scheiße, scheiße“, flucht er und lässt das zerknitterte Papierstück fallen. Ich hebe es wenig später auf. Zehn Spiele, 4 Euro Einsatz, Gewinnchance: 2994,72 Euro. Mehr Lotto als Fußball.

"Nix gewonnen, nur Minus"

Ein älteres Pärchen schaut herein und füttert den Automaten mit zwei 50-Euro-Scheinen. Ich frage den Mann, ob er mir verrät, worauf er gesetzt hat. „2:1 für Russland“, erwidert er zuversichtlich, bevor er sich mit seiner Frau auf den Weg macht. „Die WM ist eine Goldgrube, aber nur für die Wettanbieter“, flüstert mir Ivo zu. Auch er hat eine Handvoll zerrissener Scheine vor sich liegen.

Nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Langsam wird es voll. Die Menschen, die jetzt noch kommen, verteilen sich nach Abschluss ihrer Wetten auf die freien Plätze im Eingangsbereich. Viele begrüßen Ivo per Handschlag. „Salam alaikum, wie läuft's?“, wird er von einem muskelbepackten Mann gefragt, der sich neben ihn setzt. Ivo schüttelt den Kopf: „Nix gewonnen, nur Minus.“ Aber nun soll alles besser werden. Schnell wird deutlich, dass viele ihr Geld auf die Kroaten gesetzt haben. Russlands Führungstreffer löst multilinguales Geschimpfe aus.

Hoffnung aufs Gewinnen schweißt zusammen

Zur Pause steht es 1:1. Die Anspannung ist mittlerweile spürbar. Für viele scheint dieses Spiel die letzte Chance zu sein, das Loch in ihrer Bilanz für den heutigen Tag zu stopfen. Der Zigarettenqualm hängt so dicht in der Luft, man kann ihn fast greifen. Als wäre der Raum mit Zuckerwatte gefüllt. Gräuliche, krebserregende Zuckerwatte. Aus seiner Hosentasche kramt das Muskelpaket etwas Kleingeld hervor und drückt es einem älteren Herren in die Hand. „Bring was Süßes von Netto mit, aber ohne Gelatine“, instruiert er den Mann, der anscheinend in der Halbzeit den Laufburschen spielt.

Wenig später liegt reichlich Schokolade auf einem der Tische und der Mann mit den imposanten Oberarmen lädt die Anwesenden zum Zugreifen ein. Auch mich. „Dicker, was willst du haben?“ Ich entscheide mich für eine Yogurette und sage brav „danke“. Für einen Moment fühlt es sich hier fast gemütlich an. Die Hoffnung aufs Gewinnen schweißt die Leidensgemeinschaft zusammen. In der 60. Spielminute steckt der Jubelschrei schon in den kratzigen Kehlen, aber der Schuss von Ivan Perisic springt vom Innenpfosten zurück ins Feld.

Währenddessen grinst Matze Knops Gesicht von den Werbepostern auf uns herab. Fluchen und Bangen.Dann der Schlusspfiff. Für meinen Schein kommt die Verlängerung zu spät. Andere versuchen sich an einer Live-Wette, doch ich habe genug gesehen. Ich verabschiede mich von Ivo, der kopfschüttelnd das nun wertlose Papierstück zwischen seinen Fingern betrachtet. „Alles umsonst“, höre ich ihn beim Rausgehen noch nuscheln. Dabei war der Tag für die meisten dort drinnen alles andere als das. Von der Schokolade mal abgesehen.

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