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Mitchell Weiser, 23, spielt seit dem Sommer 2015 bei Hertha BSC. Der Sohn des früheren Bundesligaprofis Patrick Weiser kam ablösefrei vom FC Bayern München, wo er sich nicht hatte durchsetzen können.

© AFP

Mitchell Weiser von Hertha BSC: „Irgendwann will ich zu einem Klub der Kategorie Bayern“

Mitchell Weiser spricht im Interview über frühere Selbstzweifel, über die Champions League mit Hertha BSC und seine Umstellung auf vegane Ernährung.

Herr Weiser, in Berlin ist gerade Fashion Week, Sie gelten als durchaus modebegeistert. Haben Sie sich schon was angeschaut?

In den letzten beiden Jahren habe ich das gemacht. Wenn ich noch etwas Cooles entdecke, gehe ich da vielleicht hin. Ich weiß aber nicht, ob ich noch was finde. Und zeitlich wird es auch eng. Wir haben ja am Freitag das Spiel gegen Dortmund.

Was fasziniert Sie an der Modebranche?

Das ist eine eigene Welt mit ganz eigenen Leuten.

Leipzig oder Dortmund können damit nicht aufwarten.

Das stimmt. So etwas findet ja nur in richtigen Großstädten statt (lacht).

In der Vergangenheit sind Sie mit Leipzig und Dortmund in Verbindung gebracht worden. Welche Rolle spielen diese weichen Faktoren bei der Wahl Ihres Arbeitsplatzes?

Bei mir hat das bisher immer eine Rolle gespielt. So etwas wie Kaiserslautern …

… wo Sie ein halbes Jahr gespielt haben …

… würde ich auf keinen Fall mehr machen. Bei allem Respekt vor Kaiserslautern: Da würde mir zu viel fehlen am Leben in einer Großstadt. Aber derzeit beschäftige ich mich damit eh nicht. Was Besseres als Berlin ist schwer zu finden in Deutschland. Ich bin happy hier und habe nichts zu bemängeln.

Können Sie die Vorzüge und die Möglichkeiten einer Metropole als Profifußballer denn überhaupt genießen?

Es geht eigentlich. Es gibt ja auch Tage, an denen wir nur vormittags trainieren. Da kann man schon etwas von der Stadt mitkriegen. Das Besondere an Berlin ist das ganz unterschiedliche Flair, das sich von Bezirk zu Bezirk ändert. Das fasziniert mich. Inzwischen habe ich auch schon die meisten Ecken der Stadt gesehen.

Aber noch wichtiger als der Standort ist wahrscheinlich die sportliche Qualität Ihres Arbeitgebers.

Selbstverständlich. Der Sport ist mein Beruf, da kann ich nicht nur auf den Lifestyle achten.

Sie werden im April 24. Beschleicht Sie langsam das Gefühl, dass Sie demnächst eine Entscheidung treffen müssen, wohin Ihre Karriere noch gehen soll?

Ich muss da gar nichts entscheiden. Ich weiß, wohin ich will. Das wusste ich schon immer. Und das wird sich auch nicht ändern, egal ob ich 24 bin oder 34. Ich werde niemals Fußball spielen und mit etwas zufrieden sein. Auf Hertha übertragen heißt das: Wir spielen zwar derzeit im Mittelfeld, was angesichts der Dreifachbelastung in der Hinrunde in Ordnung ist, aber damit werde ich mich auf Dauer ganz sicher nicht abfinden.

Die Mannschaft hat sich vor der Saison das Ziel gesetzt, unter die Top Ten zu kommen. Können Sie sich mit diesem Ziel noch identifizieren?

Vor der Saison war dieses Ziel vollkommen richtig. Wir wussten nicht, was mit den zusätzlichen Spielen im Europapokal auf uns zukommt. In der Bundesliga haben wir es trotzdem ganz ordentlich hinbekommen. Wenn wir diese Saison Zehnter werden, ist das okay. Dann haben wir ein solides Jahr gespielt. Aber nächste Saison wird es anders ein. So denkt der Verein mittlerweile, so denken auch wir Spieler. Alle sind hungrig. Das gilt auch für die Rückrunde. Wir wissen doch, wie es läuft. Nach dem letzten Spiel der Hinrunde, dem Sieg in Leipzig, waren alle superhappy. Jetzt haben wir zum Rückrundenauftakt in Stuttgart verloren, und schon ist die Stimmung wieder ein bisschen komisch. Aber wenn wir jetzt zwei Spiele gewinnen, ist die Europa League plötzlich wieder möglich. Das geht schnell.

Dortmund ist der prominenteste Gegner, den Hertha zuletzt zu Hause geschlagen hat. Kommt die Borussia gerade recht?

Es ist egal, wer kommt. Wir wollen jedes Heimspiel gewinnen. In der vergangenen Saison ist uns das gegen Dortmund gelungen, aber wir haben auch 2:2 gegen Bayern gespielt. Ich denke, das kann man auch als Erfolg einstufen.

Wer ist ehrgeiziger – Mitchell Weiser oder Hertha BSC?

Seitdem ich hier bin, hat der Verein eine neue Richtung eingeschlagen. Es sind auch noch andere junge Spieler mit viel Potenzial gekommen. Das gefällt mir. Momentan kann man wohl sagen, dass sich das mit dem Ehrgeiz die Waage hält.

Sie sind Außenverteidiger, von denen es nicht so viele richtig gute gibt; Sie sind U-21-Europameister. Da ist es ganz normal, dass sich auch größere Vereine für Sie interessieren. Warum war es im Sommer trotzdem richtig, dass Sie bei Hertha geblieben sind?

Mein Ziel war es, europäisch zu spielen. Deswegen bin ich zu Hertha gekommen. Leider war ich in der zurückliegenden Rückrunde immer mal wieder verletzt. Trotzdem haben wir es geschafft. Und genau das wollte ich: mit der Mannschaft und für mich diese internationale Erfahrung sammeln.

Hat Sie das noch mehr angefixt?

Auf jeden Fall. Auch wenn wir leider nicht sonderlich erfolgreich und die Gegner nicht gerade die attraktivsten waren; auch wenn du in Östersund auf Kunstrasen in einem kleinen Stadion spielst – für einen Spieler sind das besondere Spiele, das ist einfach ein anderes Gefühl. Andere Länder, diese große Bühne, das hohe Pensum: So etwas will ich immer haben.

Sie haben sogar gesagt, dass Sie mittelfristig bei einem Top-Ten-Klub aus der Champions League spielen möchten.

Sind Sie sicher, dass ich Top-Ten-Klub gesagt habe? Ich möchte mittelfristig gern Champions League spielen. Das stimmt.

Halten Sie das mit Hertha für möglich?

Wir haben uns gut entwickelt, wir haben gute Spieler dazubekommen. Aber ich will auch nicht spinnen. Ich sage nicht: Wir müssen mit Hertha in die Champions League. Natürlich fehlt dafür noch einiges, und man darf auch nichts überstürzen. Aber wenn die Entwicklung so weitergeht, ist es vielleicht in drei, vier Jahren möglich.

Sie standen als sehr junger Mann schon bei den Bayern unter Vertrag. Hatten Sie bei Ihrem Abschied Zweifel, ob es für ganz oben reicht? Oder war Ihnen zu hundert Prozent klar, dass es das noch nicht gewesen ist?

Im ersten und im zweiten Jahr bei den Bayern war es nicht leicht für mich. Das gebe ich ehrlich zu. Da hatte ich selbst im Training Probleme und oft das Gefühl: Puh, das ist schon schwer. Manchmal habe ich tatsächlich an mir gezweifelt und mich gefragt: Reicht das? Aber irgendwann habe ich angefangen, an mir zu arbeiten. Plötzlich war mein Kopf anders. Das war schon wie eine Mission, es allen zu zeigen. Im letzten halben Jahr habe ich dann meine Spiele gemacht. Das hat mir gezeigt, dass ich auf diesem Niveau mithalten kann. Natürlich fehlte mir noch etwas, auch deshalb bin ich zu Hertha gewechselt – weil ich mich erst einmal in der Bundesliga etablieren wollte. Aber mittelfristig ist es schon mein Ziel, bei einem Verein der Kategorie Bayern zu spielen.

"Ich habe drei Mal am Tag Fleisch gegessen, schön mit Sahnesoße"

Sie haben zwei unterschiedliche Sommer erlebt, seitdem Sie in Berlin sind. 2016 durften Sie nicht zu Olympia und konnten deshalb bei Hertha die komplette Vorbereitung mitmachen. 2017 gewannen Sie mit der U 21 durch Ihr Tor im Finale den EM-Titel. Täuscht der Eindruck, dass Sie nach dem Turnier nur schwer in Form gekommen sind?

Es war mein erstes Turnier im Profibereich, deshalb fehlen mir die Vergleiche. Wir hatten danach nur einen kurzen Urlaub, aber ich würde das nicht als Ausrede dafür nehmen, dass ich deswegen in der Hinrunde in dem einen oder anderen Spiel nicht so gut gespielt habe.

Waren Sie vielleicht zu ungeduldig?

Finde ich nicht. Dass ich immer spielen will, das wird sich nie ändern. Und die Mehrbelastung habe ich auch ganz gut hinbekommen. Ich habe mich bis auf ein, zwei Spiele immer topfit gefühlt. Und inzwischen höre ich auf meinen Körper.

Sendet er Ihnen positivere Signal als vor einem Jahr, als Sie länger verletzt waren?

Ich weiß nicht, ob die Signale positiver sind. Ich habe damals einfach nicht so auf meinen Körper gehört und auf meine Ernährung geachtet wie heute. Das hat sich erst durch die Verletzung verändert, bei der mir niemand so richtig sagen konnte, woher sie kommt, und mir auch niemand wirklich helfen konnte. Also habe ich selbst ein paar Sachen ausprobiert.

Nämlich?

Zuerst habe ich angefangen, mich glutenfrei zu ernähren. Dann habe ich auf Zucker verzichtet und in der Woche nur noch einmal Fleisch oder Fisch gegessen. Seit einem halben Jahr lebe ich jetzt komplett vegan.

Haben Sie das mit irgendjemandem abgestimmt?

Nein, ich habe nicht einmal mit einem Ernährungsberater geredet. Ich habe mich nur intensiv mit dem Thema beschäftigt, habe viel gelesen, mir Filme angeschaut und viel ausprobiert. Mein Blut ist top. Aber das war eigentlich immer top.

Wie macht es sich dann bemerkbar, dass es Ihnen besser geht?

Hauptsächlich nach den Spielen. Ich spüre kaum Müdigkeit, ich fühle mich gut, komme leichter aus dem Bett. Früher hatte ich nach dem Essen auch oft Bauchschmerzen und habe mich schlapp gefühlt. Ich dachte, okay, das ist normal. Ich habe das nie hinterfragt. Inzwischen weiß ich, dass das nicht stimmt. Es tut gut, sich nicht ausruhen zu müssen vom Essen.

Und vor den Spielen gibt es im Hotel speziell für Sie veganes Essen?

Am Anfang war es schwierig, mit Nello …

… Teammanager Nello di Martino …

… darüber zu reden. Er hat ja als Italiener einen eigenen Blick auf das Thema Ernährung (lacht). Aber im Hotel kriegen wir inzwischen schon unsere Sachen, wobei etwas mehr Abwechslung nicht schlecht wäre. Aber es ist eben nicht so einfach.

Wie haben Ihre Kollegen reagiert?

Anfangs gab es ein paar dumme Sprüche, aber das hat sich inzwischen gelegt. Einige haben sich bei mir erkundigt, wieso ich das mache. Also habe ich es ihnen erklärt. Aber ich wollte niemanden belehren oder bekehren. Ich habe ja früher selbst dreimal am Tag Fleisch gegessen, schön mit Sahnesoße und so. Ich mache das für mich, und mir geht es gut dabei. Julian Schieber hat jetzt auch damit angefangen, Alexander Esswein ist Vegetarier, und ein paar andere essen glutenfrei oder verzichten auf Zucker.

Wie sind Sie auf vegane Ernährung aufmerksam geworden?

Eigentlich durch meine Mutter! (lacht). Sie hat schon immer gesagt, dass ich mich gesünder ernähren soll. Aber Sie wissen ja, wie es ist, wenn die Mutter einem was sagt.

Haben Sie keine Angst, als Leistungssportler einzubrechen?

Wenn man von etwas überzeugt ist, hat man diese Angst nicht. Natürlich muss man mehr essen als früher, weil man sonst an Gewicht verliert. Es braucht auch seine Zeit, bis man genau weiß, wie viel man wovon braucht. Und nicht alles, was vegan ist, schmeckt. Aber mir hat die Umstellung von Anfang an gutgetan.

So könnte Hertha gegen Dortmund spielen:

Jarstein – Weiser, Stark, Lustenberger, Plattenhardt – Maier, Skjelbred – Leckie, Lazaro, Kalou – Selke.

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