• Kolumne „Meine Paralympics“: Rollstuhltennis, zur Not auch gegen den Rat der Ärzte

Kolumne „Meine Paralympics“ : Rollstuhltennis, zur Not auch gegen den Rat der Ärzte

Die Brüder Max und Marcus Laudan haben eine multiple epiphysäre Dysplasie. Das hindert sie aber nicht am Rollstuhltennis.

Berliner Zwillinge mit gutem Schlag. Die Brüder Max (im Bild) und Marcus Laudan haben noch viel vor im Rollstuhltennis.
Berliner Zwillinge mit gutem Schlag. Die Brüder Max (im Bild) und Marcus Laudan haben noch viel vor im Rollstuhltennis.Foto: imago/Claudio Gärtner

Die Geschichte, die ich am Rande der Paralympics in London im Jahr 2012 im Stadion durch Zufall erfahren habe, ist bis heute unvergessen. Ein Schwimmer aus dem Team Südafrika erzählt sie mir, Achmat Hassiem. Der hatte so ein Strahlen, wie sein jüngerer Bruder Taariq, so dass ich beide ansprach. Der große Bruder hatte seinem kleinen Bruder bei einer Hai-Attacke das Leben gerettet – und dabei selbst sein rechtes Bein verloren.

„Mein jüngerer Bruder Taariq und ich hatten an einem Rettungsschwimmerkurs teilgenommen, als Taariq um Hilfe schrie“, erzählte Achmat damals im grüngelben Südafrikadress. Ein knapp fünf Meter langer Weißer Hai. Achmat sagte, er tat das „was ein großer Bruder macht“, er lenkte die Aufmerksamkeit des Tieres auf sich. „Als mich der Hai unter Wasser zog, da war mir klar, jetzt muss ich um mein Leben kämpfen“, sagt der beinamputierte Achmat Hassiem. Achmat trainierte mit der südafrikanischen und ebenfalls beinamputierten Schwimmerin Natalie du Toit, beide kannten sich aus der Schule. Im Jahr 2008 in Peking hat er das erste Mal an den Paralympics teilgenommen.

Nun gibt es wieder zwei Brüder, die Geschichte schreiben wollen. Die Berliner Laudan-Brüder – sie sind Zwillinge, und sie haben beide die gleiche Behinderung und den gleichen Traum: Die Berliner Max und Marcus Laudan wollen erstmals seit 2004 als deutsche Rollstuhltennis-Männer bei den Paralympics dabei sein. Die Para-Qualifikation im März in den USA war indes ein Fehlstart für die Brüder, nach nur einem Turnier mussten beide wegen der Coronavirus-Pandemie wieder zurückreisen.

Marcus Laudan.
Marcus Laudan.Foto: imago/Claudio Gärtner

Max und Marcus Laudan haben eine multiple epiphysäre Dysplasie, eine Störung des Knochen- und Körperwachstums. Die Krankheit wurde derzeit nur bei 13 Leuten in Deutschland diagnostiziert. Bis sie fünf Jahre alt waren, konnten sie ganz normal auf Bäume klettern, doch Arme und Beine wuchsen nicht, nachts hatten die Jungs große Schmerzen. Seit sie fünf Jahre alt sind, sitzen Marcus und Max im Rollstuhl.

Durch ihren größeren Bruder und ihre Mutter wurden sie im Alter von zwölf Jahren zum Rollstuhltennis animiert. Die beiden spielen nun in der der neuen Quad-Klasse, die erst seit 2004 paralympisch ist. Anhänger des Rollstuhtennis kennen Sabine Ellerbrock und Katharina Krüger – sie ist auch Berlinerin. Die Männer warten seit Kai Schrameyer 2004 auf einen deutschen Teilnehmer, wie Nico Feißt vom Deutschen Behindertensport-Verband berichtet.

Die Ärzte rieten, mit dem Rollstuhltennis aufzuhören

Beide Laudan-Brüder haben jüngst ihren Werkstudenten-Job gekündigt, schreiben ihre Masterarbeit in BWL – und arbeiten an ihrer Fitness. Früher haben die „Brothers McLaud“ zusammen trainiert, sie wohnen dicht beieinander, aber jetzt absolviert auch jeder ein individuelles Training. Max, der schon mehr gewonnen hat, verliert aber gegen Marcus regelmäßig die Nerven. Beziehungsweise spielt Marcus gegen Max „gefühlt besser“.

Jetzt sind die vielen, vielen Operationen aus der Kinderzeit fast vergessen. Max hatte seine beste sportliche Zeit bisher vor zwei Jahren, da war er in der Weltrangliste auf Platz zehn. Dann hätte ihn eine Rückenverletzung fast die Karriere – und die Lebensqualität – gekostet. Zehn Monate Zwangspause, sieben Monate davon musste er 16 Stunden täglich ein Korsett tragen. Die Ärzte rieten ihm, mit Rollstuhltennis aufzuhören. Das tat er aber nicht.

Nun strebt er mit Blick auf die Spiele 2024 in Paris eine Medaille an. Und vielleicht könnten dort sogar beide gemeinsam ein Team bilden: „Wir spielen noch nicht so lange zusammen im Doppel und entwickeln uns von Turnier zu Turnier.“ Cheftrainer Niklas Höfken traut den Zwillingen vieles zu. Ein Problem dabei ist allerdings das Geld. Denn eine Rollstuhltennis-Saison kostet mit Reisen, Training und Material rund 45 000 Euro.

Vor jedem Turnier müssen die Laudan-Brüder überlegen, ob es sich finanziell lohnt, hinzufliegen. „Die Japaner reisen drei Tage vorher mit drei Trainern und Physiotherapeuten an. Wir am Abend vorher um 23 Uhr, weil es günstiger ist – oft als einzige Spieler alleine.“ Manchmal erledigten sie in der Matchpause vorm Doppel online etwas für ihren Werkstudentenjob.

Diese Power macht die paralympischen Brüder – und nicht nur sie – einzigartig in der Sportwelt. Nicht der Rollstuhl bestimmt über den Menschen, sondern der über sich selbst.

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