• Wasserball-Bundestrainer im Interview: Hagen Stamm - „Wir liegen auf dem Trockendock“

Wasserball-Bundestrainer im Interview : Hagen Stamm - „Wir liegen auf dem Trockendock“

Bundestrainer Hagen Stamm über die Auswirkung der Coronavirus-Pandemie auf seinen Sport und mögliche finanzielle Probleme bei den Wasserfreunden.

Sebastian Schlichting
Hagen Stamm sorgt sich um seinen Sport.
Hagen Stamm sorgt sich um seinen Sport.Foto: Balazs Czagany/dpa

Hagen Stamm, 59, war einer der besten und erfolgreichsten deutschen Wasserballer. Als Spieler wurde er mit den Wasserfreunden Spandau 14 Mal Deutscher Meister und gewann vier Mal den Europapokal der Landesmeister. Zur Zeit ist er Bundestrainer und zudem Präsident der Wasserfreunde.

Herr Stamm, wo erwischen wir Sie?
Ich bin auf dem Weg in mein Unternehmen.

Sie führen ein Fahrradunternehmen mit Sitz in Hoppegarten. Wie ist dort die Situation?
Unser Laden bleibt zunächst offen, aber das kann sich ständig ändern. Wir bieten einen wichtigen Service. Räder müssen repariert werden, damit die Leute Fahrradfahren können. Das spart Benzin, ist gesund und man ist an der frischen Luft. Daher kann ich nur raten: Fahrt Fahrrad.

Ist bei Ihnen im Laden noch viel los?
Die Verunsicherung ist überall groß. Auch bei uns sind die Umsätze rückläufig.

Kommen wir zu Ihrem Job als Wasserball-Bundestrainer. Wo wären Sie gerade ohne die Coronavirus-Pandemie?
Montag und Dienstag wären wir mit der Nationalmannschaft in Duisburg gewesen, um uns auf die Olympia-Qualifikation einzuschwören. Am Mittwoch hätten wir uns auf den Weg nach Rotterdam gemacht.

Hintergrund über das Coronavirus:

Das Turnier hätte am kommenden Sonntag beginnen sollen. Wann hat Sie die Absage erreicht?
Am vergangenen Donnerstag.

Kam das noch überraschend?
Wir hatten über Tage versucht, den Weltverband zu erreichen, es gab keine Absage. Wir hatten von Montag bis Mittwoch zur Vorbereitung ein Vier-Nationen-Turnier in Hamburg gespielt. Dann dachten wir, es ist nur noch eine gute Woche, wahrscheinlich wird das Qualifikationsturnier nicht mehr abgesagt. Aber die gesamte Situation hat sich anschließend überschlagen. Was einen Tag vorher als ausgeschlossen galt, wurde umgesetzt.

Was bedeutete die Absage für Sie und die Mannschaft?
Die Absage ist selbstverständlich völlig in Ordnung. Es geht nicht anders. Sportlich hat es uns aber eiskalt erwischt. Wir hatten eine super Vorbereitung, haben in Hamburg Rumänien und Georgien geschlagen und gegen den großen Favoriten Montenegro knapp 10:12 verloren. Seit Mitte Dezember hatten wir auf die Olympia-Qualifikation hingearbeitet, das Team hat viele Entbehrungen auf sich genommen.

Wie haben Sie als Trainer reagiert?
Ich habe den Jungs gesagt, sie sollen erst einmal ein Bier trinken und dass ich sie zehn Tage nicht sehen möchte. Sie sollen zu Hause bleiben, eine Wasserball-Pause einlegen und dann fangen wir neu an.

Gibt es in Ihrer Mannschaft oder bei anderen Teilnehmern des Turniers in Hamburg Fälle des Coronavirus?
Bisher ist keiner krank. Ich hoffe, das bleibt so. Die Mannschaften aus Georgien und Rumänien mussten nach ihrer Rückkehr in Quarantäne, weil sie bei einem Turnier in Deutschland waren. Das tut mir sehr leid.

Sie sind auch Präsident der Wasserfreunde Spandau 04. Die Sportanlagen in Berlin sind geschlossen. Wollen und können die Wasserfreunde trotzdem trainieren?
Kaderathleten mit Olympiaperspektive können die Sportstätten nutzen. In einer Mannschaftssportart brauchst du aber eine Mannschaft, beispielsweise für taktische Übungen. Nur mit Kaderathleten ist das nicht sinnvoll. Wir wollen daher bei Spandau 04 am Mittwoch in einer Woche wieder mit dem Training beginnen.

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Für das Qualifikationsturnier gibt es bereits einen neuen Termin: ab 31. Mai.
Ich persönlich glaube nicht, dass der Termin zu halten ist. Die Entscheidung fällt am 30. April. Dann würden wir gegebenenfalls in eine knackige Vorbereitung, um wieder auf das jetzige Niveau zu kommen. Das wäre schwer, aber dieses Problem hätten alle Nationen. Wobei es für uns noch eine Unbekannte gäbe.

Und zwar?
Die Vorbereitung hat 150.000 Euro gekostet. Es ist offen, ob uns DOSB oder BMI (Deutscher Olympischer Sportbund und Bundesministerium des Innern, d. Red.) bei einer zweiten Vorbereitung unterstützen würden. Ich hoffe, unser Verband würde nicht alleingelassen werden.

Fraglich ist nicht nur die Olympia-Qualifikation, sondern die Austragung der Olympischen Spiele generell.
Wenn das IOC Olympia in Tokio absagt, gibt es auch keine Olympia-Qualifikation. Daraus könnte sich eine ganz andere Option ergeben für den Fall, dass das Coronavirus eingedämmt wird.

Sie denken an die Bundesliga.
Als Bundestrainer und Präsident der Wasserfreunde muss ich auf mehreren Feldern denken. Wir müssten den Jungs eine Perspektive geben, wofür sie eigentlich trainieren, falls alles andere abgesagt wird. Vielleicht hätten wir dann das erste Mal seit langem eine Saison in Freibädern. Das wäre sehr attraktiv. Wir könnten mit Spandau hoffentlich im Forumbad spielen. Dann hätten wir Ende Juni oder Anfang Juli einen Meister. Wenn es noch länger dauert, müsste man halt die Ferien in diesem Fall Ferien sein lassen und in dieser Zeit spielen.

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In welchem Ausmaß sind die Wasserfreunde von den Auswirkungen der Pandemie betroffen?
Die Zuschauereinnahmen haben bei uns nicht die große Dimension. Unser Problem sind die geschlossenen Bäder. Wir leben von Sponsoreneinnahmen und Mitgliedsbeiträgen. Ein Schwimmverein will die Mitglieder schwimmen lassen. Im Moment liegen die Wasserfreunde aber auf dem Trockendock. Eine gewisse Zeit würden die Mitglieder sicher die Füße still halten. Doch irgendwann wird die Frage kommen: Ich zahle Beitrag in einem Schwimmverein, wann kann ich schwimmen?

Haben Sie Verständnis für das laute Klagen der Deutschen Fußball-Liga?
Natürlich ist das Klagen auf sehr hohem Niveau. Ich verstehe, dass es um viel Geld geht. Wir sind unter Sportlern immer solidarisch. Aber jeder hat seine Probleme. Unser Etat ist deutlich geringer, gefährdet sind wir jedoch auch. Es ist für alle schwierig. Da sollte man nicht sagen, die haben es besser oder die haben es nicht besser. Ich habe mich selbst dabei ertappt, dass ich am Wochenende überlegt habe, welche Sportveranstaltung ich mir im Fernsehen angucke.

Da gab es nicht mehr viel...
Stimmt. Ich bin genauso Konsument wie alle anderen. Wenn das so weitergeht, muss ich mir wohl bald das Finale der Fußball-WM 1974 ansehen.

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