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Deutsches WM-Quartier: Praktisch statt idyllisch: Watutinki: Jammern gilt nicht

Die Nationalmannschaft ist in Russland gelandet. Dort schlägt sie ihr WM-Quartier in Watutinki nahe Moskau auf - das hat vor allem logistische Gründe

Das exterritoriale Gebiet beginnt an einem grünen Zaun, der noch einmal frisch gestrichen wurde. An manchen Stellen ragt er bis zu viereinhalb Meter in die Höhe. Hier kommt keiner unbemerkt rein. Auf dem 100 Hektar großen Gelände dahinter befindet sich in den kommenden Wochen die abgeschlossene Welt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: ein Hotelkomplex mit dem etwas sperrig klingenden Namen „Gesundheitsfördernde Einrichtung Watutinki“, der noch an die Vergangenheit des einstigen Sanatoriums erinnert.

Von außen erinnert die Unterkunft der Nationalmannschaft an eine Bundeswehrkaserne. Besucher müssten an einem Wachhäuschen vorbei. Müssten. Denn für Normalsterbliche ist der Weg hier zu Ende. Ihnen bleibt nur der Eindruck aus der Ferne. Und der ist unspektakulär, erinnert eher an eine Jugendherberge als an ein Luxushotel.

Die deutschen WM-Quartiere haben eine beinahe mythische Bedeutung

Doch natürlich wird es den Nationalspielern und ihrer Gesundheit an nichts fehlen, wie überall, wo der Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für ein großes Turnier einfällt. Trainieren werden die Weltmeister auf dem Gelände des Armeesportklubs ZSKA Moskau, nur ein paar Kilometer entfernt. Logistisch hätte es das Team damit kaum besser treffen können. Und trotzdem wurde über die womöglich wenig motivationsfördernde Unterkunft Watutinki schon heftig diskutiert. „Jammern gilt nicht“, entgegnet Bundestrainer Joachim Löw.

Die Turnier-Quartiere der Nationalmannschaft haben hierzulande fast schon eine mythische Bedeutung, seitdem 1954 der „Geist von Spiez“ erheblich zum Wunder von Bern, dem Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz, beigetragen haben soll. Die Nationalspieler konnten sich damals in der ländlichen Abgeschiedenheit am Thuner See in aller Ruhe vorbereiten, während ihr Endspielgegner, die favorisierten Ungarn, im Zentrum von Solothurn logierte. In der Nacht vor dem Finale sollen die ungarischen Spieler der Legende nach kein Auge zugemacht haben, weil in der Stadt ein Blaskappellenfest stattfand. Seitdem steht der DFB im Ruf, bei der Quartiersuche so penibel zu sein wie kein anderer Verband. Das Campo Bahia an der brasilianischen Atlantikküste hat dieses Bild vor vier Jahren noch einmal gefestigt. Anfangs musste sich Manager Oliver Bierhoff damals noch gegen den Vorwurf wehren, größenwahnsinnig zu sein, weil die Nationalmannschaft sich angeblich eine Unterkunft komplett nach ihren Vorstellungen habe bauen lassen. Nach dem Titelgewinn wurde die herausragende Bedeutung des Quartiers für den Teamgeist gepriesen. „Campo Bahia war super“, sagt Joachim Löw auch 2018 noch. „Das war für uns eine Oase der Ruhe, der Ausgeglichenheit.“

Abgeschottet. Hinter Metallzaun, Sicherheitskontrollen und Straßenbarrikaden versteckt, liegt das WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft.

© AFP

Auch in Watutinki bezieht die Nationalmannschaft einen Neubau. Die Fotos, die zeitweise vom angeblichen WM-Quartier im Internet kursierten, zeigten aber in Wirklichkeit den alten Komplex, einen Plattenbau sowjetischer Provenienz. Tatsächlich wird die Nationalmannschaft in zwei viergeschossigen Bauten wohnen, die komplett entkernt und umgebaut wurden. Der DFB wusste schon vor der Ankunft an diesem Dienstag, dass noch nicht alles fertig sein würde. Aber das war auch vor vier Jahren im Campo Bahia so. Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten. „Jetzt haben wir andere Verhältnisse, das wussten wir von Anfang an“, sagt Löw.

Vom Ort werden die Nationalspieler nicht viel sehen

Watutinki hat auch schöne Ecken. Der Überlieferung nach ist der Name des Ortes von „Wot tut w tjenke“ abgeleitet, auf Deutsch „Hier im Schatten“. Zarin Katharina die Große soll mit diesen Worten nach langer Reise unter brennender Sonne eine Rast unter einem Baum befohlen haben. Watutinki ist grün, der Fluss Desna fließt durch den Ort. Aber davon werden die Nationalspieler vermutlich nicht viel sehen. Von ihrer Unterkunft am Ortsrand führt ein zweispuriger Zubringer direkt zur Autobahn, vorbei an Blocks mit mehrstöckigen Wohnhäusern auf der einen Seite und Garagen auf der anderen. Das ist der entscheidende Vorzug, den Watutinki für den DFB besitzt.

Der Ort liegt rund 40 Kilometer südöstlich des Moskauer Stadtzentrums und gehört zu Neu-Moskau, dem jüngsten der zwölf Verwaltungsbezirke der russischen Hauptstadt. Er wurde erst 2012 geschaffen und liegt jenseits der ursprünglichen Stadtgrenze. Man muss sich das so vorstellen, als würde der Landkreis Potsdam-Mittelmark nach Berlin eingemeindet. Mit dem Zentrum Moskaus ist Watutinki über zwei Hauptverkehrsstraßen, die Profsojusnaja Ulitsa und den Leninskij Prospekt, verbunden. Morgens stauen sich die Autos auf den drei Spuren stadteinwärts und abends auf den drei Spuren stadtauswärts.

In Watutinki haben die russische Armee und der Militärgeheimdienst noch heute Stützpunkte. Als eine der raren Attraktionen gilt der Siegespark, in dem an erfolgreiche Schlachten erinnert wird. Viele der 25 000 Einwohner sind Soldaten oder Militärangehörige, nach Feierabend sieht man sie mit ihren Familien durch den Ort spazieren. Die Kinder grüßen auch Fremde freundlich, was für echte Moskauer einem Kulturschock gleichkommt.

Überall wird gebaut, dabei ist die Stadt auffallend gut gepflegt

Überall wird gebaut. Moskau boomt, die Menschen brauchen Wohnraum. Straßen werden saniert, Grünflächen angelegt und die letzten Laternen vor dem Quartier der deutschen Mannschaft aufgestellt. Watutinki ist eine typische russische Kleinstadt, allerdings auffallend gut gepflegt. Im Zentrum sieht man überwiegend sogenannte Ziegel-Chruschtschowki, renovierte, fünfstöckige Wohnblocks, die nach dem ehemaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow benannt sind. Es gibt ein Sport- und Kulturzentrum mit einer kleinen Bibliothek. Eine junge Frau erzählt, dass dank der Eingliederung in die Stadt Moskau der Lebensstandard in Watutinki gestiegen sei. Auf die Frage aber, wo man etwas essen könne, antwortet sie: in Troitsk. Das ist die nächstgrößere Stadt, fünf Kilometer entfernt.

Bundestrainer Löw mag es abgeschieden und ruhig

Jürgen Klinsmann, Löws Vorgänger als Bundestrainer, hatte noch Quartiere mitten in der Stadt bevorzugt. Löw hat diese Entwicklung längst wieder zurückgeschraubt. Er liebt es eher beschaulich, abgeschieden und ruhig. Das Campo Bahia stand auf einer kleinen Insel und war nur mit einer klapprigen Fähre zu erreichen. Morgens um sechs Uhr früh zog es Löw an den Strand. Die Bilder, wie er in Shorts und T-Shirt, mit Pilotensonnenbrille auf der Nase gedankenverloren am Atlantik spazieren geht, haben schon fast ikonischen Charakter. Umso verwunderter waren viele, dass es die Nationalmannschaft nicht wieder nach Sotschi an die Schwarzmeerküste gezogen hat, wo sie vor einem Jahr während des Confed-Cups untergebracht war.

Abflug nach Russland. Am Dienstag bestieg Joachim Löw zusammen mit seinem Kader das Flugzeug nach Moskau. Um bei der Platzsuche zu helfen, war jeder Sitz mit dem passenden Spielernamen bestickt.

© dpa

Es gibt unterschiedliche Mutmaßungen, warum sich die Deutschen stattdessen für den Großraum Moskau entschieden haben. Mal heißt es, sie hätten bei Witali Mutko, dem ehemaligen Chef des russischen Verbandes, schon früh im Wort gestanden. Ein andere Erzählung besagt, dass Mutko, der starke Mann des russischen Fußballs, den Umbau der Anlage in Watutinki mit dem klaren Ziel in Auftrag gegeben habe, dass dort während des Turniers der amtierende Weltmeister zu logieren habe. Der DFB wiederum erklärt, die Wahl sei ganz pragmatisch wegen der logistischen Vorteile getroffen worden.

„Unsere Entscheidung ist bewusst für Moskau gefallen“, sagt Löw. Sollten die Deutschen das WM-Finale erreichen, würden sie dort im Idealfall drei ihrer sieben Spiele bestreiten, könnten sich also lange Reisen durch das riesige Reich ersparen. Zudem müssten sie vor dem Halbfinale und dem Endspiel nicht umziehen, sondern könnten in ihrem Stammquartier wohnen bleiben. „Sotschi war sicherlich schöner, mit der Wetterlage, mit Strand und Meer“, sagt Julian Draxler, der beim Confed-Cup Kapitän des deutschen Teams war. „Aber am Ende ist so ein Turnier sehr lang. Vom Reiseaufwand ist Moskau die bessere Wahl.“

Das Motto lautet: "Jammern gilt nicht"

Trotzdem wissen sie beim DFB, dass die Spieler in den kommenden Wochen eine hohe Frustrationstoleranz aufbringen müssen. Die Ablenkungsmöglichkeiten außerhalb des Hotels sind überschaubar, die Gefahr, dass der Lagerkoller ausbricht, ist entsprechend groß. „Vielleicht klappt nicht immer alles, vielleicht stecken wir manchmal im Verkehr, vielleicht ist auch dieses und jenes nicht immer ganz zu unserer Zufriedenheit“, sagt Löw. „Aber wir versuchen es so herzurichten, dass es passt, dass die Arbeitsverhältnisse stimmen. Wenn man anfängt, über gewisse Situationen zu lamentieren, verliert man viel Energie und Konzentration. Das ist fehl am Platze.“

Und Manager Bierhoff hat die Nationalspieler noch einmal daran erinnert, worauf es in den nächsten Wochen ankommen wird: „Wir gehen da ja nicht zum Urlaub hin“, sagt er. „Wir wollen ein Turnier gewinnen.“ Um die Wahrscheinlichkeit dafür zu erhöhen, wird die Nationalmannschaft kommende Woche einen kurzen Urlaub von Watutinki einlegen. Zum zweiten Gruppenspiel gegen Schweden wird sie schon vier Tage vorher an den Spielort reisen. Nach Sotschi.

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