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Bundestrainerin Silvia Neid

© dpa

Nationalmannschaft der Frauen enttäuscht bei EM: Wird Silvia Neid zum Problem?

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen enttäuschte bisher bei der EM in Schweden – auch die Trainerin. Was muss sich ändern?

Auch einen Tag nach der ersten EM-Niederlage der deutschen Frauennationalmannschaft nach 20 Jahren war Silvia Neid noch sauer. Schon direkt nach dem Spiel, dem 0:1 gegen Norwegen, hatte die Nationaltrainerin ihre Spielerinnen auf großer Bühne verbal abgewatscht. „Unterirdisch“ sei das gewesen. „Ich habe eine Menge Fragen an die Spielerinnen. Aber aufrichten müssen sie sich schon selbst.“ Das Spiel gegen Norwegen war der Tiefpunkt einer holprigen Vorrunde des früheren Serien-Europameisters, der beim Turnier in Schweden bisher nur das Spiel gegen Island gewonnen hat. Das Verhältnis zwischen der Trainerin und den Spielerinnen ist angespannt. Die Kritik in der Öffentlichkeit konzentriert sich mehr denn ja auf Silvia Neid, vor allem der Führungsstil der Bundestrainerin wird vor dem Viertelfinale gegen Italien am kommenden Sonntag in Frage gestellt.

In welchem Zustand befindet sich der deutsche Frauenfußball?

Glaubt man Bernd Schröder, dem Trainer von Turbine Potsdam, dann muss man sich um den Frauenfußball in Deutschland keine Sorgen machen. Zumindest was die Klubebene angeht. „International gesehen stehen wir nach wie vor an der Spitze. Vor allem, was die Qualität in der Breite angeht.“ Schröders These lässt sich leicht belegen. In den vergangenen sechs Jahren erreichte immer eine deutsche Mannschaft das Endspiel im Europapokal, viermal kehrten sie siegreich nach Hause zurück.

Was die Nationalmannschaft angeht, verläuft der Trend entgegengesetzt. Nach den WM-Titeln 2003 und 2007 und dem Sieg bei der letzten Europameisterschaft 2009 hat das deutsche Team seine Vormachtstellung verloren. Bei der Heim-WM vor zwei Jahren schied man bereits im Viertelfinale aus, dadurch verpasste man auch die olympischen Sommerspiele 2012 in London. Andere Nationen wie Frankreich oder Japan haben stark aufgeholt oder sind leistungsmäßig gar vorbeigezogen. „Wir müssen aufpassen, dass die Anderen uns nicht noch weiter abhängen“, sagt Schröder.

Ist Silvia Neid noch die Richtige als Bundestrainerin?

Die Antwort hängt vor allem vom Erfolg im Viertelfinale gegen Italien ab. Offensichtlich ist, dass die Bundestrainerin ihrer Aufgabe bei öffentlichen Auftritten nicht immer gewachsen ist. Für die Äußerungen, die Neid über ihre Spielerinnen nach der Niederlage gegen Norwegen von sich gab, sind andere Trainer schon gefeuert worden. Seit nunmehr 31 Jahren ist Neid im Nationalteam. Lange war sie Spielerin, dann Co-Trainerin, nun ist sie Cheftrainerin. In dieser Zeit ist das Interesse am Frauenfußball stetig gestiegen. Inzwischen sind die Stadien voll, überträgt das öffentlich-rechtliche Fernsehen Turniere zur besten Sendezeit. Neid scheint mit den wachsenden Strukturen nicht mitgewachsen zu sein. In Statements spricht sie so, wie eine Trainern das lieber nur in der Kabine machen sollte. Ihre harsche Kritik an ihren Spielerinnen weist auf ein Manko bei ihren Führungsqualitäten hin. Möglicherweise ist sie nicht in der Lage, ausreichendes Einfühlungsvermögen ihre Mannschaft zu entwickeln. Dass ihre gerade die vielen jungen Spielerinnen in ihrem Team einer neuen Stress-Situation ausgesetzt sind, wehrte Neid immer ab. Damit mag sie einem bewusst gewählten Konzept folgen, um nicht mit eigenen Äußerungen die Problematik noch weiter zu verschärfen. So wirkt es aber, als wolle sie das Thema totschweigen.

An der internationalen Konkurrenzlage kann Silvia Neid nichts ändern. Das Leistungsniveau der Frauen-Nationalmannschaften hat sich immer mehr angeglichen. Der Vorsprung, den die deutschen Frauen früher hatten, ist kleiner geworden und wie sich bis zum EM-Ende herausstellen könnte, vielleicht sogar ganz verschwunden. Neid ist eine kompromisslose Trainerin, die ihre Mannschaften mit harter Hand führt. Spielerinnen, die sich zurückgezogen haben, deuteten wiederholt an, dass ihre Führung recht ruppig sein kann. Aber auch im sportlichen Trainingsprozess gibt es Optimierungsmöglichkeiten. Während der EM wird, wie Abwehrspielerin Annike Krahn gestern sagte, kaum noch trainiert. Die Folge der Spiele ist sehr eng, konditionelle Arbeit macht keinen Sinn mehr, aber das sollte nicht dazu führen, bei einer wenig eingespielten Mannschaft auf taktische Übungseinheiten zu verzichten. Jedes Abschlusstraining verläuft gleich und beinhaltet lediglich ein paar Torschussübungen.

Andere Trainer haben fortschrittlichere Methoden - interne Kritikerinnen werden nicht gehört

Was muss getan werden?

Die Trainingsprozesse können weiter verbessert werden, während des Turniers und im Vorfeld. Das System von fünf einwöchigen Lehrgängen mit jeweils zwei Tagen Pause muss überprüft werden. Es wird einfach so gemacht, wie es seit Jahren gehandhabt wird. Es werden auch sehr wenig offizielle Test-Länderspiele absolviert. Vor dem Turnier in Schweden brachen Silvia Neid sechs Stammspielerinnen kurzfristig aus der geplanten Formation heraus. Sie konnte ihr neues Team nicht behutsam, Stück für Stück aufbauen, sondern war zu einem radikalen Neuaufbau gezwungen. Der Umbruch erfolgte zu schnell.

Die Bundestrainerin erhöht mit ihrer öffentlichen Kritik nun den Druck auf ihre Spielerinnen. Sie betrachtet sie rein als Leistungssportlerinnen, die getriezt werden müssen. Ob diese Handlungsweise für eine halbe Juniorinnen-Mannschaft – die meisten von ihnen sind zwischen 18 und 21 Jahre alt – angemessen ist, ist zumindest überprüfungswürdig. Prinzipiell besitzt die junge Mannschaft aber die Qualität, wenn sie sich über eine längere Zeit einspielen könnte, bei der WM 2015 eine Spitzenrolle einzunehmen und vielleicht sogar 2016 erstmals Olympia-Gold in Angriff zu nehmen.

Dafür muss aber alles passen. In der Komfortzone des Deutschen Fußball Bunds, des reichsten deutschen Sportverbands, soll aber alles so bleiben, wie es ist. Eine Auseinandersetzung, um die wirklich besten Lösungen zu finden, wird als nicht notwendig angesehen. Vorschläge von internen Kritikerinnen, wie zum Beispiel der ehemaligen Weltklasse-Torhüterin Silke Rottenberg zur Reform von Trainingsinhalten stoßen auf Widerstand im Kollegenkreis. Maren Meinert, ebenfalls Weltmeisterin von 2003, arbeitet bei den Juniorinnen mit fortschrittlicheren Methoden – sie muss aber in Schweden im Hintergrund bleiben.

Werden die Strukturen beim DFB dem Frauenfußball gerecht?

Es gibt keinen Verband weltweit, der über eine derart gute Struktur verfügt, was den Frauenfußball betrifft wie der DFB. Oder wie Turbine-Potsdam-Trainer Schröder sagt: „Die Strukturen sind Weltklasse. Die Frage ist nur, ob die jeweiligen Positionen auch mit den richtigen Leuten besetzt sind.“ Ranghöchste Funktionärin ist die ehemalige Spielerin Steffi Jones, die sich als Direktorin beim DFB um den Frauenfußball kümmert. Fachleute kritisieren, dass Jones zwar in der Öffentlichkeit sehr präsent ist, inhaltlich bisher aber wenig auf den Weg gebracht hat.

Doch die Bundesliga mit ihren zwölf Teams ist für viele Experten die beste der Welt, als Unterbau fungiert die Zweite Liga mit ihren zwei Staffeln. Darunter gibt es verschiedene Amateurspielklassen, Frauenfußball ist Leistungs- und Breitensport zugleich. Auch die Junioren-Bundesliga ist im weltweiten Vergleich einzigartig. Für alle Junioren-Auswahlmannschaften stehen qualifizierte Trainer und Trainerinnen zur Verfügung. Doch trotz der hervorragenden Bedingen und den Eliteschulen verliert Deutschland die Dominanz im Nachwuchsfußball. Auch hier holen die anderen Nationen auf. „Bei uns gibt es momentan zu viel Masse und zu wenig Klasse“, sagt Trainer Schröder. Ein Problem sei das mangelnde Sponsoring. „Für Jungs ist der Sport auch deshalb attraktiv, weil man dadurch reich und berühmt werden kann. Mädchen, die dieses Ziel ebenfalls verfolgen, sind beim Fußball schlecht aufgehoben.“

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