Dürfen die das? : Warum elf Politikerinnen im Bundestag in Designermode posieren

Elf Politikerinnen posieren in Designerkleidung im Bundestag – ein ungewöhnliches Wagnis. Über das schwierige Verhältnis von Mode und Macht.

Monika Grütters (CDU) ist Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Monika Grütters (CDU) ist Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.Foto: Lottermann and Fuentes für F.A.Z.-Magazin

Monika Grütters hält sich im glänzenden Einteiler ein Telefon ans Ohr. Die Linken-Chefin Katja Kipping posiert im langen, weißen Designerkleid wie eine Diva. Michelle Müntefering fläzt sich in einen Ledersessel. Nicht nur sie, gleich elf Politikerinnen probierten vor Kurzem im Bundestag Modeentwürfe an und ließen sich für eine Magazingeschichte fotografieren. Dürfen die das? Sollten sie so etwas tun?

Klar ist: Es ist ein einmaliger, ein ungewöhnlicher Vorgang. Und ein Wagnis. „Das Verhältnis von Politik und Mode ist heikel“, sagt Christina Holtz-Bacha, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Expertin für politische Inszenierung. „Vor allem für Frauen in der Spitzenpolitik ist Kleidung ein Risiko.“ Würden sie sich sehr weiblich oder auffällig kleiden, ginge es nur noch um ihr Aussehen. Statt um das, was sie sagen.

Katja Kipping ist seit 2012 gemeinsam mit Bernd Riexinger Vorsitzende der Partei Die Linke.
Katja Kipping ist seit 2012 gemeinsam mit Bernd Riexinger Vorsitzende der Partei Die Linke.Foto: Lottermann and Fuentes für F.A.Z.-Magazin

„Den politischen Betrieb haben Männer gemacht, und daraus hat sich auch der Kleidungsstil im Parlament entwickelt“, erklärt Christina Holtz-Bacha. Deswegen passen sich dem viele an und versuchen, in schlichter Blazer-Hosen-Kombination jegliche Ablenkungsdebatte zu vermeiden. Kanzlerin Angela Merkel ist mit ihrer ganz eigenen Uniform zur Meisterin geworden.

Warum haben sich die Politikerinnen im Bundestag trotzdem wie Models ablichten lassen? Hinter der Idee steckt die Designerin Eva Gronbach, die vor einem Jahr den Modeverband German Fashion Designers Federation gegründet hat. „Das Shooting ist genau das, was ich will“, erzählt Eva Gronbach. „Man sieht Mode, die Politikerinnen haben es geliebt – und es wurde in den Parteien darüber diskutiert.“

Michelle Müntefering (SPD) ist Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik beim Bundesminister des Auswärtigen.
Michelle Müntefering (SPD) ist Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik beim Bundesminister des Auswärtigen.Foto: Lottermann and Fuentes für F.A.Z.-Magazin

„Klar, manche hatten anfangs Sorge, wie Modepüppchen auszusehen“

Womöglich nicht nur dort. Versuchen sich Politikerinnen mal mit einem modischen Experiment, sind ihnen Urteile der Wähler und Medien gewiss. Die Digitalstaatsministerin brachte die Menschen bei der letzten Gala zum Deutschen Computerspielepreis mindestens zum Schmunzeln.

Dorothee Bär (CSU) trug ein mit mehreren Gürtelschnallen besetztes, blaupinkes Latexkleid von Marina Hoermanseder. Eine Designerin, die sonst eher Lady Gaga und Rihanna einkleidet. Länger zurück liegt der Aufreger wegen Gabriele Maud Pauli, ebenfalls CSU. Sie blieb in Erinnerung als jene, die maßgeblich am Sturz des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber beteiligt war. Und als die Frau, die für ein Magazin in langen, schwarzen Latex-Handschuhen posierte.

Die elf Politikerinnen – unter ihnen Dorothee Bär – hätten sich wohl keineswegs auf das Fotoshooting im Bundestag eingelassen, wenn Eva Gronbach nicht ein bestimmtes Mitglied in ihrem Kuratorium hätte: Renate Künast. Die beiden kennen sich von Veranstaltungen zur Nachhaltigkeit auf der Fashion Week. Gronbach habe Künast unbedingt als Beraterin gewollt und ihr später von der Idee erzählt. Wie Künast geholfen hat?

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete habe „Vertrauen geschaffen, damit die Politikerinnen an Bord kommen“. So drückt es Gronbach aus. Sie selbst habe die Politikerinnen zwar angeschrieben, aber nicht vergessen, ihre bekannte Beraterin zu erwähnen. Die FDP habe abgelehnt.

Renate Künast (Grüne) überzeugte die Politikerinnen von der Idee.
Renate Künast (Grüne) überzeugte die Politikerinnen von der Idee.Foto: Lottermann and Fuentes für F.A.Z.-Magazin

„Klar, manche hatten anfangs Sorge, wie Modepüppchen auszusehen“, erzählt Renate Künast. „Du wirst dann doch nicht mehr ernst genommen, hieß es zum Beispiel.“ Dorothee Bär habe gezweifelt, Grütters’ Büro erst Nein gesagt. Dann umwarb Künast die beiden: „Ach, Monika“, habe sie gesagt, „ich würde das ja auch nicht tun, wenn es nicht seriös wäre.“ Abgedruckt wurden die Bilder in der Januarausgabe des „Frankfurter Allgemeine Magazins“. Bald sollen sie in einer Ausstellung zu sehen sein.

Warum sie sich überreden ließen und wie die Aktion wirkte und angesehen wurde, wollten nur zwei Frauen auf Anfrage des Tagesspiegels hin beantworten. Diana Kinnert (CDU) habe mitgemacht, weil ihr klar gewesen sei, dass es um „keine glatte Serie mit oberflächlichen Stereotypen oder zu privaten Momenten“ gehen würde.

In ihrem Umfeld seien die Reaktionen durchweg positiv gewesen. „Aber mein Umfeld ist eben sehr kunst- und kulturaffin und nimmt Mode schon immer ernst.“ Mit Menschen aus dem klassischen politischen Geschehen habe sie danach nicht viel darüber gesprochen. „Dort vermute ich sicher etwas mehr Irritiertheit“, sagt sie. Irritiertheit sei aus ihrer Sicht aber etwas Gutes. Wenn sie fest verankerte Vorurteile löse.

Michaela Noll (CDU) ist Präsidentin der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft.
Michaela Noll (CDU) ist Präsidentin der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft.Foto: Lottermann and Fuentes für F.A.Z.-Magazin

Gerhard Schröder wurde für seine Bilder im Brioni-Anzug kritisiert

SPD-Politikerin Yasmin Fahimi findet auch: Mode ist Kunst! Und warum sollte sie nicht auch in den Räumen des Bundestags präsentiert werden dürfen? „Es war einmal ein ganz anderer Termin in meinem sonstigen Parlamentsalltag“, sagt die ehemalige Generalsekretärin ihrer Partei – und habe „wirklich viel Spaß gemacht“.

Sich so zu präsentieren, kann allerdings auch schnell ernst werden. „Wähler haben Erwartungen an Politiker, an ihr Verhalten, und Kleidung wird auch als Spiegel ihrer Identität angesehen“, sagt Holtz-Bacha. Das bedeutet: Die Menschen glauben vom Outfit auf die Persönlichkeit schließen zu können. Darauf, wer sie im Kern sind. Ob sie ihnen vertrauen können.

Das gilt für Frauen wie für Männer. Als sich der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 1999 im Brioni-Anzug aus Kaschmirwolle und mit Cohiba-Zigarre von Peter Lindbergh fotografieren ließ, wurde der Sozialdemokrat für das Zurschaustellen von Luxus verurteilt.

„Warum soll mein Stil erst in den Geschichtsbüchern beschrieben werden?“, fragte Schröder verständnislos. Heute versucht es der eine oder andere eher mit mehr Lässigkeit. Außenminister Heiko Maas wählt mal die Lederjacke, FDP-Chef Christian Lindner das weiße, leicht geöffnete Hemd. Beides Geschmackssache.

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