Besuch bei Bacchus : Radtour zu Winzern in Brandenburg

Brandenburg und Wein? Doch, das passt. Auf einer Radtour entlang der Havel probiert man sich so durch, begegnet der Vergangenheit und der Gegenwart.

Reif zur Lese: Trauben auf dem Wachtelberg
Reif zur Lese: Trauben auf dem WachtelbergFoto: Kitty Kleist-Heinrich

Lange bevor Preußen begann, seine Italien-Sehnsucht entlang der Havelseen zu zelebrieren, wurde in der Mark Wein angebaut. Bald 850 Jahre ist es her, dass der Brandenburger Weinbau erstmals urkundlich erwähnt wurde. Mönche brachten die Reben vom Rhein an die Havel; die Weinberge in Werder, Phöben und Töplitz gehörten zum Kloster Lehnin.

Wein wurde populär, auch wenn die Qualität nicht immer mithalten konnten. „Märkischer Erde Weinerträge gehen durch die Kehle wie ’ne Säge“, spotteten die trinkfesten Studenten von Frankfurt / Oder. 1578 versuchte die erste brandenburgische Weinmeisterordnung, Qualität festzulegen: Es gab den vollreifen Ehrwein, Tischwein und den nur für die Küche tauglichen Fischwein.

Zuerst der Klausberg

Auf dem Bacchusweg begegnet man Vergangenheit und Gegenwart des Weinbaus. Am besten startet man mit dem Königlichen Weinberg am Klausberg in Potsdam. Nicht nur, weil diese noch halb im Dornröschenschlaf liegende Anlage unterhalb des Belvedere so viel Charme ausstrahlt, auch, weil in der Person Friedrichs des Großen das ambivalente Verhältnis zum lokalen Wein deutlich wird.

Nach dem großen Frost 1740 wollte er auf heimische Reben verzichten und Getreide anbauen. Wein sollte vom Rhein kommen und Steuereinnahmen bringen.

Doch die Brandenburger verteidigten ihren Wein, auch die Qualität des Potsdamer Roten ließ Friedrich umdenken. 1769 wurde der Königliche Weinberg angelegt, auf dem Grenadier Werley die Reben zog. Viel Erfolg hatte er nicht, fiel in Ungnade und konnte nie das Drachenhaus beziehen, das der König als Wohnung für seinen Winzer bauen ließ.

Bei Aufräumarbeiten in der von Brombeeren überwucherten Anlage fanden Gärtner Reben aus der Kaiserzeit. Heute stehen hier mehr als 3200 Stöcke der Sorten Phoenix, Cabernet Blanc und Regent. Gepflegt werden sie von Mitarbeitern des Integrationsunternehmens Mosaik.

Wild romantisch: Weinberg am Klausberg.
Wild romantisch: Weinberg am Klausberg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Weingut Klosterhof

Vom Töplitzer Weinberg reicht der Blick weit über die idyllische Insellage. Im Weingut Klosterhof werden seit 2007 auf drei Hektar Bio-Trauben angebaut. Das schon von den Zisterziensern geschätzte Mikroklima hilft dabei, auf den Einsatz von chemischem Pflanzenschutz zu verzichten.

Der Wind, der durch die Rebzeilen weht, sorgt für Abtrocknung, Sonnenstunden gibt es mehr als in der Pfalz. Die Trauben von Klaus Wolenski sind beliebt bei Staren, Wespen und Waschbären. „Wir spannen 20 Kilometer Netze.“ Doch Wolenski hat auch Helfer aus dem Tierreich, etwa Schafe, die die Begrünung im Weinberg kurz halten.

Brotzeit bei der Familie: Klaus Wolenski und Tochter Lara vom Töplitzer Weinberg.
Brotzeit bei der Familie: Klaus Wolenski und Tochter Lara vom Töplitzer Weinberg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Um Qualitätsweine zu erzeugen, muss der Ertrag reduziert werden. Aus herausgeschnitten unreifen Trauben presst Klaus Wolenski Verjus. Er vereint Würze mit Säure, kommt im Berliner „Nobelhart & Schmutzig“ ins Essen und in der Bar „Becketts Kopf“ in die Drinks. Die Lieblingsrebsorte von Tochter Lara Wolenski ist die robuste Neuzüchtung Cabernet Blanc, die kaum Pflanzenschutz braucht und in Töplitz bestens gedeiht.

Aus den Trauben entsteht ein Stillwein, aber auch die leicht moussierende Variante Pétillant Naturel, ein erfrischend herber Brandenburger Landwein mit Aromen von Johannisbeeren samt Blättern, mit seinen zarten Perlen ideal für ein Picknick inmitten der Reben. Klaus Wolenski hofft, seine Besenwirtschaft mit gelockerten Corona-Regeln bald wieder öffnen zu können.

Abstecher zur Käserei

Apropos Picknick: Zum Glück gibt es auf der Insel Töplitz eine lokale Käserei. Die schwarzbunten Kühe der Familie Hennig grasen auf dem nahen Uhlenberg und kommen nur zum Melken in den historischen Vierseithof. Die Milch wird in der Hofkäserei von Daniela Hennig-Diebler zu Töplitzer Weißschimmel oder Uhlenbergkäse, Bauernkäse mit Bärlauch oder Bockshornklee, Frischkäse, Quark oder Joghurt. Bei Winzerfesten ist der Käsestand schnell leergefegt. Freitags wird ab Hof verkauft, samstags auf dem Markt am Nauener Tor in Potsdam.

Anhöhe mit Ausblick: Stopp bei Winzer Jens-Uwe Poel vom Phöbener Wachtelberg.
Anhöhe mit Ausblick: Stopp bei Winzer Jens-Uwe Poel vom Phöbener Wachtelberg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Am Phoebener Wachtelberg

Eines stellt Jens-Uwe Poel gleich mal klar: Auf Wildgeflügel muss man am Phöbener Wachtelberg nicht lauern. Der Name seines Weinbergs leitet sich von Wachtturm ab – und tatsächlich genießt man von der Anhöhe einen wunderbaren Ausblick. 2011 wurde Gastronom Poel, der ein Catering-Unternehmen und eine Reihe von Kantinen betreibt, zusätzlich Winzer.

Seitdem hat sich die Anbaufläche auf fast einen Hektar verdoppelt. Dabei hat Poel auch Lehrgeld zahlen müssen. „Ich wollte gerne Trollinger anpflanzen, aber der ist auch im dritten Jahr nix geworden.“ Gelesen werden die Trauben mit Weinfreunden, die eine Patenschaft über die gut 3000 Stöcke übernommen haben.

Wein ist Kommunikation, das weiß Poel, für Verpflegung ist bei ihm auch gesorgt. Seine Weine hat er „Kagelwit“ getauft, nach einem Mönch des Klosters Lehnin. Der machte später groß Karriere – ob der Wein dabei geholfen hat, wissen wir nicht. In Werder hat Poel einen Winzerhof mit zwei Ferienwohnungen und Weinkeller eröffnet.

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Auf einen Snack zum Fischer

„Fischwein“ wird im Havelland nicht mehr produziert, aber Fischer gibt es noch. Wie Nick Berner, dessen Vater in der Fischereigenossenschaft Werder arbeitete. Nach deren Auflösung übernahm die Familie den Betrieb am Ufer des Großen Zernsees. Von hier fährt Berner raus bis nach Phöben, um Netze und Reusen zu kontrollieren.

Dass er weniger Zander und Hechte fängt, führt der Fischer auch auf die Zunahme der Kormoranpopulation zurück. Wer sich seinen Fisch selbst fangen will, kann das im Angelteich probieren, für alle anderen ist es Zeit für eine Runde puristischer Fischbrötchen aus dem Hofladen: warmes Gebäck, kein Salat, keine Saucen. Zu kaufen gibt es Fischsuppe, Fisch aus dem Rauch oder lebend aus dem Bassin. Im Sommer machen Freizeitkapitäne direkt am Anleger fest, um sich bei Berner einzudecken.

Für die Zukunft gerüstet:  Manfred Lindicke, so etwas wie die Vaterfigur des Brandenburger Weinbaus.
Für die Zukunft gerüstet:  Manfred Lindicke, so etwas wie die Vaterfigur des Brandenburger Weinbaus.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Muss sein: Der Werderaner Wachtelberg

Jede Weintour im Havelland muss zum Werderaner Wachtelberg führen, ja hier gipfeln. Manfred Lindicke ist die Vaterfigur des Brandenburger Weinbaus, seit 1996 hütet der promovierte Gartenbauingenieur seine Reben, 2012 kam der neu aufgerebte Werderaner Galgenberg hinzu.

Nicht nur jeden Bacchuspilger zieht der Ausschank in der „Weintiene“ an. Auch die Trauben vom Königlichen Weinberg und vom Phöbener Wachtelberg landen nach der Lese bei Lindicke in der neuen Kelterei, die der Region ein Stück Weinautarkie bescherte. Zuvor mussten die Trauben aus Werder an die Saale zum Landesweingut Kloster Pforta auf die Kelter gefahren werden.

Der Werderaner Wachtelberg zeigt sich für die Zukunft gerüstet. Mit Sauvignac, Cabernet Blanc, Muscaris und Saphira wachsen hier neue, widerstandsfähige Weißweintrauben, die weniger anfällig sind für Pilzerkrankungen und Fäulnis. Für seinen „Regent 2015“ wurde Lindicke als bester Erzeuger unter zehn Hektar Betriebsgröße ausgezeichnet.

Und doch sieht der Winzer den Brandenburger Weinbau vor Herausforderungen: „Es gibt Alters- und Nachfolgeprobleme, es fehlt den Winzern an Absatzmöglichkeiten.“ Denn anders als in Sachsen, wo die Dresdner Gastronomie selbstbewusst lokale Weine auftischt, sieht es mit dem Angebot auf den Weinkarten in Potsdam und Berlin bescheiden aus. Der Trend zu regionalen Lebensmitteln hat den Brandenburger Wein noch nicht erreicht. An seiner einst verspotten Qualität kann das nicht mehr liegen.

STATIONEN DIESER GENIESSERTOUR

Königlicher Weinberg am Klausberg. 1769 auf Befehl von Friedrich dem Großen angelegt, heute als Projekt der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten mit dem Integrationsbetrieb Mosaik wieder bewirtschaftet. Ausstellung „Wein wie am Rhein“ bis 28. September immer Di/Do 10 – 13 Uhr im „Alten Heizhaus“. Das Königliche Weinfest fällt dieses Jahr aus.

– Maulbeerallee 4, Potsdam, Tel. 030/21 99 07 12, koeniglicher-weinberg.de. Anreise ÖPNV ab Potsdam Hbf mit Bus 695 bis Drachenhaus.
Weingut Klosterhof Töplitz. Bioweinbau der Familie Wolenski auf der Insellage Töplitz, wo die Zisterzienser vor 600 Jahren die ersten Reben pflanzten. Besenwirtschaft und Picknickplatz zwischen den Reben Sa / So ab 15 Uhr. Wegen der zurzeit gültigen Corona-Regeln ist die Wirtschaft bislang geschlossen. Der Weinverkauf ab Hof nach tel. Anmeldung läuft weiter. Bezug auch online über den Webshop.

– Am Alten Weinberg 7, Werder (Havel), OT Töplitz, Tel. 033202/61841, weingut-toeplitz.de

Hofkäserei Hennig. Töplitzer Weißschimmelkäse, Camembert und Quark von eigenen Kühen. Hofverkauf Fr 10 - 18, Spezialitätenmarkt am Nauener Tor in Potsdam, Sa 9 -16 Uhr.

– Weinbergstraße 18, Werder (Havel), OT Töplitz, hofkaeserei-hennig.de
Phöbener Wachtelberg. 3800 Weinstöcke, die Trauben für die nach dem Lehniner Mönch Kagelwit benannten Weine liefern.
– Winzerhof & Weinkeller, Potsdamer Str. 9, Werder (Havel), Jens-Uwe Poel, Tel. 0175- 2324853, phoebener-wachtelberg.de

Fischerhof Berner. Hofladen mit frischen Fischbrötchen, Selbstgeräuchertem und Frischfisch. Angeln im Teich möglich, Boote können direkt vom Wasser aus festmachen.
– Phöbener Chaussee 5a, Werder (Havel), OT Kemnitz, Tel. 03327/43446, Mo - So 8 - 18 Uhr, raeucherfisch-werder.de

Werderaner Wachtelberg. Preisgekrönte Weine, Schauweinberg mit 150 Sorten, Weinverkauf und Wirtschaft „Weintiene“ bis Mitte Oktober. Freitag ab 14 Uhr, Sa/So ab 10 Uhr, ab August zusätzlich wochentags 14 - 20 Uhr.
– Am Wachtelwinkel 30, Werder (Havel), Tel. 03327/741410, weinbau-lindicke.de

Die Tour. Die Genießertour „Wie Gott im Havelland – Bacchus lässt grüßen“ erkundet man am besten mit dem Fahrrad. Auf 61 Kilometern gibt es 17 Stationen zu entdecken. Informationen und Kartendownload unter geniessertouren.org

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