Das "Rentnerbeige" ist wissenschaftlich belegbar

Seite 2 von 3
Berlinale - 100 Jahre Technicolor : Schönfärberei - Was Farben mit uns machen
Im Farbrausch. Der Technicolorfilm „The Wizard of Oz“ von 1939 läuft in der Retrospektive der Berlinale.
Im Farbrausch. Der Technicolorfilm „The Wizard of Oz“ von 1939 läuft in der Retrospektive der Berlinale.Foto: George Eastman House/Turner Entertainment Co

Farben vermittelten noch heute Orientierung in sozialen Hierarchien. Selbst in Turkmenistan seien die Schaffelle der Reichen die hellsten. Solvenz kann die Farbe von dunkelblauen hanseatischen Dufflecoats oder alten, wachsgrünen englischen Barbour-Jacken annehmen. Das ist natürlich ein Vorurteil.

Buether hat dagegen das viel belachte Rentnerbeige empirisch nachgewiesen. Mit seinen Studenten hat er mit hunderten Fotos „Farbmilieus“ in Halle erstellt: für das Bordell, das Seniorenheim, das Theater, den Kindergarten. In der Diakonie herrschten eindeutig Beige-Ocker-und Grüntöne.

„Man beschränkt sich selber“, sagt Buether über das Alter. Der Ältere meide Schwarz. Suche hellere Naturfarben. Eine edlere Version von Beige, Violett, Chromoxid, „Schlösser-Farben“, leuchtend, aber nicht grell. Alte Leute wollten optisch nicht so laut sein und trügen deshalb gebrochene, „abwartende“ Farben. „Erziehung im Kollektiv“ nennt Buether das. Und Kollektive wirken überall.

Die Branche bestimmt den Dresscode

Buether berichtet von Studenten, die ihr Studium bunt beginnen und dann in den jeweiligen Dress-Code einer Branche hineinwachsen: gedeckt und dezent für geistige Tätigkeiten, bunter für kommunikative, Wissenschaftler seien in der Regel „sehr entfärbt“. Ja, das sei auch Gruppendruck. Nur die Trotzigen bleiben bunt. In der Pubertät, sagt Buether, gebe es oft knallige Fehlgriffe beim Kleiderkauf, Symptom der Suche und der Rebellion. Dann sagt er den schönen Satz: „Erwachsensein ist auch eine Art der Entfärbung.“

Entfärbung stellte er auch in Unterschichtenmilieus fest, aus denen aber einzelne Dinge sehr grell hervorstechen. Schuld daran ist auch die schlechte Qualität günstiger Pigmente, zum Beispiel die verblassenden Teer-Pigmente schlechter Straßen. Die grau-bräunliche Palette, nicht lichtecht, werde so tatsächlich zur Vorstadt-Farbe.

Buether selbst mischte vor zwei Jahren Abtönfarbe ins Weiß und strich die Wand gegenüber von seinem Schreibtisch sonnengelb. Das war kein Trotz, sondern Kenntnis über die euphorisierende Wirkung künstlichen Sonnenscheins in einem Wuppertaler Dozentenbüro. Darin sitzt er nun in seinem Pullover zwischen Petrol und Türkis und leuchtet sogar ein bisschen von innen. Die Identität und die Ausstrahlung einer Stadt war lange die Frage ihrer typische Baumaterialien: Dresden leuchtet in der Farbe seines Sandsteins, Marmor charakterisiert Venedig, der Ziegel Berlin und der dunkle Schiefer Wuppertal im Bergischen Land.

Es gibt Farben, die Jahrzehnte signalisieren, man kann sie sich inzwischen als Zitat bei der Foto-App Hipstamatic über die eigenen Bilder legen. Das Orange der 70er zum Beispiel, das ja von ganz verschiedenen Quellen herrühre: der Musik, den Drogen, den Reisen nach Indien, wo die Religion in Orange herkomme.

Der Berliner Osten erschien gelb, der Westen blau

Noch lange Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung konnte man oben vom Berliner Fernsehturm unten den Osten und den Westen der Stadt wegen ihrer unterschiedlichen Färbung klar voneinander trennen: gelblicher der Osten, bläulicher der Westen.

„Quecksilberdampflampen entfärben alles sofort“, sagt Buether. Alles erscheine gelb in ihrem Licht, das Farbspektrum schrumpft zusammen, die Kontraste treten schlechter hervor, alles sehe einfarbig, gelblich und trist aus. Die Tristesse der DDR war also auch ein Problem der Beleuchtung. Während einige noch fanden, die Farbtemperatur stünde auch für die jeweilige soziale Wärme oder Kälte der Systeme, wurden Stück für Stück die Laternen des Ostens durch die des Westens ersetzt.

5 Kommentare

Neuester Kommentar