Im Brexit-Chaos : Was macht David Cameron?

David Cameron rief das Brexit-Referendum aus. Mit Bedauern schaut er auf das Chaos, das seine Nachfolgerin sortieren muss. Und macht Pläne für die Zeit danach.

David Cameron verdient sein Geld mittlerweile mit Vorträgen.
David Cameron verdient sein Geld mittlerweile mit Vorträgen.Foto: Richard Brian/Reuters

Es ist nicht so, dass er sich versteckt. Er legt nur gerade keinen Wert darauf, sich unters Volk zu mischen. Ein Volk, dass gewissermaßen einmal sein Volk war. Ist noch gar nicht so lange her. Doch es scheint wie eine Ewigkeit.

An einem regnerischen Tag Anfang Dezember des vergangenen Jahres schlendert David Cameron in London an einer Bushaltestelle vorbei, die rechte Hand in der Hosentasche, in der linken einige Notizzettel. Ein Team von „Sky News“ filmt die Szene. Cameron hat sich in den vergangenen zwei Jahren darauf verlegt, sich öffentlich so gut es geht aus der Politik rauszuhalten. Und die britische Presse darauf, dem ehemaligen Premierminister auf der Straße aufzulauern. Die Reporterin läuft ihm nach. Sie will wissen, was er vom Brexit-Deal seiner Nachfolgerin Theresa May hält. Ob er sich nicht wenigstens ein bisschen schuldig fühlt für die Krise, in der Großbritannien sich befindet. Cameron bleibt nicht stehen, doch er antwortet ihr: „Ich bin hier, um über Demenz zu sprechen.“

Das ist einerseits richtig, denn seit Cameron sich aus der Politik zurückgezogen hat, ist er ehrenamtlich Präsident der Organisation „Alzheimer’s Research UK“ und an jenem Tag gerade auf dem Weg zu einer Veranstaltung zum Thema. Aber in dem Satz spiegelt sich auch unfreiwillig das Dilemma seines politischen Erbes. Sollte sich in ferner Zukunft überhaupt noch jemand an ihn erinnern, dann als der Mann, der seine konservative Partei einen wollte und darüber sein Land gespalten hat. Vielleicht sogar Europa. Daran, dass er es war, der das Brexit-Referendum 2016 ausgerufen hat, weil er sicher war, dass die Briten klug genug sein würden, den Austritt abzulehnen. Dass er die EU-Gegner ein für alle Mal zum Schweigen bringen könnte, vor allem die Rivalen in der eigenen Partei. Er hat sich geirrt.

Erst vor wenigen Tagen erinnerte er nochmal daran, dass er ja die Kampagne zum Verbleib in der EU angeführt habe. Die „Schwierigkeiten und Probleme“ seines Landes sehe er nun mit Bedauern.

Er hat das alles nicht gewollt. Das mit der Spaltung. Und schon gar nicht, dass das alles ist, was von ihm in Erinnerung bleibt. Vieles deutet darauf hin, dass er zu dem, was einmal über ihn in den Geschichtsbüchern stehen wird, noch etwas hinzufügen möchte.

An diesem Montag muss Theresa May dem britischen Unterhaus ihren überarbeiteten Plan für einen geordneten Brexit vorlegen. Am 29. Januar sollen die Abgeordneten darüber abstimmen. Ihr letzter Vorschlag war am vergangenen Dienstag von einer breiten Mehrheit der Parlamentarier abgelehnt worden. Wird er diesmal angenommen, verlässt Großbritannien zum 29. März die Europäische Union.

Neben dem Desaster verblasst seine Karriere

Falls nicht, weiß niemand so recht, was passiert. Weitere Verhandlungen mit der EU? Wird der Brexit verschoben? Neuwahlen? Ein zweites Referendum? Oder der sogenannte harte Brexit? Hart, weil dann die alten Regeln nicht mehr gelten, aber noch keine neuen vereinbart wurden. Frankreich hat sich vorsichtshalber schon darauf vorbereitet, dass es bald wieder eine echte Grenze zwischen den beiden Ländern geben könnte und will 600 Zöllner für „nötige Kontrollen“ rekrutieren. Es wäre das Ende der Reisefreiheit in der EU, mit noch größeren Problemen für die Wirtschaft, den Handel. Laut Großbritanniens Schatzkanzler Philip Hammond könnte der No-Deal-Brexit das Land in den kommenden 15 Jahren rund 150 Milliarden Pfund kosten. Die dann ungeklärte Frage der Grenze zwischen Irland und Nordirland, fürchten einige, könnte alte, gewaltsame Konflikte wieder aufflammen lassen. Dann wäre sogar der Frieden in Europa in Gefahr. Die einzige Errungenschaft der EU, auf die sich die noch 28 Mitgliedsstaaten immer einigen konnten. Dann stünde das Projekt Europa als Ganzes in Frage.

David Cameron hat sich diese Entwicklung zuletzt vom Strand in Costa Rica aus angesehen. Genauer gesagt, aus einem Ferienresort für 1728 Pfund die Nacht, wie der „Daily Mirror“ genüsslich ausbreitete. Die Zeitung will mit Mitarbeitern des Hotels gesprochen haben, die berichten, Cameron habe sich für drei Tage ein Surfbrett geliehen. Erkannt hätten sie ihn zunächst nicht. Aber die vielen Sicherheitsleute hätten sie stutzig gemacht. Wer er sei, hätten sie googeln müssen.

Das kann schmerzhaft sein für einen Mann, der sein Geld mittlerweile mit Vorträgen verdient und beim Washington Speakers Bureau laut „Guardian“ angeblich 120 000 Pfund pro Rede bekommt. Die Website der Agentur preist ihn als einen der „einflussreichsten Menschen des frühen 21. Jahrhunderts“. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit schickt sich Cameron seit einem Jahr auch an, einen eine Milliarde Dollar schweren britisch-chinesischen Investitionsfonds aufzusetzen. Der Fonds soll sein Geld in Technologie und Infrastruktur stecken, die Mittel zu gleichen Teilen von britischen und chinesischen Investoren kommen. Cameron hatte sich schon als Premier für bessere Wirtschaftsbeziehungen mit China ausgesprochen und eine „goldene Ära“ zwischen den Ländern ausgerufen.

Das etwas größenwahnsinnige Projekt passt zu Camerons durchaus bemerkenswerter Karriere, die neben dem Brexit-Desaster nun langsam verblasst. Cameron, heute 52 Jahre alt, war seinerzeit der jüngste Premierminister in mehr als 200 Jahren. Die konservativen Tories führte er zurück in die Regierung – nach fast zehn Jahren in der Opposition. Elf Jahre lang stand er der Partei vor, nur Stanley Baldwin, Margaret Thatcher und Winston Churchill hielten sich im vergangenen Jahrhundert länger an der Spitze.

Als er 2005 nach dem Vorsitz griff, galt die konservative Partei als zerstritten und unwählbar, er als Hoffnungsträger eines neuen Konservativismus. Jung, liberal, sozial, modern. Er setzte sich erfolgreich für die gleichgeschlechtliche Ehe in Großbritannien ein, stabilisierte die Wirtschaft, führte bis zum Ende einigermaßen stabil die erste Koalitionsregierung seit dem zweiten Weltkrieg und holte kurz vor seinem Absturz eine eigene Mehrheit im Unterhaus, was den Konservativen seit Thatchers Zeiten nicht mehr gelungen war. Man muss sich dieser Erfolge erinnern, um zu verstehen mit welcher Chuzpe der Mann, der Europa so nah an den Abgrund geführt hat, im Hintergrund weiter seine Fäden zieht.

Seine Ambitionen gab er nie auf

Vor dem Referendum hatte David Cameron noch verkündet, er werde den Ausstieg als Premierminister organisieren. Doch als das Ergebnis feststand, trat er zurück und verschwand summend hinter der Tür seines Dienstsitzes in der Downing Street. Dann versprach er, als einfacher Abgeordneter den Brexit zu begleiten. Doch auch diesen Job warf er einige Monate später hin. Zuletzt verlor er sogar seine Akkreditierung fürs Parlament. Cameron war einer von 400 Ex-Politikern, die dadurch Räumlichkeiten des Parlaments nutzen und verbilligt in der exklusiven Strangers Bar im Westminster Palast essen und trinken durften. Den Scherbenhaufen, den er hinterlassen hat, sollten lieber andere aufräumen. So sehen es seine Kritiker.

Ganz aber hat er seine Ambitionen nie aufgegeben. Ein erster Hinweis darauf findet sich in einem etwas skurrilen Video aus dem Februar 2017. Es wurde auf Snapchat vom kalifornischen Ex-Gouverneur und Schauspieler Arnold Schwarzenegger veröffentlicht. Darin beugt sich David Cameron der Kamera entgegen und sagt: „I’ll be back!“ Ich komme wieder. Viele haben das damals so verstanden, wie das Zitat auch im Schwarzenegger Film „Terminator“ von 1984 gemeint gewesen war – als Drohung.

In den vergangenen Wochen veröffentlichte nun die britische Boulevardzeitung „Sun“ Berichte, wonach Cameron Freunden erzählt habe, er „langweile sich zu Tode“ und könne sich für die Zeit nach Theresa May einen Platz im Kabinett vorstellen, am liebsten als Außenminister. Sein ehemaliger Chefstratege Steve Hilton legte in der „Sunday Times“ nach und behauptete: „Nur David Cameron kann uns retten.“ Es müsse sogar darüber nachgedacht werden, ob Cameron, falls May scheitert, wieder Premierminister werden sollte.

Die Reaktionen waren scharf. „Sie haben schon genug Schaden angerichtet“, schrieb die Schattenministerin für Bildung der Labour-Partei. Eine Kollegin twitterte: „Diese Anspruchshaltung ist nicht von dieser Welt.“ Und der konservative Kolumnist Rod Liddle schrieb in der „Sunday Times“, unerwünschter als ein Comeback von Cameron sei höchstens das von Cyril Smith. Smith, seinerzeit eine Art parlamentarischer Geschäftsführer der Liberalen, soll reihenweise in Fälle von Kindesmissbrauch verwickelt gewesen sein. Tot ist er außerdem.

Er schreibt seine Memoiren

Leicht wird eine Rückkehr in die Politik also nicht. Wahr ist aber auch, dass Cameron weder aus der Anspruchshaltung, die ihm nun vorgeworfen wird, noch aus seinem privilegierten Status je einen Hehl gemacht hat. Seinen Aufstieg hat das nicht verhindert. David Cameron soll von einem Parteikollegen einmal vorgeworfen worden sein, er sei mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden. Er soll geantwortet haben: „Das stimmt nicht. Es waren zwei.“

Cameron gehört von Geburt an zur Elite Großbritanniens. Das fängt schon damit an, dass er königliches Blut hat. König William IV ist sein Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater, der letzte britische Monarch aus der Hannoveraner Dynastie. Prägender aber dürfte sein Vater Ian Cameron – schwerreicher Börsenmakler, bekannt aus den Panama Papers – gewesen sein. David Cameron ging auf die Eliteschule Eton, war dann in der berüchtigten Studentenverbindung „Bullingdon Club“ an der Universität in Oxford. Zusammen mit anderen, die später politische Verantwortung übernehmen sollten. Wie Ex-Schatzmeister George Osborne und David Camerons stärkster Widersacher während des Brexit-Debakels, Boris Johnson. Manchmal wirkt es, als sei die größte Krise der Europäischen Union das Resultat eines völlig aus dem Ruder gelaufenen Studentenstreichs.

Cameron will diese Sichtweise nicht stehen lassen. Zurzeit arbeitet er an seinen Memoiren. Er hat sich eine kleine Hütte auf Rädern gekauft und neben seinem Landsitz in den Cotswolds aufgestellt, in die er sich zum Schreiben zurückzieht. 800 000 Pfund hat ihm der Verleger William Collins angeblich als Vorschuss für seine Version der Geschichte bezahlt. Erscheinen soll das Buch erst nach dem Brexit. Was drinsteht, ist nicht bekannt.

Die wichtigste Frage hat David Cameron dann aber doch noch beantwortet. Kurz nachdem Theresa May in der vergangenen Woche mit ihrem Deal im Unterhaus gescheitert ist, lauert ihm wieder ein Fernsehteam auf. Diesmal von der BBC vor seinem Haus im Londoner Stadtteil Notting Hill. David Cameron, in Sweatshirt und Shorts, sagt etwas genervt: „Ich bereue nicht, dass ich das Referendum abgehalten habe.“ Dann wendet er sich ab und joggt davon.