Jeside ist nur, wer als Jeside geboren ist

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Jesidische Frauen in Deutschland : Aus der Hölle des IS in ein neues Leben

Der Baba Scheich und der Hohe Rat der Jesiden haben aber nicht nur das Aufnahmeprogramm für die Frauen unterstützt. Sie unternahmen aus Kizilhans Sicht „einen großen Schritt“, indem sie erklärten, dass die vom IS entführten Frauen „weiterhin Jesidinnen bleiben“ und dass sie trotz der Vergewaltigungen „nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden sollten“. Um zu verstehen, warum er dies für eine „große Chance für die Jesiden“ hält, muss man zweierlei wissen: wie die jesidische Gemeinschaft funktioniert und dass Jan Kizilhan ein grundoptimistischer Mensch ist.

Die Geschichte der Jesiden, einer kurdischen Gemeinschaft, die auf der Basis eines 4000 Jahre alten Sonnenkultes, des Mithraismus, eine eigene Religion entwickelte, ist seit 800 Jahren eine Geschichte der Unterdrückung und Verfolgung. Der Feldzug des IS gegen die Jesiden ist in der Zählung der Gemeinschaft der „73. oder 74. Völkermord“, erklärt Kizilhan. Erst habe das Osmanische Reich die Jesiden unterdrückt, und seit der islamischen Missionierung sei die Gruppe immer wieder Opfer von Übergriffen gewesen. Eine Erfahrung, die sie mit anderen Minderheiten und auch den Christen der Region teilt.

Feldzug gegen die Gemeinschaft

Die Jesiden, die selbst nicht missionieren – Jeside ist nur, wer als Jeside geboren ist – zogen sich immer weiter in die kurdischen Berge zurück und schotteten sich ab. Das Ergebnis ist nach Jan Kizilhans Einschätzung eine „patriarchale Gesellschaft“, die, „weil sie nie in Frieden leben konnte, einiges verpasst hat“. Damit meint er zum Beispiel jegliche gesellschaftliche Modernisierung, die in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschah. Die Jesiden leben in einem strikten Drei-Kasten-System, das die Heirat aus der Gemeinschaft und sogar aus der Kaste heraus verbietet. Vergewaltigte Frauen hatten keine Chance auf ein weiteres Leben in der jesidischen Gemeinschaft. Frauen gelten als „Besitz“ des Mannes – und wenn sie sexuelle Kontakte mit Nicht-Jesiden haben, werden sie ausgeschlossen. Deshalb sagt Kizilhan, dass für viele der Frauen „die Bedingungen für einen Neuanfang in Deutschland viel besser“ seien. Denn nicht alle in der jesidischen Gemeinschaft sind mit diesen Neuerungen einverstanden.

Die „systematische Vergewaltigung von jesidischen Frauen durch IS-Kämpfer“ dient nach Kizilhans Einschätzung der „Auslöschung der Jesiden“. Der Feldzug gegen die Gemeinschaft sei nach seiner Bewertung eindeutig ein Völkermord. Die Jesiden hätten nun die Chance, diese Katastrophe zur Modernisierung ihrer Gesellschaft zu nutzen, und stärker aus ihr hervorzugehen – oder sie würden als über die ganze Welt im Exil verteiltes Volk möglicherweise nicht überleben.

Etwa 3500 Frauen sind noch beim IS

Dass Deutschland sein Zuhause ist, habe er immer dann gemerkt, wenn er aus dem Nordirak zurückgekehrt sei, sagt Kizilhan. Dort arbeitete er im Kriegsgebiet 30 bis 40 Kilometer vom IS entfernt. „Das war schon sicher“, sagt er. Aber in der baden-württembergischen Provinz fühlt er sich dann doch geschützter. „Das ist ein Privileg“, sagt er. Ein Privileg, das es umso wichtiger und richtiger macht zu helfen. Dabei habe es auch Kritik an der Rettungsaktion gegeben. Bemängelt wurde etwa, dass Familien auseinandergerissen würden. Allerdings, sagt Kizilhan, hätten viele der Frauen ihre Familien verloren, oder ihre Angehörigen seien bis heute beim IS gefangen. Etwa 3500 Frauen und rund 1000 Kinder sind noch in den Händen der Terroristen. Jene, die nun in Deutschland leben, das wünscht sich Jan Kizilhan, sollen wieder die Kontrolle über ihre Erinnerungen bekommen. Je jünger sie sind, desto schneller kann das funktionieren.

„In meinem Kopf stecken noch so viel Wut und so viel Hass“, sagt Shirin in dem Buch. Doch darin steht auch: „Inzwischen verbringe ich schon mehrere Stunden allein außer Haus. Dieses Gefühl von Sicherheit hier – das ist wunderbar.“

Der Text erschien am 12. März auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegel.

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