Warum Schriftsteller über ihre Familie schreiben : Die Ahnungsforscher

Sie schreiben über ihre Väter, Mütter, Großeltern: Familiengeschichte ist zu einem literarischen Genre geworden. Auch wenn die Vergangenheit oft schmerzt.

"Historische Katastrophen lenken vom Einzelschicksal ab." Ihre Mutter vermittelte der Schriftstellerin Susanne Fritz früh, wie es sich anfühlt, eine Glatze geschoren zu bekommen.
"Historische Katastrophen lenken vom Einzelschicksal ab." Ihre Mutter vermittelte der Schriftstellerin Susanne Fritz früh, wie es...Foto: Wallstein-Verlag

Mehrmals in der Woche bekommt Susanne Fritz Anrufe aus Polen. Potulice ist dran. Der Ort, an dem ihre Mutter, da war sie 14 Jahre alt, nach Kriegsende drei Jahre in einem Arbeitslager gefangen gehalten und gequält wurde. Die Mutter ist vor einigen Jahren gestorben, aber die Überlebenden dieses Lagers haben einander nicht aus den Augen verloren. Sie sprechen noch immer zu ihr, der Tochter. Und wenn die Schriftstellerin, die inzwischen selbst 54 Jahre alt ist, in ihrer Freiburger Wohnung im Jahr 2018 den Hörer ans Ohr hebt, wird im Strom der Neuigkeiten, die hin und her fließen, die Vergangenheit ihrer Mutter zu ihrer eigenen Gegenwart. So war es ihre ganze Kindheit lang.

„Von frühester Kindheit an hatte ich eine klare, auch körperliche Vorstellung davon, was es hieß, eine Glatze geschoren zu bekommen“, sagt Fritz und fährt sich mit der Hand in den Nacken. Es ist eine seit Jahrzehnten pulsierende Verbindung vom Trauma der 14-jährigen Mutter zur Tochter, genährt von den Erzählungen und Andeutungen der Mutter, die Fritz’ Kindheit einfärbten, die sie wenige Kilometer von hier Richtung Schwarzwald verbrachte.

Unter dem Titel „Wie kommt der Krieg ins Kind“ ist diese Familiengeschichte aus der Kleinstadt Schwersenz bei Posen, wo die Bäckerfamilie Mattulke im polnischen Grenzland lebte und Brötchen für alle Nationalitäten buk, ganz ohne Fragezeichen Literatur geworden. Und auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet.

Die Geschichte ist einzigartig, redlich, vorsichtig und ungeheuer privat. Paradoxerweise bilden die Autoren, die gerade in ungeheurer Zahl mit ihrer Familienrecherche ihr Persönlichstes liefern, eine Gruppe. Die Familiengeschichte ist längst ein Genre geworden, ein Werkzeug, sich die Welt zu erschließen. Und plötzlich kann man den Flieder des ersten Frühlings im Frieden 1945 wieder riechen. Weil es ihnen ernst ist, widmen sie diesen Nachforschungen Jahre ihres Lebens, sie unternehmen Reisen, lernen Sprachen und beantragen Stipendien. Beim Literarischen Colloquium Berlin arbeiten derzeit 14 Stipendiaten an Familiengeschichten, hauptsächlich Romanen.

Natascha Wodin gewann mit dem Buch „Sie kam aus Mariupol“ über ihre Mutter im letzten Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse. Katja Petrowskaja verarbeitete mit „Vielleicht Esther“ ihre Großmutter zu Literatur. Der Journalist Christophe Boltanski zeichnet in „Das Versteck“ das Haus seiner Großeltern in Paris nach, wo sich der Großvater 18 Monate lang in einem Zwischenraum vor den Nazis versteckte. Der Journalist Kolja Mensing begab sich für „Die Legenden der Väter“ zehn Jahre lang auf die Suche nach seinem Großvater, den er nur aus Erzählungen kannte. Maxim Biller schaffte es mit den Geschichten „Sechs Koffer“, die sein Großvater inspiriert hat, ebenfalls auf die Longlist des Buchpreises. Und die Filmemacherin Karoline Kleinert recherchierte für „Sie nannten ihn Verräter“ das Leben ihres unbekannten Großvaters Heinz Lippmann, der bei der FDJ Honeckers Stellvertreter war und am Ende zwischen Ost und West als Person verloren ging.

Jeder familiäre Faden ist eine Lunte

Jeder einzelne familiäre Faden ist eine Lunte, die direkt in das politisch hochexplosive Material des 20. Jahrhunderts führt: in zwei Weltkriege, in Diktatur, Ideologien, einen Überwachungsstaat, mitten hinein in die Fallstricke der DDR oder in die familiäre Legendenbildung.

Mit Susanne Fritz ordert man an einem heißen Sommertag auf der Terrasse des Freiburger Theatercafés Lavendel-Limonade. Als man die „leicht seifig“ findet, ist sie vom Assoziationsraum des Wortes „seifig“ so gefangen, dass sie nichts anderes mehr schmecken kann. Eindeutig: Schriftstellerin. Assoziationsräume sind ihre Arbeitsräume. Assoziationsräume sind ja deshalb auch reale Räume, weil sie Auswirkungen auf die Gegenwart haben. Die starken Assoziationen ihrer Kindheit hingen an Vorstellungen wie der Glatze ihrer Mutter und dem Umdrehen im Schlafsaal auf Kommando. Man sagt ja, Traumata vererben sich. Aber wie das genau geschieht, wie sich jenseits der Epigenetik Bilder formen durch das Reden in den Familien und auch die Auslassungen, das erahnt man mit diesem Buch.

Aber Familienrecherche ist ein merkwürdiges Phänomen: Man muss an ein Archiv Fragen stellen, die man den lebenden Personen nie gestellt hat. Mit welchem Recht macht jemand einen Deckel auf die Geschichte eines anderen, und sei es nur einen Buchdeckel? Darf man durch die Recherche einen Prozess anstoßen, an dessen Ende man plötzlich als Autor des Lebens seiner Eltern oder Großeltern dasteht?

Ja, ihre verstorbene Mutter würde sich ans Licht gezerrt fühlen, sagt Fritz, aber weiterschreiben musste sie trotzdem. Sie konnte nicht anders. Nicht weiter von ihrer Mutter zu erzählen, „hätte geheißen, dass ich selbst verstumme“, so eng verbunden sind beide. In Wahrheit handelt das Buch davon, wie sie selbst durch deren Erfahrungen wurde, was sie ist.

Auf dem schmalen Grat zwischen Anmaßung und Würdigung muss sie besonders sorgfältig sein. Sie hat Skrupel, vielleicht ein falsches Bild ihrer Vorfahren zu zeichnen. Die Ungeheuerlichkeit, dass sie plötzlich als Autorin des Lebens der Vorfahren dasteht, muss irgendwie aufgewogen werden mit Lebenszeit, Redlichkeit und Archivtreue. So setzt sie der Zumutung des Ansatzes die Sorgfalt ihrer Recherche entgegen.

„Doch was ist ein authentischer Ort, eine authentische Geschichte?“, schreibt Fritz. „Der Heimatort meiner Mutter war für mich immer schon ein erzählter, fiktiver Ort, wie seine Bewohner schon immer erzählte, fiktive Bewohner waren, von denen manche plötzlich auf Besuch in unserem Garten standen.“

Wenn nun mal wieder jemand sagt, sie habe mit ihrem Buch ein Schweigetabu gebrochen, wird Fritz fuchsig. So einfach ist es nicht. Es war ja kein Schweigen um sie in ihrer Kindheit, sondern ganz im Gegenteil ein ständiges Geräusch. Ein Vergangenheitsraunen. Wenn die Mutter wieder sagte: „Heute vor soundso viel Jahren“, nur ein Datum, dem ein Schweigen folgte, da habe es sich immer angefühlt, als würden die Eltern mit Wucht die Gegenwart ihrer Kinder für belanglos erklären. „Alles, was wir an dem Tag in der Schule erlebt hatten, war dann auf einen Schlag nicht mehr wichtig.“ Schwerer wog ja das Unaussprechliche, das hinter diesem Datum lag. Die Eltern sind auch mit den Kindern nach Polen gereist, ihre Kindheit war durchdrungen von Vergangenheit, die ihre Gegenwart entwertete. So empfand es das Kind.

„Katastrophen blenden, lenken ab“, schreibt Fritz. Und: „Der kapitale Riss eines historischen Ereignisses unterschlägt die unzähligen Haarrisse in den Biographien, den Körpern, den Beziehungen und Verhältnissen einzelner Menschen.“ Autoren dröseln die großen Katastrophen und die persönlichen Verallgemeinerungen („Vertriebenen-Schicksal!“) in die kleinen Entscheidungen auf, bis wieder der einzelne Mensch sichtbar wird. Das ist ihre Leistung. Da hustet wieder jemand unter einer Militärdecke. Da macht sich einer in seinen Erzählungen größer, als er ist. Ein anderer verschwindet im Wald und kommt nie wieder. Einer verlässt sein Kind. Ein anderer macht rüber und es ergibt sich, dass er 300 000 D-Mark in der Tasche hat, die ihm nicht gehören. Die großen Brüche des 20. Jahrhunderts sind so stark, dass auch die Einzelnen plötzlich auf der Kippe stehen, jäh verschollen sein oder ein neues Leben anfangen können.