Berlin und New York : Kleine Maus, Kalter Hund

Lukas Hermsmeier arbeitet als freier Journalist in New York und Berlin. Ein halbes Jahr hier ... ein halbes Jahr da. Und jedes, wirklich jedes Mal vermisst er die Stadt, in der er gerade nicht ist. Zwei Liebeserklärungen.

Deshalb ziehen viele Menschen doch nach New York. Für das große Kino. Um melancholisch auf die Skyline zu glotzen, festzustellen, dass sie früher schöner war und danach trotzdem stolz zu sein, hier zu leben.
Deshalb ziehen viele Menschen doch nach New York. Für das große Kino. Um melancholisch auf die Skyline zu glotzen, festzustellen,...Foto: iStock

New York - Kleine Maus

Ready when you're ready", sagte die Kellnerin neulich, was man ja mit "Bereit, wenn Sie es sind" übersetzen könnte. Könnte. Denn es dauerte nicht mal 30 Sekunden, bis dieses sanft klingende Angebot zu einem unmissverständlichen Befehl zum Verpissen wurde: Die vielleicht zwanzig-jährige Frau mit den weißgefärbten Haaren und Nasenring schob uns die Rechnung vor die dreiviertelvollen Weingläser, da hatte Abby noch Rucola zwischen den Zähnen, bei Natasha hing das Steak im oberen Drittel ihrer Speiseröhre und ich hatte mich noch gar nicht endgültig gegen die Crème brûlée entschieden. Aber dafür war's jetzt eh zu spät.

Als die Kellnerin zwei Minuten später abrechnungsentschlossen an der Tischkante stand, lächelte sie einerseits so herzlich wie nur möglich und guckte andererseits sehr unruhig Richtung Eingang, wo die neuen Gäste tippelten. Was uns wiederum in einen kollektiven Zustand der kognitiven Dissonanz versetzte: War sie nun zuvorkommend? Schließlich hatte sie in zwei Stunden 14 Mal Wasser nachgegossen. Oder waren das bloß Vorboten einer passiven Aggresivität? War sie nervig? Genervt? Von allem ein bisschen? Oder als Kellner nur Teil eines durchgetakteten Gastrosystems, bei dem keiner entspannen kann, die Bosse vielleicht ausgenommen? Drei weitere Minuten und 20 Prozent Trinkgeld später standen wir vor der Tür und rauchten früher, als uns lieb war.

"Ready when you're ready" sei die größte Lüge dieses Landes, sagte meine Mitbewohnerin May, als wir zur nächsten Kneipe latschten. Kurz sprachen wir über andere monumentale amerikanische Lügen, ein paar davon gibt es ja: "Keine sexuellen Beziehungen zu dieser Frau" und "Massenvernichtungswaffen", alle längst Teil der großen Kultur.

Wir setzten uns an die Bar, wurden sofort bedient. Die Gin Tonics kamen schnell, sie schmeckten nach Sodbrennen. Dann schauten wir auf ein Poster hinter dem Tresen: "CHOKING!" Erste Hilfe bei Erstickungsgefahr. Wir verdauten.

In Manhattan kann man der Hektik kaum entgehen. Aus der Ferne aber wirkt die Stadt ruhig, fast majestätisch. Steht man an der Promenade der Brooklyn Heights, zeigen die Hochhäuser auf der anderen Seite des East Rivers still und stolz in Richtung der Wolken.

Anfang des Jahres standen ein Freund und ich an eben jenem Ufer. Es war unter null, wir tranken Cola und einigten uns, dass das neue World Trade Center so aussehe, als hätte man vergessen, die Spitze fertig zu bauen. Dann setzte mein Freund einen Satz in die Luft, der mich ehrlich überraschte: "Ich liebe diese Skyline bis heute."

Mein Freund, der Anarchist, Anti-Kapitalist, Anti-Imperialist - von so etwas bilderbuchig Profanem berührt? Logisch, sagte er. Deshalb ziehen viele Menschen doch hierher. Für das große Kino. Um melancholisch auf die Skyline zu glotzen, festzustellen, dass sie früher schöner war und danach trotzdem stolz zu sein, hier zu leben.

Das ist die große Kunst, dachte ich: Von der Vergangenheit schwärmen und daraus Glück für die Gegenwart und Zukunft ableiten. Auf Außenstehende mag dieser cinematische Stadtstolz albern erscheinen, für die Bewohner hat er eine zusätzliche Funktion: New Yorker ertragen Dinge entspannter, eben weil sie in New York stattfinden.

Die Sache mit der Maus zum Beispiel. Wir hatten neulich ein kleines, sportliches Exemplar in der Wohnung, wochenlang. Verzweifelte Anrufe beim Vermieter, Google-Suche nach Krankheitsübertragungen, Tiefschlaf unmöglich. Aber ich wusste sofort: Das wird eine gute Geschichte! Wir stellten Fallen auf, in der Angst, die Fallen könnten funktionieren. Und währenddessen dachte ich immer wieder: Wunderbar, so eine renitente Hausmaus. Das werde ich mal meinen Enkeln erzählen. Damals, waren wir zu dumm, eine Maus loszuwerden. Wie schön, dass früher alles besser war.

Wenn nichts klappt, dann blüht Berlin erst so richtig auf. Und vielleicht ist das das größte Geschenk, das sie ihren Einwohnern macht: die bombastische Dysfunktionalität.
Wenn nichts klappt, dann blüht Berlin erst so richtig auf. Und vielleicht ist das das größte Geschenk, das sie ihren Einwohnern...Foto: Getty/iStockphoto

Berlin - Kalter Hund

Och, allet beim Alten", stöhnte die Bäckerin in der Pappelallee vor ein paar Tagen, als ich etwas trottelig nach News fragte. Ich hatte wie immer drei Halbe mit Käse, Leberwurst und Rührei bestellt, die Frau mit der weißen Schürze positionierte die Brötchenhälften seelenruhig auf einem Pappteller, als ihr dann doch was einfiel. Wie nervig "die janzen Elektroroller uffm Jehweg" seien. Also doch nicht allet beim Alten!, dachte ich, und vollendete meine Bestellung: "Einmal Kalter Hund, bitte".

"Nee, nee, nichts Neues", sagte auch der Taxifahrer am Flughafen Tegel, um dann eine knappe halbe Stunde lang die neuen Tempo-30-Zonen in der Potsdamer und Leipziger und irgendwelche Plakettenverordnungen zu verfluchen. Das mit den Plaketten hatte er selbst noch nicht ganz verstanden und ich erst recht nicht. Als Radio Paradiso "Listen To Your Heart" von Roxette spielte, drehte der Mann den Sound runter. Er suchte immer wieder Augenkontakt über den Rückspiegel, ich sagte ab und zu: "Ja, klar." Dass wir am Ende nicht über Fahrradfahrermilitanz oder Dauerbaustellen oder Ampelschaltung geredet hatten, lag nur daran, dass ich irgendwann aussteigen musste. Als er mein Gepäck aus dem Kofferraum hievte, wirkte der Fahrer sehr zufrieden. Die Fahrt hatte sich gelohnt. Als Stressbewältigung.

Das scheint mir überhaupt wahr zu sein: Wenn nichts klappt, dann blüht diese Stadt erst so richtig auf. Und vielleicht ist das das größte Geschenk, das sie ihren Einwohnern macht: die bombastische Dysfunktionalität.

Ins Café setzen, Cappuccino für Zweifünfzig, drei Zeitungen vom Ständer fischen und dann: stundenlanges Ignoriertwerden, oh yes. Wer selbst die Zweifünfzig für den Cappuccino sparen will, muss sich nur geschickt in eine hintere Ecke verkriechen, dann sind die Chancen hoch, komplett übersehen zu werden. Und das Allerbeste: Der an Kunden desinteressierte Kellner kann sich genauso gut entfalten wie der an Aufmerksamkeit desinteressierte Gast.

Die gastronomische Ineffizienz kann aber auch zur Herausforderung werden. In einer Kneipe irgendwo zwischen Kreuzberg und Neukölln nahm der Barkeeper letztens so unwillig meine Bestellung auf, dass ich fast ein schlechtes Gewissen bekam. Der Mann - ungefähr so alt wie ich, nur wesentlich bärtiger - krempelte die Ärmel seines weißen T-Shirts hoch und kommunizierte eher durch Kopfnicken als durch Worte. Lag es an mir? Hätte ich besser kein Whiskey-Cola bestellt? Ich meine: was für ein Teenagergetränk. Oh je.

Ich blieb stark. Blieb bei meinem Whiskey-Cola. Meine Freundin und ich setzten uns ganz links an den Tresen und redeten über Berlins Borstigkeit, die man sehr großzügig als antikapitalistisches Aufmucken interpretieren könne. Der Ratschlag, den Gast konsequent zu übersehen oder zu vergraulen, kommt jedenfalls nicht von McKinsey. Meine Freundin erwähnte die Zehn-Uhr-Fahrkarte der BVG, die das Ausschlafen explizit belohnt. Ich erzählte von Fußgängern, die bei Grün einfach vergessen loszulaufen. Ein anderer Gast packte seine selbst mitgebrachten Böreks aus. Teigkrümel segelten zu Boden. Ich verstand in diesem Augenblick, warum sich David Bowie damals ausgerechnet Berlin aussuchte, um in Ruhe gelassen zu werden.

Ab und zu blickte ich zum Barkeeper. Stellte erleichtert fest, dass auch Gäste ohne Whiskey-Cola-Wunsch von seiner lustlosen Lässigkeit herausgefordert wurden. Es hatte was Meditatives: sein Nicken, sein gelegentliches "Jep, jep" oder "Hmm, yo", seine müden, sehr schönen blauen Augen. Bei einzelnen Kundinnen lächelte er, fast. Ganze Sätze wechselte er nur mit seiner Kollegin, die neben ihm zapfte und mixte.

Die Kneipe wurde voller. Aber der Stress, der kam einfach nicht.

Tagesspiegel Berliner

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