Tagesspiegel-Salon am 19. Juni : Als "Berliner Chic" ein Schlager war

Eine Blütezeit, jäh beendet: Uwe Westphal spricht über die Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektion

Berliner Chic. Die Abbildung ist ein Titel der „Elegante Welt“ von 1919.
Berliner Chic. Die Abbildung ist ein Titel der „Elegante Welt“ von 1919.Foto: Claus Jahnke, Roz McNulty

Eigentlich war Uwe Westphal das Thema Mode fremd. Umso erstaunlicher ist es, dass er das Standardwerk zu einem der wichtigsten Kapitel der Berliner Modegeschichte gleich zwei Mal geschrieben hat. Sein Buch „Mode Metropole Berlin, Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektionshäuser 1836–1939“ erschien zum ersten Mal 1987. Im April ist nun eine völlig neu überarbeitete und erweiterte Ausgabe im Verlag Henschel herausgekommen.

1985 ging Uwe Westphal zum ersten Mal auf, dass die Berliner Modegeschichte ein Thema ist, das unbedingt erzählt werden muss. „Auf Historikerkongressen wird jeder Aspekt des Nationalsozialismus ausgeleuchtet, aber Mode kam nie vor. Und das, obwohl doch die jüdische Konfektion in Berlin eine gigantische Branche mit fast 900 000 Beschäftigten war“, sagt Westphal.

Der Berliner Damenmantel wurde weltweit verkauft

Der Glamour der 20er Jahre ist zu einem Berliner Mythos geworden. Darüber gab es sogar Schlager. Über die vielen, die damals Mode herstellten, wurde jedoch wenig geforscht und berichtet. In rund 2700 Betrieben um den Hausvogteiplatz wurde im auffälligen Stil der Epoche entworfen und gefertigt. Damals sprach man vom „Berliner Chic“, dazu wurde sogar ein Produkt produziert. Der Berliner Damenmantel wurde weltweit verkauft. Das Konfektionshaus Manheimer brachte ihn damals zuerst heraus.

1939 waren von ehemals 2700 Betrieben noch 98 übrig, alle anderen waren zerschlagen worden, weil sie jüdisch waren. Diese unfassbare Lücke ist bis heute spürbar: „Mode ist etwas schwer Fassbares, sie braucht eine kulturelle Anbindung, die komplett verloren gegangen ist. In den 20er Jahren hatte die Akademie der Künste viele Modedesigner unter ihren Mitgliedern. Das wäre heute völlig ausgeschlossen, das wurde auch in der Nachkriegszeit nicht korrigiert“, sagt Uwe Westphal. Seine journalistische Neugier war geweckt, akribisch arbeitete er sich durch Archive, sprach mit Zeitzeugen. „Ich musste mich damals noch ins amerikanische Dokument-Center stehlen oder in die Finanzdirektion, damals war das nicht öffentlich. Dort habe ich Tausende Kisten mit Unterlagen zu Arisierungsvorgängen gefunden.“

Anrufe mit eindeutigen Drohungen

Dass dieses Kapitel der Modegeschichte von vielen am liebsten weiter totgeschwiegen wurde, merkte Westphal an den harschen Reaktionen nach der Veröffentlichung seines ersten „schmalen Bändchens“. Er bekam so viele anonyme Schreiben und Anrufe mit eindeutigen Drohungen, dass er beschloss, Deutschland zu verlassen und nach London zu ziehen, wo er als Reporter für die BBC arbeitete. Später zog er nach New York. 28 Jahre lebte er nicht in Berlin.

Aber die jüdische Konfektion ließ ihn nicht los. Immer wieder bekam er Post aus Brasilien und Argentinien. „Viele ehemalige Besitzer oder Mitarbeiter fragten mich, ob ich in der nächsten Auflage nicht auch über ihre Firma berichten könne“, erzählt er. Als viele Archive in den vergangenen Jahren zum ersten Mal zugänglich gemacht wurden, wusste er: „Da musste ich noch mal ran.“ Auch, weil es in den letzten 30 Jahren kein anderer getan hatte. Er wollte „diese Geschichte ins 21. Jahrhundert bringen und die Generation der 20- bis 25-Jährigen dafür interessieren“. Am 19. Juni präsentiert Uwe Westphal sein Buch im Tagesspiegel-Salon, spricht über die Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektionshäuser und über die Auswirkungen für die Berliner Modeszene bis heute. Ebenfalls zu Gast ist Olaf Kranz. Er ist Soziologe, Teilhaber des Berliner Modelabels Brachmann und Mitglied des neu gegründeten „Verein Berliner Modedesigner“ .

Als er mit der Modedesignerin Vivienne Westwood sprach, kam Uwe Westphal darauf, was in Deutschland immer noch fehlt: „Westwood sagte: Wenn ich etwas Neues mache, gucke ich immer erst in die Geschichtsbücher.“ Darin sieht er eine ununterbrochene Linie, die in Berlin so knüppelhart unterbrochen wurde, dass sie bis heute nicht wirklich aufgearbeitet ist.

Zeitung im Salon mit Uwe Westphal, Olaf Kranz und Grit Thönnissen, Mittwoch, 19. Juni, Beginn 19 Uhr, Eintritt inklusive Sekt und Snacks 16 Euro. Infos und Anmeldung.

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