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Hannah Arendt - auch heute hochaktuell: Einblicke in die Edition ihres Werkes
Vor 50 Jahren starb Hannah Arendt. An der Freien Universität wird seit 2018 die Kritische Gesamtausgabe ihres Werks ediert und auch digital veröffentlicht.
Stand:
Hannah Arendt ist als Philosophin, Publizistin und scharfsinnige Analytikerin der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts hochaktuell: Denn ob in den USA, in Europa oder in Südamerika – weltweit ist eine Zunahme antidemokratischer, autoritärer Strukturen zu beobachten.
Auch wenn man sich nicht näher mit Arendt beschäftigt hat, sind Hauptwerke wie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955, auf Englisch 1951) und „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ (1964, auf Englisch 1963), Arendts Text über den Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann, vielen geläufig. Ihre Betrachtungen über den Nationalsozialismus und den Stalinismus zeigen, wie gefährlich Machtkonzentration und Massenideologien für das Individuum und die Demokratie sein können.
Im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv
Am 4. Dezember jährt sich Hannah Arendts Todestag zum 50. Mal. Geboren 1906 als Kind jüdischer Eltern in Hannover und aufgewachsen in der Kant-Stadt Königsberg, war Arendt schon als Heranwachsende an Philosophie interessiert. Sie studierte ab 1924 in Marburg, unter anderem bei Martin Heidegger, später in Freiburg und Heidelberg und wurde mit gerade einmal 22 Jahren promoviert; ihr Doktorvater war Karl Jaspers, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte.
Schon früh erkannte sie die Gefahr des Nationalsozialismus und dachte bereits vor der Machtübernahme an Emigration. Sie blieb zunächst in Deutschland, wurde als Jüdin und NS-Gegnerin politisch aktiv: Für die Zionistische Vereinigung für Deutschland dokumentierte sie die beginnende Judenverfolgung. 1933 floh sie wie ihr damaliger Ehemann vor den Nazis zunächst nach Frankreich, später mit ihrem zweiten Ehemann in die USA.
Hannah Arendt betrachtete sich selbst nicht als Philosophin, sondern als politische Theoretikerin – auch das macht sie so aktuell: Politik wie auch das menschliche Zusammenleben ist für sie ein Raum, der durch Pluralität, freies Handeln und den Dialog geprägt ist.
Die Vielfalt von Meinungen und Perspektiven wiederum ist für sie eine Grundvoraussetzung für Urteilsfähigkeit. Speziell die Akzeptanz von Pluralität und die Fähigkeit zum Dialog befinden sich jedoch heute, in Zeiten von verbalen Angriffen auf Social Media und von Cancel Culture, rapide im Niedergang: Meinungsblase trifft unüberbrückbar auf Meinungsblase.
Webportal wird laufend ergänzt
Einen Eindruck davon, wie relevant Arendts Gedanken sind, vermittelt das Webportal Hannah-Arendt-Edition.net. Die dort hinterlegten digitalisierten und editorisch aufbereiteten Dokumente sind integraler Bestandteil der Kritischen Gesamtausgabe ihres Werks. Sie entsteht seit 2018 unter Federführung der Freien Universität sowohl in gedruckter als auch in frei zugänglicher digitaler Form und wird Jahr für Jahr um weitere Bände ergänzt.
Wenn wir das Werk heute lesen, fühlen wir uns zum Nachdenken aufgefordert.
Lisa-Maria Renner, wissenschaftliche Mitarbeiterin
Die Dateien gewähren einen einzigartigen Blick in die Denk-, Schreib- und Überarbeitungsprozesse der Autorin. Wer die an den Rand und in die Texte gekritzelten und geklebten Notizen und Streichungen von Hannah Arendt betrachtet, hat das Gefühl, ihr beim Schreiben über die Schulter zu schauen.
Der digitale Inhalt steht gleichberechtigt neben dem gedruckten Band und stellt zugleich eine wichtige Ergänzung dar, betonen die Herausgebenden. „Die Hybridform bietet speziell für Forschende ganz neue Möglichkeiten: Sie erschließt Dokumente, die in der gedruckten Ausgabe nicht abbildbar wären, und lässt direkte Vergleiche von Textversionen zu. So wird die Genese der einzelnen Werke nachvollziehbar“, erläutert Anne Eusterschulte.
Die Professorin für Geschichte der Philosophie an der Freien Universität leitet gemeinsam mit den Forschenden aus Literatur- und Medienwissenschaft, Politischer Theorie und Geschichtswissenschaft Eva Geulen, Barbara Hahn, Hermann Kappelhoff, Marcus Llanque, Patchen Markell, Annette Vowinckel und Thomas Wild das internationale und interdisziplinäre Team der Herausgeberinnen und Herausgeber. Neben Forschenden der Freien Universität Berlin und von diversen deutschen wissenschaftlichen Einrichtungen gehören auch Angehörige US-amerikanischer Universitäten zum Team.
Die Neuedition präsentiert sämtliche von Hannah Arendt zu Lebzeiten veröffentlichten Werke: Monographien, Essaysammlungen, Artikel und Interviews. Außerdem enthält sie Tausende Seiten unveröffentlichter Dokumente aus dem Nachlass in den jeweiligen Originalsprachen, darunter Typoskripte, Notizen, Vorfassungen und Umarbeitungen. Dafür werden insgesamt etwa 21.000 Seiten von Büchern, Aufsätzen und Manuskripten beziehungsweise Typoskripten bearbeitet.

© Bernd Wannenmacher
Arendt lebte von 1941 bis zu ihrem Tod, 1975, in New York City. Ihre Werke verfasste sie in dieser Zeit auch auf Englisch. „Arendt schrieb viele ihrer Werke auf Englisch und auf Deutsch – das eine ist nicht einfach eine Übersetzung des anderen, sondern jede Ausgabe steht in gewisser Weise für sich und setzt inhaltlich eigene Akzente“, erläutert die Germanistin Hannah Gerlach.
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin koordiniert zusammen mit ihrem Kollegen Ingo Kieslich das mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Langzeitprojekt an der Freien Universität. An die 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind insgesamt daran beteiligt.
Beobachtungen zum Bösen
Anfang 2026 erscheint „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ in mehreren Bänden, 2027 soll „Eichmann in Jerusalem“ neu herauskommen. Gut 60 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen bewirken Hannah Arendts Beobachtungen zum Bösen im Eichmann-Buch weiterhin kontroverse Diskussionen.
Anfang November versammelte sich im Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors eine internationale Runde von Forschenden, um im Rahmen der Kritischen Gesamtausgabe über das Buch und seine Wirkung zu diskutieren: über Brüche in Arendts Denken, über die Rolle der Zweisprachigkeit in ihrem Werk, über die dauerhafte Kontroverse um den Begriff der „Banalität des Bösen“ und über die gegenwärtige Bedeutung des Buches. Die Ergebnisse dieser Konferenz sollen in die Neuedition einfließen.
1961 reiste Arendt nach Israel, um den Gerichtsprozess gegen Adolf Eichmann zu verfolgen, der unter Hitler für die Organisation der Deportation der Juden verantwortlich war und damit die Ermordung von Millionen Menschen mitverantwortete. Arendt beobachtete, wie Eichmann im Gerichtssaal auftrat: Ein Funktionär der NS-Mordmaschinerie, der als biederer, akribischer Beamter seine Taten im Auftrag des Regimes ausführte – wie so viele andere Täter auch. Aus ihren Beobachtungen wurde zunächst eine Essay-Serie für das Magazin „The New Yorker“, dann ein Buch.
Das Böse ist laut Hannah Arendt oft nicht das Ergebnis extremer Bosheit, sondern liegt in der Unfähigkeit begründet, eigenständig zu denken und sein Tun kritisch zu reflektieren. Diese Formel von der „Banalität des Bösen“ stieß nach Erscheinen des Buches auf teils heftige Kritik – sie verharmlose die Mörder und verhöhne die Opfer, lautete etwa ein Vorwurf.
Hierüber diskutierten die Konferenzteilnehmenden ebenso wie über Arendts Sicht auf die jüdischen Zeuginnen und Zeugen des Prozesses, die Möglichkeiten der juristischen Ahndung der Shoah und die internationale Rezeption des Textes.
„Dabei wurde deutlich, dass ‚Eichmann in Jerusalem‘ nichts von seiner Brisanz verloren hat“, sagt Lisa-Maria Renner, die für die Herausgabe mitzuständig ist. „In den Diskussionen zeigte sich, dass Arendts Beobachtungen weit über den historischen Fall Eichmann hinausweisen. Wenn wir das Werk heute lesen oder wiederlesen, fühlen wir uns zum Nachdenken über Verantwortung, Urteilsvermögen und die Gefahren der Gedankenlosigkeit aufgefordert.“
In diesem Sinne sprach auch der israelische Historiker Tom Segev in seinem Eröffnungsvortrag. Er bot dem Publikum aber nicht nur wissenschaftliche Einsichten, sondern auch persönliche Erinnerungen. Als einer der letzten noch tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Arendt selbst begegnet sind, sprach er über die Spannungen, die der Jerusalemer Eichmann-Prozess in Israel ausgelöst hatte, und über den Ort, den Arendts Buch in der israelischen Erinnerungskultur bis heute einnimmt.
Seine Worte verbanden historische Distanz mit einer fast greifbaren Nähe – zu Hannah Arendt, zu ihrer Denkbewegung, zu jener Zeit, Anfang der 1960er-Jahre, in der das Sprechen über die Shoah erst vorsichtig und tastend begann.
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