Angstbarometer schlagen aus : Wie Anleger vom Auf und Ab an den Börsen profitieren könnten

In diesem Jahr schwankte der Dax bereits um insgesamt fast 10.000 Punkte. Anlegern bieten sich drei Möglichkeiten.

Wer die Schwankungen aussitzen will, braucht starke Nerven.
Wer die Schwankungen aussitzen will, braucht starke Nerven.Foto: AFP

Den Anlegern wird einiges zugemutet in diesen Tagen. Um insgesamt fast 10.000 Punkte schwankte der Dax hin und her, seit er am 19. Februar bei 13 789 Punkten sein bisheriges Allzeithoch erreicht hatte. Binnen vier Wochen hatte der Coronavirus-Crash ihn um rund 5350 Punkte rasiert, bevor er wieder um 4400 Zähler nach oben ging. Dann folgte ein erneuter Absturz um mehr als 1000 Punkte, um schließlich wieder zur Gegenbewegung anzusetzen.

Und dies gilt für nahezu alle Indizes weltweit: Die Schwankungsbreite ist derzeit enorm. Auch Anleihen, die sich sonst eigentlich sehr schwerfällig bewegen, jagen seit Februar in Achterbahnfahrten auf und ab. Anleger haben die Wahl: Sie können diese hohe Volatilität, wie sie Krisenzeiten stets begleitet, einfach aussitzen. Oder sie können gezielt auf Werte setzen, die meist eine geringere Volatilität zeigen. Drittens können sie versuchen, von der hohen Volatilität zu profitieren.

WIE HOCH DIE VOLATILITÄT IST

Die Börsen haben einige Angstbarometer geschaffen, die die Volatilität messen. Eines davon ist der V-Dax new, den die Deutsche Börse in Echtzeit berechnet. Er spiegelt die von den Marktteilnehmern erwartete Schwankungsbreite der Zukunft, die so genannten implizite Volatilität. Gemessen wird dabei, welche Optionen mit einer Restlaufzeit von 30 Tagen Investoren an der Eurex, der europäischen Terminbörse für Finanzderivate, handeln.

In den vergangenen Monaten seit Mitte Februar hat der V-Dax die stärksten jemals gemessenen Ausschläge verzeichnet, stärker noch als während der Finanzkrise. War der V-Dax im Herbst 2008 auf Werte über 82 gestiegen, so erreichte er im Corona-Crash sogar Werte über 86. Im finalen Crash der Dotcom-Krise 2003 war er sogar nur auf 62 geklettert. Inzwischen sind die Werte wieder rapide auf aktuell 37 gefallen – eine Kennziffer, die allerdings immer noch deutlich über dem Schnitt der vergangenen vier Jahre lag, in dem der VDax meist zwischen zehn und 20 dümpelte.

Auch die europäischen Märkte sowie die US-Märkte haben entsprechende Volatilitäts-Barometer. Das US-Pendent ist der Volatility Index (Vix), der die erwartete Schwankung des S&P 500 misst, also jenes Index, der die 500 größten börsennotierten Werte der USA beinhaltet. Generell ist es auch hier so: Steigt der Vix, steigt auch die Nervosität an den US-Börsen, was in Crashs und massiven Korrekturen der Fall ist. VDax und Vix sind also Kontraindikatoren: steigen sie, dann fallen umgekehrt die Aktienmärkte, zumindest in den meisten Fällen.

WIE SCHWANKUNGEN ABSCHWÄCHEN

Wer die Schwankungsbreite seiner Geldanlage reduzieren will, kann entweder auf Aktien ausweichen, die das massive Auf und Ab in Krisenzeiten in der Vergangenheit nicht im gleichen Ausmaß mitgemacht haben wie der Gesamtmarkt. Oder er kann in Fonds und ETF investieren, die unter dem Titel „Minimum Volatility“ oder „Low Volatility“ in einen Mix aus schwankungsarmen Titeln investieren. Dazu zählen vor allem Substanzwerte mit geringer Verschuldung und seit vielen Jahren stabiler Entwicklung von Geschäft und Dividenden. Klassische Substanzwerte kommen häufig aus den Branchen Versicherungen, Versorger, Basiskonsumwerte oder Pharma.

Ein Beispiel für eine strikt defensive Aktie wäre beispielsweise der Schweizer Lebensmittel-Riese Nestle, dessen Wert aktuell bei rund 270 Milliarden Euro liegt und bei dem Kurs-Einbrüche um mehr als 20 Prozent nicht vorgekommen sind. Gegen den Trend hat das Papier die Coronakrise sogar mit einem klaren Kurs-Plus überstanden. Allerdings: Die Behäbigkeit der Substanzwerte führt umgekehrt dazu, dass sie in Zeiten starker Börsen deutlich schwächere Kursergebnisse abliefern als Wachstumswerte.

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Auch ETF-Anbieter haben eine Vielzahl von „Minimum Volatility“-Produkten im Programm. Meist werden dabei aus einem Index jene Aktien ausgewählt, für die in Zukunft die geringste Volatilität erwartet wird. Zusätzlich greifen eine Reihe weiterer Algorithmen, die das Portfolio auch in stürmischen Zeiten stabiler halten sollen. Dass eine solche Strategie Geld und Performance kostet, zeigen die vergangenen drei Jahre: Während der ETF MSCI World Minimum Volatility aus dem Haus der Deutschen Bank (DWS) in den vergangenen drei Jahren ein Plus von 18,7 Prozent schaffte, gelang seinem normalen Bruder, die nicht auf Volatilität achtet, ein Plus von 21,45 Prozent.

Im jüngsten Absturz bot die Minimal-Volatility-Variante jedoch ein gewisses Polster: Während der normale ETF im Crash 34 Prozent verlor, waren es beim schwankungsärmeren Produkt nur 28 Prozent. Entsprechende Produkte, die die Nerven ihrer Anleger schonen wollen, haben nahezu alle ETF-Anbieter und Fondshäuser im Portfolio.

WIE VON SCHWANKUNG PROFITIEREN

Wer den Nervenkitzel erhöhen oder von den heftigen Fieberkurven an den Börsen profitieren will, kann auch auf die Volatilität selbst setzen. Hier ist in den vergangenen Jahren eine ganze Anlageklasse entstanden, in der sich bisher allerdings vor allem professionelle Anleger tummeln. Von höheren Schwankungsbreiten profitieren kann ein Privatanleger zum einen mit Volatilitäts-Fonds, bei denen die aktiven Fondsmanager den Kunden die Entscheidung über Art, Haltedauer und Größe eines Investments abnehmen.

Der Allianz Volatility Strategy Fund etwa versucht, Volatilitäts-Risikoprämien mitzunehmen und setzt dabei auf eine breite Palette von Anlageklassen. Derzeit ist er zu gut 95 Prozent in Anleihen investiert. Daneben kauft er unter anderem Derivate, die bei anziehender Volatilität steigen, etwa Volatilitäts-Swaps und Optionen. Die aktuelle Bilanz ist schwach. Seit Jahresbeginn hat er 10,6 Prozent verloren. Anders beim Amundi Volatility Fund Euro. Er hat gut 26 Prozent verdient. Zwischen 2012 und 2017 war die Wertentwicklung jedoch stets negativ. Während 2018 mit einem Plus von 5,38 Prozent beendet wurde, folgt 2019 wieder ein Minus von 9,13 Prozent. Fondsmanager Keskin Gilbert hält hohe Anteile in Optionen, Ende Mai waren es gut 36 Prozent.

Sollte die Krise jedoch rascher beendet sein als befürchtet und sollten sich die Märkte wieder in ruhigeres Fahrwasser begeben, könnten sich die Chancen von volatilitätsgesteuerten Investments schnell wieder in Risiken verwandeln. Denn diese Fonds benötigen für eine gute Performance ein große Börsenunruhe, profitieren sie doch direkt von den Schwankungen. Glätten sich die Wogen, bleibt nur die Performance der Anlagen jenseits der Derivate, was reine Geldmarktpapiere oder auch Aktien und Anleihen sein können.

Das Management bei Amundi glaubt jedoch, dass in den Kursen gegenwärtig längst nicht alle Risiken eingearbeitet seien und Volatilitäts-Anlagen weiter „ein erhebliches Wertsteigerungspotenzial“ hätten. Der Fall sein könnte dies etwa, wenn die Zahlen zum zweiten Quartals, die ab Anfang Juli veröffentlicht werden, unerwartet schlecht ausfallen. Oder auch, falls sich die Welt auf eine zweite Corona-Welle einstellen muss.

Langfristige Performance des Volatilitäts-ETF zeigt nach unten

Auch über ETF und eine weitere Anlageklasse, die ETN, lässt sich direkt an der Volatilität teilhaben. Hier konnte der Anleger zuletzt gewaltige Gewinne einfahren: 139,5 Prozent Plus etwa hat der ETF Lyxor S&P 500 Vix Futures Enhanced Roll seit Anfang Januar erzielt. Er investiert den größten Teil des Geld in große Bluechips aus Europa, Japan und den USA, zum Beispiel die Munich Re, JP Morgan, Bayer oder Procter& Gamble.

Entscheidend für die Performance ist jedoch der Swap im Portfolio, mit dessen Hilfe sich Lyxor von seiner Muttergesellschaft, der Société Générale, die Performance des Volatilitätsindex VIX garantieren lässt. Angesichts der satten Marktschwankungen hat dies zu erheblichen Pluszeichen geführt. Vor allem die langfristige Performance des ETF zeigt jedoch: Er eignet sich nur kurzfristig für volatile Phasen an den Märkten. Auf Sicht von fünf Jahren liegt das Minus bei 54 Prozent.

ETN ist etwas für Zocker

Etwas Zockernatur braucht, wer via ETN von der Volatilität profitieren möchte. ETN, also Exchange Traded Notes, sind börsengehandelte Inhaberschuldverschreibungen, die etwa den Vix abbilden. Ein Plus von 94,7 Prozent hat der iPath S&P500 Dynamic VIX ETN von Barclay’s binnen drei Monaten erzielt. Betrachtet man das Produkt jedoch seit seiner Auflage 2011, so liegt es sogar etwas im Minus. Wissen müssen Anleger, dass sie hier nicht nur ein Kursrisiko tragen, sondern zusätzlich ein Emittentenrisiko. Ginge Barclay’s bankrott, müsste der Anleger sein Geld abschreiben.

Da die ETN in kurzfristig laufende Futures investieren, um die Volatilität abzubilden, müssen sie das Geld der Anleger dauernd in andere Futures „rollieren“, was Geld kostet und deshalb an der Performance knabbert. Ganz besonders mutige und kundige Anleger können auch einen „Straddle“ ausprobieren, um von steigender Volatilität zu profitieren. Dabei wird sowohl ein Put als auch auch ein Call-Optionsschein gekauft, jeweils mit der identischen Laufzeit.

Bei entsprechenden Schwankungen würde der Anleger von beiden Richtungen profitieren. Wichtig ist dabei, dass die Optionsscheine nahe am Kurs des Basiswerts liegen und dass die Bewegung des Basiswerts stark ist. Die Richtung ist dabei unerheblich.