Die Gemeinschaft legt großen Wert auf Anonymität

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Alles über das Weltlexikon : Krieg der Schlauberger - Inside Wikipedia
Der Grönland-Experte. Kenneth Wehr, 18, editiert unter dem Pseudonym Kenny McFly. Ist bei Wikipedia seit zwei Jahren aktiv. Studiert historische Linguistik und Skandinavistik, engagiert sich in den Themenbereichen Grönland sowie Eurovision Song Contest und verbessert Transkriptionen, vor allem aus dem Kyrillischen. Sein längster Artikel ist die Stammliste der Rheingrafen, sein bekanntester der über Salvador Sobral, den portugiesischen Gewinner des diesjährigen Song Contests.
Der Grönland-Experte. Kenneth Wehr, 18, editiert unter dem Pseudonym Kenny McFly. Ist bei Wikipedia seit zwei Jahren aktiv....Foto: Mike Wolff

Wer selbst nie versucht hat, eine Änderung in der Wikipedia durchzuführen, hat die beiden Knöpfe in der oberen Leiste der Seite bisher womöglich übersehen. Zu jedem Artikel gibt es eine eigene Seite namens „Diskussion“, auf der sich Nutzer darüber austauschen können, was beim entsprechenden Eintrag ergänzt oder korrigiert werden soll. Über die „Versionsgeschichte“ lässt sich jede einzelne Änderung noch Jahre später nachvollziehen, auch wenn es nur ein gesetztes Komma war. Und jede Änderung lässt sich rückgängig machen. Über diese beiden Hilfsseiten werden in der Wikipedia Schlachten geschlagen. Wird um Inhalt und Form gerungen, sich gegenseitig bloßgestellt, denunziert, einander böse Absicht unterstellt.

Sogar um Detailfragen, die auf Außenstehende lächerlich wirken, können zähe Konflikte entbrennen. Etwa die Frage, ob es sich bei dem in Wien stehenden Donauturm lediglich um einen Aussichtsturm oder um einen Aussichts- und Fernsehturm handelt. Die Diskussion darüber zog sich über Monate, es fielen die Schimpfwörter „Nichtsnutz“ und „Größenwahnsinniger“. Der Donauturm-Streit gilt als einer der übelsten Exzesse der deutschsprachigen Wikipedia. Inzwischen ist er beigelegt, die Fernsehturm-Gegner setzten sich durch. Seitdem wird diskutiert, ob der Streit so legendär war, dass er Teil lexikalischen Wissens ist und somit einen eigenen Absatz im Donauturm-Artikel der Wikipedia verdient hat.

Most Wanted

Aktuelle Ereignisse und Jahreszeit beeinflussen, welche Artikel in der Wikipedia am häufigsten angeklickt werden.

Hier die deutschen Spitzenreiter im November:

– Halloween (630 000-mal)

– Deutschland (628 000-mal)

– The Walking Dead (624 000-mal)

– James Bond (604 000-mal)

– Nekrolog (545 000-mal)

– Syrien (421 000-mal)

– Zurück in die Zukunft (421 000-mal)

– Star Wars (380 000-mal)

– Akif Pirinçci (329 000-mal)

– Fußball-EM 2016 (284 000-mal)

– Andreas Bourani (273 000-mal)

Sprecher Jan Apel kann nicht sagen, wie der typische Nutzer aussieht. Das liegt daran, dass die Gemeinschaft großen Wert auf Anonymität legt. Oder besser: auf die Möglichkeit dazu. In Deutschland sei das vielleicht weniger entscheidend, sagt Apel. Dafür in Ländern, in denen Menschen für ihre Einstellungen verfolgt werden, umso mehr. Wer auf Wikipedia, zum Beispiel in einem Streit, einen Hinweis auf die Identität eines anderen gibt, begeht einen schweren Regelverstoß und wird gesperrt.

Seiten über Homöopathie sind häufigen Attacken ausgesetzt

Immerhin existieren Umfragen, an denen sich Nutzer freiwillig beteiligen konnten, die Angaben wurden nicht überprüft. Demnach liegt das Durchschnittsalter deutscher Autoren bei 34 Jahren, 88 Prozent sind männlich. Das wirkt sich zwangsläufig auf das angebotene Wissen aus. Mehrere Kampagnen wurden gestartet, um die Wikipedia mit weiblichen Inhalten zu füllen. Gerade läuft die Aktion „Frauen in Rot“, für die Zehntausende Namen weiblicher Prominenter aufgelistet und rot eingefärbt wurden, die nach den Relevanzkriterien einen Eintrag verdient hätten. Schriftstellerinnen, Politikerinnen, Unternehmerinnen. Sobald einer dieser Namen eine Seite erhält, wird er blau.

Jan Apel erklärt, die Wikipedia habe immer wieder mit Vandalen zu kämpfen. Mit Menschen, die Sätze, Passagen oder gleich ganze Seiten löschen, weil sie unangenehme Wahrheiten aus der Welt haben möchten. Zumindest aber aus dem Internet. Die Seite über den Nahostkonflikt ist häufigen Attacken ausgesetzt. Oder die über Homöopathie. Natürlich die über Hitler.

Der Umtriebige. Matti Blume, 32, nennt sich MB-one und schreibt seit 2004 in der Wikipedia. Ist Wirtschaftsingenieur.
Der Umtriebige. Matti Blume, 32, nennt sich MB-one und schreibt seit 2004 in der Wikipedia. Ist Wirtschaftsingenieur.Foto: Mike Wolff

Dazu kommt Vandalismus ohne Hintergedanken. Von Menschen, die schlicht schaden oder lustig sein wollen. Sie toben sich auf Seiten zu sexuellen Themen und solchen über Politiker aus. Es kann auch den Eintrag über einen wenig bekannten deutschen Physiologen aus dem 19. Jahrhundert treffen, wenn der denn Adolf Fick heißt.

Jan Apel sagt, eine Zeit lang hätten solche Angriffe gehäuft vormittags stattgefunden. Genau zu den Zeiten der Schulpausen. Als vandalismusintensiv gelten auch Feiertage, besonders Weihnachten. Wahrscheinlichste Gründe: erhöhte Frustration und zu viel Zeit.

Ein Kalifornier korrigiert ständig einen einzigen Fehler

Anders als Hilt sehen manche Nutzer ihre Aufgabe in der Wikipedia nicht im Vervollständigen von Texten, sondern darin, Vandalen in Schach zu halten. Sie machen Veränderungen rückgängig und sperren die Accounts der Störer. Für sechs Stunden. Für ein paar Tage. Jahrelang. Auf einer dieser Seiten, die theoretisch jeder einsehen kann, aber tatsächlich nur von Eingeweihten aufgerufen werden, zählt eine Statistik die häufigsten Sperrbegründungen auf: „Unsinnige Bearbeitungen“, „Erstellen unerwünschter Einträge“, „Kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit erkennbar“, „Geh bitte draußen spielen“.

Andere Nutzer haben sich auf das Korrigieren von Rechtschreibfehlern spezialisiert. In der englischsprachigen Wikipedia gilt der Kalifornier Bryan Henderson, Software-Ingenieur bei IBM, als Berühmtheit. Seine Mission ist die Ausbesserung eines einzigen wiederkehrenden Fehlers. Henderson sucht Artikel, in denen die Redewendung „comprised of“, zu Deutsch: bestehend aus, verwendet wird. Er argumentiert, dies sei eine illegitime Mischform aus den Verben to comprise und to be composed. Innerhalb von neun Jahren verbesserte er den Fehler 64 000-mal. Dabei haben sich längst Linguisten gemeldet und glaubhaft argumentiert, man könne „comprised of“ sehr wohl verwenden. Zwischenzeitlich hatte Henderson eine Gegenspielerin, die jede seiner Änderungen beobachtete und rückgängig machte. Sie gab irgendwann auf.

Der aktivste deutsche Wikipedia-Autor nennt sich Aka und lebt in Zwickau. Durchschnittlich schafft er 250 Einträge pro Tag. Um dieses Pensum zu erfüllen, lässt er auf seinem Rechner ein Programm mitlaufen, das sämtliche getätigten Änderungen Dritter mitliest und Alarm schlägt, sobald es einen Rechtschreibfehler findet. Ein Interview möchte Aka nicht geben. Vielleicht hat er keine Zeit.

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