Ein Scherzeintrag wurde von etlichen Medien ungeprüft verbreitet

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Alles über das Weltlexikon : Krieg der Schlauberger - Inside Wikipedia
Der Vandalismusbekämpfer. Nicolas Völcker, 20, schreibt unter dem Nutzernamen SDKmac. Seit 2008 sporadisch, seit 2014 ständig auf der Plattform aktiv. Student der Geowissenschaften. Beteiligt sich am Wiki-Projekt „Vandalismusbekämpfung“, ist Mentor für Neueinsteiger. Interessiert sich für die Themenbereiche Hip-Hop, Techno und Luftfahrt. Besonders stolz ist er auf die von ihm erstellte „Liste der Disstracks des deutschen Hip-Hops“.
Der Vandalismusbekämpfer. Nicolas Völcker, 20, schreibt unter dem Nutzernamen SDKmac. Seit 2008 sporadisch, seit 2014 ständig auf...Foto: Mike Wolff

Immer wieder versuchen Wikipedia-Kritiker, Lügen in Texte zu schmuggeln, um diese dann, bleiben sie unbemerkt, als Beleg für die Untauglichkeit des Systems zu nehmen. Einer fügte in den Artikel „Frauenfußball“ die Behauptung ein, nach dem Gewinn der Europameisterschaft 1989 habe jede deutsche Spielerin ein Bügelbrett als Siegprämie geschenkt bekommen. Journalisten übernahmen die Anekdote ungeprüft, sie schaffte es in etliche Medien, auch den Tagesspiegel. Selbst Bundespräsident Horst Köhler amüsierte sich in einer Ansprache über die Bügelbretter. Es blieb unklar, ob sein Redenschreiber davon in der Wikipedia oder über den Umweg einer Zeitung gelesen hatte.

Solche Fälle, sagt Georg Hilt, taugten allerdings nicht als Beleg für die Unseriosität der Enzyklopädie. Sondern eher als Beispiel für schlampigen Journalismus.

Inzwischen suchen zunehmend öffentliche Institutionen den Kontakt zur Wikipedia. Als einen Weg, ihre Archive und ihr Wissen zugänglich zu machen.

An einem Wochenende Ende November treffen sich 20 Wikipedianer in Berlin-Dahlem, das Museum Europäischer Kulturen hat sie eingeladen, seine Bestände zu sichten und einzelne Exponate in das Nachschlagewerk aufzunehmen. Achim Raschka ist extra aus Köln angereist. 47 Jahre alt, langer Pferdeschwanz, Wikipedia-Veteran. Er gilt als Deutschlands Experte für Eichhörnchen und Gesellschaftsspiele. Wenn einer heute dabei sein muss, dann er. In einem Nebengebäude im zweiten Stock haben Mitarbeiter diverse Kartons auf einem Tisch ausgebreitet. Ein Verschiebepuzzle von 1915, auf dem Deckel das Eiserne Kreuz plus Hinweis: „Geduldsspiel für den Schützengraben“. Daneben „Schwarzer Peter“, etwa aus der gleichen Zeit, mit einem dicklippigen afrikanischen Jungen als wichtigster Karte. Achim Raschka zieht sich weiße Baumwollhandschuhe über, öffnet sachte den ersten Pappdeckel. Als sichere er die Spuren eines Tatorts. Raschke zählt Spielsteine, misst Felder aus, liest die Gebrauchsanweisung. Ein Kollege im Nebenraum hat einen hochauflösenden Scanner mitgebracht. Für die spätere Bebilderung des Artikels. Den Eintrag wird Raschka schreiben, wenn er zurück in Köln ist.

Recht haben, mehr wissen, einander belehren

Georg Hilt und er lernten sich vor drei Jahren in der Wikipedia durch einen Streit kennen. Raschka hatte in einem Artikel über nachwachsende Rohstoffe von sogenannten Superkurzfasern geschrieben. Hilt schritt ein und gab zu bedenken, die existierten überhaupt nicht. Raschka reagierte patzig: „Ich denke mir im Regelfall eigentlich keine Begriffe aus.“ So schaukelten sie sich hoch. Es folgte ein langer Dialog. Heute mögen sich die beiden. Hilt ist trotzdem davon überzeugt, dass er damals recht hatte.

Recht haben. Mehr wissen. Einander belehren. Das sind Disziplinen, die keinem Nutzer fremd sind, und sie geben es zu. Im Wikipedia-Universum kann sich selbst eine Plauderei beim Warten auf die Pizza zu einer Kaskade gegenseitiger Übertrumpfungsversuche steigern. Da sagt dann Martin Rulsch alias „DerHexer“ unvermittelt: „Wie schade, dass du Georg Hilt heißt und nicht Georg Bauer.“ Weil Georg schließlich vom griechischen Georgós komme, was ja Landwirt bedeute. „So würdest du Bauer Bauer heißen.“

Der Community-Manager. Dirk Franke, 42, hat das Pseudonym southpark. Seit 14 Jahren in der Wikipedia aktiv, ist heute Community-Manager. Hat sich mit politischer Philosophie, dem Nordseeraum, Apfelsorten und zuletzt dem Bezirk Wedding beschäftigt. Baute 2005 den Artikel über Barack Obama stark aus, als dieser in Deutschland noch komplett unbekannt war. Ist stolz auf seinen Artikel „Heidi in Japan“. Verfasste zuletzt einen Eintrag über den Volkspark Rehberge.
Der Community-Manager. Dirk Franke, 42, hat das Pseudonym southpark. Seit 14 Jahren in der Wikipedia aktiv, ist heute...Foto: Mike Wolff

Hilt grinst, dann kontert er. Georg sei bekanntlich auch einer von zwei katholischen Heiligen, denen die Heiligkeit abgesprochen wurde. „Der andere war Christopherus, der Riese, der das Jesuskind über den Fluss getragen hat.“

Martin Rulsch winkt ab. Na, das besage ja der Name schon. Christopherus bedeute Christus-Träger.

Am nächsten Tag schreibt Hilt eine Mail. Er habe nachgeschaut, Georg wie Christoph seien immer noch Heilige, man habe sie bloß 1969 aus dem römischen Generalkalender entfernt. Den Fehler vom Vortag könne er nicht so stehenlassen.

Eigentlich darf jeder Wikipedianer unter höchstens einem Benutzernamen schreiben. Nicht alle halten sich dran, haben heimlich Zweit-, Dritt- und Viert-Identitäten. Die nennt man „Sockenpuppen“. Sie werden benutzt, um Diskussionen zu beeinflussen, indem sich die Tarnidentitäten gegenseitig zustimmen und so die Meinung eines Einzelnen letztlich zur Mehrheitsmeinung machen. In Großbritannien flog ein ganzes Netzwerk auf: 381 Sockenpuppen, alle zentral gesteuert.

Hatte er einen Nutzer umgebracht?

Die meisten Betrugsversuche findet Georg Hilt amüsant. Einer raubte ihm jedoch den Schlaf. Vor zwei Jahren fiel Wikipedianern auf, dass ein Nutzer namens Andreas Parker versteckte Werbung für Bücher des Darmstädter Autorenkollektivs „Psychologie aktuell“ machte. Dafür entfernte er Literaturhinweise auf Standardwerke, etwa die Sigmund Freuds, und verwies stattdessen auf Bücher von „Psychologie aktuell“. Dann stellte sich heraus, dass manche Bände des Kollektivs bloß aus gesammelten Wikipedia-Artikeln bestanden, ohne Quellenangabe. Es folgte eine hitzige Diskussion, bis die Herausgeberin von „Psychologie aktuell“ öffentlich erklärte, Andreas Parker habe wegen „Cyber-Mobbings“ gegen ihn einen Herzinfarkt erlitten, der Familienvater liege nun in der Klinik. Später wurde sogar sein Tod verkündet, Traueranzeigen wurden geschaltet.

Georg Hilt fühlte sich schuldig. Er hatte mit Parker gestritten. Hatte er ihn auch umgebracht?

Am Ende kam heraus, dass es nie einen Andreas Parker gab. Er war eine fiktive Identität, geschaffen, um das Autorenkollektiv zu bewerben. Sein fingierter Tod sollte offenbar die peinliche Diskussion beenden. Das Kollektiv bestreitet, hinter der Sockenpuppe Andreas Parker zu stecken.

Wer anonym schreibt, wird aufmerksamer kontrolliert

Wer möchte, kann ganz ohne Benutzerkonto in die Wikipedia schreiben. Dann speichert die Seite nur die IP-Adresse, also die Zahlenkombination, mit deren Hilfe sich jede Aktivität im Netz einem konkreten Anschluss zuordnen lässt. Für Privatpersonen, die sich über einen Internetanbieter einwählen, ist das meist unverfänglich, weil die Adressen jedes Mal neu vergeben werden. Für Behörden, Unternehmen und Institutionen kann es aber unangenehm werden – wenn sie versuchen, im vermeintlichen Schutz der Anonymität ihre eigenen Wikipedia-Seiten zu beschönigen. Der Satz „Biblis hat wieder einmal bewiesen, dass das Kraftwerk sehr sicher ist und hervorragend arbeitet“ stammte aus der Verwaltung des damaligen Betreibers RWE. Und Löschungen im Artikel über den Bundesnachrichtendienst kamen vom BND selbst. Über eine IP-Adresse, die zuvor schon diverse Artikel über James-Bond-Filme vervollständigt hatte.

Wer anonym schreibt, dessen Veränderungen werden aus Erfahrung aufmerksamer kontrolliert, sagt Hilt. Seit acht Jahren müssen sie sogar von einem registrierten Nutzer freigeschaltet, also genehmigt werden, bevor jeder sie sieht. Bevor sie Teil des Wissenskanons werden.

Das ist einer der wesentlichen Mechanismen der Riesenmaschine Wikipedia. Offiziell hat jeder Autor die gleichen Rechte, wird gleich ernst genommen. Tatsächlich gibt es Hierarchien und unausgesprochene Hackordnungen, gesteuert durch die Reputation der Teilnehmer. Ähnlich wie bei Facebook kann sich jeder Nutzer eine eigene Seite erstellen, auf der er die von ihm verfassten Artikel, seine Fähigkeiten und Leistungen dokumentiert. Ein Schaufenster zum Herzeigen seiner Trophäen. Auf der Seite von Kenneth Wehr, dem Grönland-Experten, steht, dass er das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) beherrscht. Dass er „die meisten europäischen Sprachen korrekt aussprechen kann“. Dass er am Treffen der Jungwikipedianer in Hannover teilgenommen und am Projekt „Wikifizierung von Grönland“ mitgewirkt hat. Dass er im September 2017 zum Administrator gewählt wurde. Jetzt kann er andere Nutzer sperren.

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