Alles über das Weltlexikon : Krieg der Schlauberger - Inside Wikipedia

Recht haben, mehr wissen, einander belehren - was treibt die Menschen, die das Weltwissen gratis verfügbar machen?

Die Biografin. Silvia Stieneker, 39, schreibt auf Wikipedia unter dem Nutzernamen Siesta. Themenbereiche: Literatur, politischer Aktivismus und soziale Bewegungen sowie Israel.
Die Biografin. Silvia Stieneker, 39, schreibt auf Wikipedia unter dem Nutzernamen Siesta. Themenbereiche: Literatur, politischer...Foto: Mike Wolff

Im ersten Stock eines Altbaus in Berlin-Kreuzberg steht eine imposante Bücherwand. Hunderte ledergebundene Werke reihen sich aneinander. Sie tragen Namen aus einer anderen Zeit: Brockhaus, Encyclopaedia Britannica, Volkslexikon. Bei manchen blättert der goldene Prägedruck ab.

Menschen, die keine Verwendung mehr für diese Bücher hatten, sich aber nicht überwinden konnten, sie wegzuwerfen, brachten sie her. Wer braucht heute schon papierne Nachschlagewerke, wo es doch die Wikipedia gibt. Allein die deutsche Version umfasst mittlerweile 2,1 Millionen Artikel. Druckte man alles aus, ohne die Bilder, entspräche das mehr als 1000 Lexikonbänden.

Wer das Internet nutzt, nutzt die Wikipedia. Und was dort geschrieben steht, ist Allgemeingut. Es beeinflusst, wird zitiert und weiterverbreitet. Kurz: Es gilt. Doch wer bestimmt, was wir heute wissen?

Vielleicht kennt der Mann, der gerade vor der Wand mit den ungewollten Büchern steht, die Antwort. Jan Apel, 38, ist Sprecher von Wikimedia. Dem Verein hinter dem größten Mitmachprojekt des Internets, ja der Menschheitsgeschichte. Apel sagt, im Grunde dürfte es die Wikipedia gar nicht geben. Zu unwahrscheinlich klingt sie in der Theorie. Eine Datenbank, in der Menschen freiwillig und ohne Vergütung ihr Wissen preisgeben. In der jeder herumpfuschen darf, ohne Nachweis irgendeiner Qualifikation, wenn gewünscht sogar anonym. Warum sollten Menschen für so etwas Energie verschwenden? Und was sollte dabei anderes herauskommen als ein Haufen unbrauchbarer, fehlerhafter Informationen?

Sein Antrieb sei die Neugier

In dem Kreuzberger Altbau am Halleschen Ufer hat Wikimedia inzwischen zwei Etagen angemietet. Hohe Decken, Sitzsäcke, lilafarbene Tretroller stehen bereit, um schneller durch die Flure zu kommen. 100 Menschen sind hier angestellt. Doch Jan Apel sagt

Sie sind bloß für die Rahmenbedingungen zuständig. Klären Urheberrechtsfragen, setzen Förderprogramme auf, werben um Spenden. „Keiner hier schreibt selbst in der Wikipedia, jedenfalls nicht während der Arbeit.“ Wo also findet man die Menschen, die entscheiden, was heute gilt und was nicht?

Donnerstagabend in Mitte, ein Ladenbüro im Parterre eines Mietshauses, zwei Minuten Fußweg vom Nordbahnhof. In diesen Räumen treffen sich Wikipedia-Autoren zum gemeinsamen Editieren. Georg Hilt versucht sich auf seinen nächsten Eintrag zu konzentrieren. Die stille Mutation. Diese verändere, sagt er, DNA-Abfolgen, ohne dass sie sich auf Aminosäure-Abfolgen im Protein auswirke. Klingt schrecklich dröge im Vergleich zu dem, womit sich sein Nebenmann gerade beschäftigt. Der verbessert Textstellen über die Analdrüse des Wiedehopfs. Kenny McFly ist auch hier und Julius1990 und DerHexer natürlich auch. DerHexer ist eigentlich immer da. Sie hocken mit ihren Laptops nebeneinander auf der Couch, es gibt Cola und Schokoriegel, nachher wird Pizza bestellt.

Kleines Glossar

AGF (assume good faith): Empfohlener Vorsatz, anderen Nutzern zunächst gute Absichten zu unterstellen.

Edit War: Streit zwischen Autoren über zwei Versionen eines Artikels, von denen die eine immer wieder durch die andere ersetzt wird.

Exlusionist: Autor, der darauf aus ist, scheinbar irrelevante Inhalte aus der Wikipedia zu löschen.

Fangeschwurbel: Inhalte, die meist nur auf Primärliteratur basieren und bloß für Fans von Interesse sind.

Honigtopf: Emotional aufgeladenes Thema, das erfahrungsgemäß Vandalen anzieht.

Putztruppe: Freiwillige, die neu angelegte Artikel Dritter gewissenhaft auf Brauchbarkeit prüfen.

Wikiquette: Benimmregeln für Wikipedia-Nutzer.

Georg Hilt ist 40 Jahre alt, promovierter Biochemiker, seine Mitstreiter kennen ihn unter dem Nutzernamen Ghilt. Schlägt man in der deutschsprachigen Wikipedia ein Stichwort aus dem Bereich Biochemie nach, ist die Chance groß, dass Hilt daran mitgewirkt hat. Der Artikel über die stille Mutation wird der 823. sein, den er selbst angelegt hat. Warum machen Sie das, Herr Hilt?

Er sagt, sein Antrieb sei die Neugier. Der Wunsch, Sachverhalte vollständig zu erfassen. Hinzu kämen bei ihm allerdings noch zwei weitere hilfreiche Charaktereigenschaften. Die eine sei Altruismus. Die andere sei ausgeprägte Besserwisserei.

Diskutiert wird in der Wikipedia ständig

16 Jahre nach Gründung existiert die Wikipedia mittlerweile in 199 Sprachen. Die deutsche ist, nach der englischen, die umfangreichste. Pro Minute werden in ihr durchschnittlich 22 Artikel verändert. Und 6250 gelesen. Weil jede Information, die man in der Wikipedia findet, dort theoretisch vom schlimmsten Laien eingestellt worden sein kann, hält sich bis heute die Vorstellung, man könne der Seite weniger vertrauen als einer herkömmlichen, von bezahlten Experten verfassten Enzyklopädie. Dabei haben Studien, erzählt Georg Hilt, schon vor Jahren das Gegenteil bewiesen.

Der Biochemiker. Georg Hilt, 40, ist auf der Plattform unter dem Pseudonym Ghilt aktiv. Konzentriert sich auf die Themenbereiche Naturwissenschaften, insbesondere Biochemie, sowie mechanische Uhren. Ist Mitglied im Schiedsgericht. Wurde 2017 mit dem Motivationspreis „Wiki-Eule“ ausgezeichnet. Liebste eigene Artikel: CRISPR/Cas-Methode, SDS-Page, Molekülmarkierung.
Der Biochemiker. Georg Hilt, 40, ist auf der Plattform unter dem Pseudonym Ghilt aktiv. Konzentriert sich auf die Themenbereiche...Foto: Mike Wolff

Seine Mitstreiter erklären sich das so: Im klassischen Lexikonverlag wurden die Einträge von Fachautoren geschrieben. Jeder Texthappen wurde von einem Redakteur gegengelesen, ein Rechtschreibkorrektor guckte drauf, zum Schluss der Setzer. Das Acht-Augen-Prinzip. Wenn jemand in der Wikipedia einen Fehler einbaut und die Stelle anschließend 100 000 Nutzer lesen, dann reicht es völlig, wenn 1000 von ihnen den Fehler bemerken, 100 denken, das sollte man korrigieren, und einer es am Ende tatsächlich tut.

Normalerweise loggt sich Georg Hilt mit dem Laptop zu Hause in seiner Dachgeschosswohnung in Berlin-Mitte auf Wikipedia ein. Bevorzugt spätabends. Das helfe beim Müdewerden. Hilt ist hyperaktiv, und er sagt, dies gelte für einige Wikipedianer. Die gemeinsamen Treffen im Büro am Nordbahnhof, einmal die Woche, gibt es erst seit vergangenem Jahr. Kenneth Wehr, 18, Nutzername Kenny McFly, Asperger-Syndrom, sagt, der persönliche Umgang sei hier angenehmer als im Netz. Der Diskussionston weniger schroff, wenn man sich dabei ins Gesicht schaue. Und diskutiert wird in der Wikipedia ständig. Denn im Hintergrund wirkt, vom gewöhnlichen Leser unbemerkt, ein ausgeklügeltes System aus Sperrprüfungen, Löschanträgen und Verhaltenskodizes. Das freiwillige Verschenken von Wissen, sagt Kenneth Wehr, sei für viele in Wahrheit ein Kampf um Deutungshoheit.

Die Anlaufstelle. Das Regal voller alter Lexika steht in der Zentrale von Wikimedia Deutschland am Halleschen Ufer in Kreuzberg. Aufgabe des Trägervereins ist es, die Arbeit der ehrenamtlichen Wikipedia-Autoren zu unterstützen, zudem ist er für Programmierung, Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Der Verein hat mehr als 50<ET>000 Mitglieder. Seit 2016 gibt es in der Gartenstraße in Mitte zudem einen Treffpunkt für Wikipedianer.
Die Anlaufstelle. Das Regal voller alter Lexika steht in der Zentrale von Wikimedia Deutschland am Halleschen Ufer in Kreuzberg....Foto: Mike Wolff

Die meisten Wikipedianer fühlen sich für gleich mehrere Themenbereiche verantwortlich. Bei Kenneth Wehr sind das unter anderem: die Übersetzung kyrillischer Schriftzeichen ins Deutsche, Grönland und der Eurovision Song Contest. Das Betreuen sei ein bisschen wie digitales Briefmarkensammeln. „Wenn da plötzlich einer kommt und am eigenen Artikel rumwerkelt, also damit behauptet, zumindest in einem Detail besser Bescheid zu wissen als man selbst“, dann sei das zwar legitim, fühle sich aber an, als wolle der Fremde einem eine Briefmarke aus der Sammlung klauen.

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