Mancher Streit endet vor dem Schiedsgericht

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Alles über das Weltlexikon : Krieg der Schlauberger - Inside Wikipedia
Die Kunstversessene. Sandra Becker, 50, editiert unter dem Nutzernamen Medea7. Seit 13 Jahren dabei. Leitet beruflich die Medienwerkstatt im Kulturwerk des bbk Berlin. Interessiert sich für Kunst und Kultur, Medien und Software. Ist besonders stolz auf ihren Eintrag über „The Floating Piers“, das temporäre Kunstwerk von Christo und Jeanne-Claude in Italien. Schrieb an den Artikeln „Suffragetten“ und „Ein-Kind-Politik“ mit.
Die Kunstversessene. Sandra Becker, 50, editiert unter dem Nutzernamen Medea7. Seit 13 Jahren dabei. Leitet beruflich die...Foto: Mike Wolff

Die besten Leistungen zeichnet Wikimedia jährlich mit einem eigenen Preis aus, der Wiki-Eule. Georg Hilt bekam dieses Jahr eine „Ehren-Eule“. Die Verleihung fand in Leipzig vor mehreren hundert Gästen statt. Der Laudator nannte Hilt eine wesentliche Stütze im Bereich Chemie.

Sein liebster Artikel, sagt Georg Hilt, ist der über die Crispr/Cas-Methode. „Weil die Wissenschaftler, die sie entdeckt haben, als Anwärter auf den Nobelpreis gelten.“ Sobald das passiert, werden viele Menschen diesen Artikel anklicken, um zu verstehen, was die Crispr/Cas-Methode überhaupt sein soll, und Georg Hilt wird ihn geschrieben haben. Die Sichtbarkeit des eigenen Schaffens ist eine zentrale Währung unter Wikipedianern. Genau wie bei kommerziellen Internetseiten, nur dass es hier nicht um Werbeeinnahmen geht.

So wichtig Respekt und innerwikipedianischer Ruhm sind, so gefährdet ist die eigene Reputation. Ein einziger kritischer Eintrag, eine unfair geschlagene Schlacht kann sie zerstören. Um das zu verhindern, sind Nutzer bereit, durch alle Instanzen zu gehen. Dann landen sie beim Schiedsgericht. Es besteht aus zehn Mitgliedern, die sich von der Community in das Gremium wählen lassen. Georg Hilt ist eines von ihnen. Sie beraten sich per Mail und in einer wöchentlichen Skypekonferenz. Neulich hatten sie einen mutmaßlichen Beleidigungsfall zu verhandeln. Nutzer Zietz hatte sich beschwert, weil er für einen Tag gesperrt worden war, nachdem er Nutzer Stepro als „unfähig“ bezeichnet hatte. Der wiederum hatte andere Mitstreiter zuvor „verhaltensauffällig“ genannt und war dafür nicht bestraft worden. Die Beratungen zogen sich über sechs Wochen, am Ende entschied die Runde, die Sperre sei rechtens. Zietz hatte gegen die Regel „KPA“ verstoßen: keine persönlichen Angriffe.

Wird Wikipedia von rechts unterwandert?

Ende vorigen Jahres war das Schiedsgericht vorübergehend lahmgelegt. Die Mitglieder hatten sich heillos zerstritten. Eines hatte verkündet, es sei AfD-Funktionär. Die meisten anderen erklärten daraufhin ihren Rücktritt, wodurch das Gremium beschlussunfähig wurde. Bei der Neuwahl im Mai trat der AfD-Mann nicht wieder an.

Seit diesem Vorfall wird in der Wikipedia darüber spekuliert, ob sie von rechts unterwandert wird. Georg Hilt sagt: Das Projekt steht schon länger unter Beschuss. Eigentlich permanent. Es sind nicht nur die Rechtspopulisten. Es sind die Heilpraktiker, die behaupten, die Wirksamkeit von Globuli sei wissenschaftlich bewiesen. Esoteriker, die in der Wikipedia festschreiben wollen, dass Aliens existieren, Wünschelruten funktionieren. Hobby-Historiker, die Deutschlands Schuld am Zweiten Weltkrieg relativieren wollen.

Der Ausdauernde. Martin Rulsch, 30, nennt sich DerHexer. Begann seine Laufbahn als Autor im September 2005. Ist heute „Projektmanager Digitales Ehrenamt“. In der Anfangszeit verfasste er Beiträge über Metal-Musik, inzwischen lieber über die griechisch- römische Antike. Weil er für seinen Eintrag über den trojanischen Priester Laokoon sämtliche Forschungsliteratur durcharbeitete, zog sich die Erstellung über zwölf Monate hin.
Der Ausdauernde. Martin Rulsch, 30, nennt sich DerHexer. Begann seine Laufbahn als Autor im September 2005. Ist heute...Foto: Mike Wolff

Wie kann die Wikipedia-Gemeinschaft garantieren, dass solche Meinungen außen vor bleiben?

„Die Wahrheit ist: Eine solche Garantie gibt es nicht“, sagt Georg Hilt. Was in der Wikipedia als Fakt ausgegeben werde, entscheide die Gesellschaft, die Summe der Individuen. Und wenn in dieser Gesellschaft die Unvernünftigen die Oberhand gewinnen und die Vernünftigen nicht mehr gegenhalten, wird dasselbe in der Wikipedia geschehen. „Der einzige tröstliche Gedanke ist, dass es jetzt 16 Jahre lang ziemlich gut geklappt hat.“

"Wir bilden nur das etablierte Wissen ab"

An einem Samstag Ende November lädt der Dachverband Wikimedia zu seiner Mitgliederversammlung. Neue Kassenwarte werden gewählt, und oben im zweiten Stock gibt es einen Workshop für Neueinsteiger. Im schlauchförmigen Konferenzraum sitzen 15 Interessierte um einen Tisch herum. Ein älterer Mann hat seinen Laptop mitgebracht und bittet um Rat, er weiß nicht, wie er sich einloggen soll. Er hat sein Passwort vergessen. Niemand kann helfen. Vorn am Beamer steht Gereon Kalkuhl im Anzug. Seit zehn Jahren dabei, seine Spezialgebiete sind Schachspieler, Insekten und Asteroiden. Kalkuhl fragt in die Runde, wer schon mal selbst in die Wikipedia geschrieben habe. Eine Frau sagt, sie habe nicht gewusst, dass das jeder dürfe. Ein anderer sagt, er habe sich bisher nicht getraut, aus Angst, bestraft zu werden. Der Mann, der das Passwort für seinen Laptop nicht kennt, sagt, er wolle unbedingt damit anfangen. Er sei Autor und habe Bücher geschrieben über Volkskunde und Archäologie, dabei habe er „Sachen entdeckt, die sonst keiner weiß“.

Gereon Kalkuhl wendet ein: „Na, dann kann das aber auch nicht in der Wikipedia stehen. Wir bilden schließlich nur das etablierte Wissen ab.“ Doch der Mann lässt sich nicht beirren, berichtet von Steinen mit Runen und eingemeißelten Fußsohlen, die noch keiner erforscht habe – außer ihm. Von geheimem Wissen, das verschollen sei, und von Christen, die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte verfälscht hätten. Er sagt: „Ich habe das alles über Sprachforschung herausgefunden. Nur glaubt mir keiner.“

Kalkuhl atmet tief durch. Er weiß, dass die Frage, was davon seinen Weg in die Wikipedia findet, nicht hier in diesem Konferenzraum entschieden wird.

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