Ein Zimmer ohne Fenster

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Das Schicksal einer Rentnerin : Die Frau links vorm Prinzenbad
Ausdauer. Der Arzt hat Frau Hartmann geraten, zu Hause zu bleiben. Sie denkt nicht dran.
Ausdauer. Der Arzt hat Frau Hartmann geraten, zu Hause zu bleiben. Sie denkt nicht dran.Foto: Mike Wolff

Ein heißer Tag im August. Frau Hartmann hat wieder Platz genommen vor dem Bad, ihr läuft der Schweiß, sie keucht und schimpft. „Horch, die Frauen mit Kopftuch in der Schlange, fünf Euro Eintritt, wie können die sich das leisten? Denne geht’s gut bei uns.“ Frau Hartmanns Blick in die Welt ist die Schlange vor dem Prinzenbad, daraus zieht sie ihre Schlüsse. In der Schlange geht es den Menschen wirklich gut, Deutschen, Türken, Russen, sie stehen schließlich fürs Schwimmbad an. Frau Hartmann war noch nie drin.

Die Mittagssonne brennt jetzt auf den Platz vor dem Bad, ein Freund fragt sie, ob sie nicht besser nach Hause gehen wolle, sich schonen. Frau Hartmann sagt, sie warte noch auf eine Frau, die ihr gestern gesagt habe, dass sie mittags käme, um einen Tagesspiegel zu kaufen. Die SPD-Frau, so nennt sie die. Den richtigen Namen hat sie vergessen, aber sie erinnert sich, dass sie früher in der Partei aktiv war.

Sie harrt im Schatten aus, irgendwann kommt die SPD-Frau, und Frau Hartmann bemerkt, dass sie keinen Tagesspiegel mehr hat. Zwischen den Wartenden vorm Bad springt sie hindurch zum Kiosk gegenüber und kauft einen, dazu einen Kaffee mit Extrabecher. Sie überreicht die Zeitung, berechnet keinen Cent mehr, als sie selbst bezahlt hat, schüttet die Hälfte des Kaffees in den Extrabecher und überreicht auch den. Die SPD-Frau nippt, es ist zu heiß für Kaffee. Dann macht sich Emma Hartmann auf den Heimweg. Sie zählt 13 Schwäne.

Raus aus der Wohnung, aber wohin?

Sie könnte zu Hause bleiben, sie könnte betteln, da hätte sie vielleicht mehr davon. Aber Emma Hartmann hat ihr Leben lang gearbeitet, sie hört jetzt nicht damit auf, nur weil sie nichts verdient. „Wenn ich dahaam bleib, hab ich das Gefiihl, die Wänd stiirzen auf mich drauf.“ Sie hat es mal mit der Kirche versucht, aber „die Weibsleut hatten zerrissene Hosen an, und die Mannsleut haben Bier getrunken“. Der Pfarrer zuckte nur mit den Schultern, als sie ihm sagte, dass ihr das nicht passe. Sie ging dann einfach nicht mehr hin. Das Zeitungverkaufen dagegen ist nicht nur ein Job.

Ob der Vermieter mit seinem Schreiben Ernst macht und wann, das weiß Frau Hartmann nicht. Oder will es nicht sagen. Sie weiß nur, dass sie in Kreuzberg nichts Bezahlbares mehr finden wird, wenn der sie rausschmeißt. Neulich war sie in Weißensee, hat sich eine Wohnung angeschaut, ein Zimmer ohne Fenster.

Weißensee liegt zehn Kilometer entfernt vom Prinzenbad.

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