Tourismusmanager warnt vor Overtourism : „In zehn Jahren sind unsere Städte komplett zerstört"

Stephen Hodes ist Tourismusmanager - und kämpft gegen den wachsenden Städtetourismus. Er fordert Reiselimits und Obergrenzen. Auch für Berlin. Ein Interview.

Touristen in Amsterdam. Die niederländische Hauptstadt ist ein beliebtes Reiseziel.
Touristen in Amsterdam. Die niederländische Hauptstadt ist ein beliebtes Reiseziel.Foto: imago/Hollandse Hootge

Herr Hodes, Sie haben jahrzehntelang für den niederländischen Tourismusverband Menschen ins Land gelockt – jetzt wettern Sie plötzlich gegen Städtereisen. Woher der Sinneswandel?

Ich habe 22 Jahre im Herzen von Amsterdam gewohnt und die Veränderung hin zu einem reinen Konsumghetto für Urlauber hautnah miterlebt. Am Ende war ich nur noch umgeben von Touristenshops und Partys in Nachbarwohnungen. Ich habe mich dort nicht mehr zu Hause gefühlt, sondern wie ein Polizist, der 24 Stunden im Einsatz ist. Darauf hatte ich keine Lust mehr.

Sie haben die Denkfabrik „Amsterdam in Progress“ mitgegründet, um den stetig wachsenden Städtetourismus zu bekämpfen.

Ich will Menschen vor dem Verlust ihrer Heimat bewahren. Wir sind jetzt seit fünf Jahren aktiv. Als ich damit angefangen habe, ging es mir nur um Amsterdam. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Entwicklung jedoch rasant beschleunigt und bricht wie ein Tsunami über unsere Städte herein: über Barcelona, Berlin, Venedig, Dubrovnik, Prag, Riga. Aber auch über Dutzende kleinere asiatische Orte. Gerade Europa als größtes Tourismusziel der Welt ist stark gefährdet. Wir sind nur noch zehn Jahre davon entfernt, unsere attraktivsten Städte in Disneyland-Parks zur verwandeln.

Was ist so schlimm an ein paar Souvenirläden?

Städtetourismus wird zum Problem, wenn die Balance aus dem Gleichgewicht gerät und die Besucher dominieren. Die Touristen zerstören den Funktionsmix, der für die Einwohner lebensnotwendig ist. Warum sind Amsterdam und Berlin denn so beliebt?

Wegen der Mischnutzung?

Exakt. Die Menschen leben, arbeiten und spielen hier. Es gibt Unternehmen und Start-ups, Sozialwohnungen und teure Dachgeschosse. Wenn diese Mischung verloren geht, wird eine Stadt weniger lebenswert. Und je touristischer es wird, desto stärker steigen die Gewerbemieten. Gerade im Zentrum. Dann verschwinden kleine Geschäfte, Praxen oder Nachbarschaftstreffs. Stattdessen breiten sich große Ketten aus, die solche Preise zahlen können. Diese Ketten gehören oft Konzernen aus der Tourismus- und Freizeitindustrie, die die gleichen Sightseeingbusse, Hostels und Geschäfte in Lissabon oder London betreiben. Das Ergebnis sind uniforme Stadtzentren, die nur auf Besucher ausgerichtet sind.

Stephen Hodes

Stephen Hodes, 70, arbeitet als Tourismusmanager und gründete vor fünf Jahren den Thinktank „Amsterdam in Progress“, der die schädlichen Auswirkungen des Städtetourismus thematisiert und radikale Gegenmaßnahmen fordert.
Hodes wurde in Südafrika geboren und wuchs in Kapstadt auf. Weil er sich als Aktivist in der Anti-Apartheid-Bewegung bedroht fühlte, zog er Anfang der 70er Jahre nach Amsterdam. Dort beendete er sein Architekturstudium und heuerte bei der Tourismus-Agentur der Niederlande an, wo er als Marketingmanager arbeitete und Amsterdam und andere Städte in Nordamerika bewarb. Mitte der 90er Jahre gründete er mit Kollegen die Firma „LAgroup“, mit der er unter anderem Gemeinden in Tourismusfragen berät.

Der Tourismus ist in vielen Städten einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren, auch in Berlin.

Wenn man etwas genauer hinschaut, relativiert sich das. Die wirtschaftlichen Interessen der Branche kollidieren zunehmend mit den alltäglichen Bedürfnissen der Bewohner. Die Stadtverwaltungen müssen aktiv werden, bevor es zu spät ist. Als Startpunkt benötigen sie einen völlig neuen Ansatz in Sachen Tourismusmanagement. Viele zählen nur die Einnahmen. Sie müssen den Tourismus aber auf seine Auswirkungen auf Wirtschaft, Ökologie und Soziales bewerten. Und da sieht es nicht gut aus.

Dann rechnen Sie das mal vor.

Einer der größten Verursacher des Klimawandels sind Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe. In den Städten bedeutet Tourismus mehr Müll und mehr Wasserverbrauch. Außerdem ebnet er den Weg für eine wirtschaftliche Monokultur, in der es zum großen Teil schlecht bezahlte Jobs für Geringqualifizierte gibt. Wenn eine Stadt erst einmal ökonomisch vom Tourismus abhängig wird wie Venedig, gibt es keinen Weg zurück mehr.

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Was wollen Sie tun – ein allgemeines Reiseverbot verhängen?

Kein Verbot, aber wir müssen die Zahl der Menschen begrenzen, die in unsere Städte kommen. Wir sollten uns dabei auf Qualitätstouristen beschränken.

Das sind die mit dem meisten Geld?

Nein, das sind die, die sich an die lokale Kultur anpassen können und sie nicht ignorieren und zerstören, weil sie die Stadt nur als Partymeile verstehen. Die Stadtsoziologin Jane Jacobs vertrat die These, dass eine Stadt „Augen auf der Straße“ braucht. Menschen, die sich mit dem Ort verbunden und für ihn verantwortlich fühlen, dann steigt die Lebensqualität und die gefühlte Sicherheit. Bei Touristen, die zwei Nächte in einer Ferienwohnung verbringen, ist das nicht der Fall. Wir müssen ein „Ausverkauft“-Schild an unsere Städte hängen. Sonst sind unsere Städte bald kein Ort zum Leben mehr, sondern eine lebensfeindliche Transitzone für Besucher, Touristen oder Expats. Wenn ein Konzert oder eine Filmvorstellung voll ist, sucht man ja auch nach einer Alternative. Um das zu erreichen, muss die Zahl von Flügen, Zügen und Kreuzfahrtschiffen, die eine Stadt erreichen, limitiert werden.

Wie soll das gehen?

Kreuzfahrtschiffe sollten nur noch am Start oder Ende ihrer Route anlegen dürfen, nicht für ein paar Stunden zwischendurch. Jede Stadt braucht zudem einen Masterplan, der eine Höchstgrenze für touristische Unterkünfte festlegt. Barcelona hat bereits ein Moratorium für neue Hotels beschlossen. Außerdem müssen wir die Steuern auf Flüge erhöhen und das unhinterfragte Wachstum der Flughäfen bremsen. In Amsterdam kämpfen wir gegen den Bau eines zweiten Flughafens nur für Billigflieger.

Stephen Hodes arbeitete jahrelang für die niederländische Tourismusagentur.
Stephen Hodes arbeitete jahrelang für die niederländische Tourismusagentur.Foto: LAgroup

In Berlin sehnt man die Eröffnung des BER herbei.

Die Berliner sollten froh darüber sein, dass der BER immer noch nicht fertig ist. Was auf den ersten Blick für Sie wie ein Nachteil aussieht, ist in Wirklichkeit ein großer Vorteil - wenn auch ein unbeabsichtigter. Wenn der neue Flughafen schon da wäre, wäre der touristische Ansturm bereits viel größer.

Amsterdam will dem nun Herr werden, indem in einigen Gebieten keine Touristenshops mehr zugelassen werden.

Ein mutiger und interessanter Schritt. Es braucht Gesetze, um einen Funktionsmix in der Stadt sicherzustellen und den Vormarsch der Touristenshops zu stoppen. Der erste Rechtsstreit darüber wird bei uns gerade ausgetragen. Jemand hat einen Fischladen eröffnet, aber alle Schilder waren auf Englisch. Ich fürchte leider, das Gericht wird dieses Verbot zurücknehmen.

Im neuen Berliner Tourismuskonzept heißt es, Tourismus müsse „als integrativer Teil der Stadtentwicklung“ verankert werden. Man müsse bei der Stadtplanung auf die Erlebnisbedürfnisse der Gäste Rücksicht nehmen. Sehen Sie das als gelernter Architekt auch so?

Absolut nicht. Die Bedürfnisse von Bewohnern müssen für eine Stadt Vorrang haben. Ansonsten vergrößert sich die Lücke zwischen Lokalpolitik und Bewohnern, die Menschen fühlen sich nicht mehr mit ihrer Stadt verbunden und ziehen fort. Das hat man inzwischen sogar in Amsterdam erkannt. Die neue Stadtregierung hat in ihrer Koalitionsvereinbarung klar gemacht: Die Stadt ist vornehmlich für die Menschen da, die in ihr wohnen. Gäste sind willkommen. Das ist ein wichtiges Statement.

Berlin hat immerhin die „City Tax“ extra für Touristen eingeführt.

Kurtaxen sind nicht ideal. Sie verschwinden meist in den allgemeinen Einnahmen. Niemand weiß, was wirklich damit geschieht. Wir schlagen deshalb einen einmaligen Stadtbeitrag von 20 Euro pro Besuch und Kopf vor. Der sollte in einen Stadtviertel-Investitionsfonds fließen.

Was soll damit finanziert werden?

Damit kann man gezielt Projekte wie Grünflächen, Kultur oder Sport fördern, die explizit den Anwohnern zugute kommen, die besonders stark unter dem Tourismus leiden. Durch sogenannten authentischen Städtetourismus, diese relativ neue Form des Reisens, treten Besucher in Konkurrenz zu den Anwohnern. Sie nutzen die Infrastruktur mit, die eigentlich gar nicht für sie gedacht ist. Das betrifft neben dem Transportsystem auch Krankenhäuser, Polizei, Parks, Spielplätze. Deshalb muss man die Touristen an den Kosten für diese Infrastruktur beteiligen. Die Bewohner zahlen dafür ja auch Steuern. Man darf Touristen nicht besser behandeln als Anwohner, nur weil sie mehr Geld mitbringen. Schon allein, da sie jetzt auch noch unser Wohnungsproblem verschärfen.

In Berlin sollen gerade mal drei Prozent der knapp zwei Millionen Wohnungen Ferienapartments sein.

Aber diese Wohnungen haben einen größeren unmittelbaren Effekt für die Anwohner als etwa Hotels. Wir leben in Städten übereinander, nebeneinander. Ferienwohnungen bringen die Touristen in die Privatsphäre und die Lebenswelt der Anwohner. Das hat eine unglaublich disruptive Kraft und bedroht den sozialen Zusammenhalt. Darüber habe ich viele Gespräche mit Airbnb geführt.

Was war das Ergebnis?

Es brachte gar nichts, die haben nur Dollarzeichen in den Augen. Dabei wirken Ferienwohnungen entscheidend an der Preissteigerung für Wohnraum und Geschäfte mit. Man kann mit Touristen das Doppelte oder Dreifache der normalen Wohnungsmiete verdienen. Viele zahlen deswegen einen höheren Kaufpreis für eine Wohnung, um sie als Ferienapartment refinanzieren zu können.

Haben Sie nicht einmal Verständnis für Mieter, die versuchen, ihre immer teurer werdende Wohnung mittels Untervermietung zu halten?

Nein. Auch die zerstören die Stadt, indem sie versuchen, ein Problem mit den falschen Mitteln zu lösen. Nach meiner Erfahrung vermieten aber vor allem Eigentümer an Touristen. Wir haben Anbieter in Amsterdam, die 600 Objekte betreuen. Sie arbeiten mit sogenannten Key Companies, Schlüsselfirmen. Die bearbeiten die Buchungen und lassen die Gäste in die Wohnungen. Sie arbeiten wie Hausverwaltungen, nur eben für Touristen. Inzwischen kaufen sogar große Hotelketten Häuser und Wohnungen auf, um sie zu Ferienapartments umzugestalten. Es ist ein Wirtschaftsmodell.

In Berlin darf man Wohnungen nur noch nach Registrierung und maximal 90 Tage im Jahr an Touristen vermieten.

Man muss nicht unglaublich intelligent sein, um das zu umgehen. Bei einem Verstoß wird das Profil auf Airbnb zwar für ein Jahr gesperrt. Aber man kann natürlich ein neues anlegen oder auf andere Plattformen ausweichen.

Berlin will nun einen städteverträglichen Tourismus, also die Touristenströme durch „gezielte touristische Entwicklung“ aus der Innenstadt in die Außenbezirke verlagern.

Das versucht Amsterdam seit 2016. Der Tourismus-Fachbegriff dafür lautet Spreading.

Funktioniert das?

Diese Idee ist kompletter Unfug. Die Tourismusindustrie und die Stadtverwaltungen geben dabei nur vor, das Problem des Overtourism anzugehen. In Wirklichkeit ist Spreading lediglich ein Vorwand für mehr Wachstum. Eine Tourismus-Grundregel lautet: Die Massen folgen den Massen. Man kann sie nicht einfach wie Schafe zu Orten lenken, die wenig zu bieten haben. Sie wollen Attraktionen sehen. Also muss man ihnen an diesen Orten etwas anbieten, zum Beispiel indem man ein neues Museum baut.

Anwohner in Barcelona haben Touristen satt.
Anwohner in Barcelona haben Touristen satt.Foto: imago/Zuma Press

Wäre das nicht eine Aufwertung für ein Außenstadtviertel, mit dem man Hotspots wie den Checkpoint Charlie oder die Bergmannstraße entlastet?

Es ist eine Illusion, zu glauben, dass durch eine neue Attraktion in einem Außenbezirk weniger Leute in die Innenstadt kommen. Das Gegenteil ist der Fall: Damit macht man die Stadt insgesamt nur attraktiver und zieht noch mehr Touristen an. Außerdem ist die Balance in Gebieten außerhalb der Innenstadt meist viel fragiler. Selbst wenn man pro Tag tatsächlich 500 Touristen vom Checkpoint Charlie weglockt, bringt das dort nur wenig Entlastung. Diese 500 Touristen können dafür an anderer Stelle bereits das Gefühl der Überfüllung auslösen. Das merke ich derzeit selbst.

Wo leben Sie heute?

In Muiden, etwas außerhalb von Amsterdam. Hier gibt es das kleine Schloss Muiderslot. Das wird seit einiger Zeit als „Amsterdam Castle“ vermarktet. Jetzt stoppen die Busse direkt vor meinem Haus. Muiden hat 6000 Einwohner – wie viele Touristen kann ein so kleines Städtchen verkraften?

Kann es sein, dass Sie mit dem Alter einfach empfindlicher geworden sind?

Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Es gibt den vierstufigen Irritationsindex. Wenn Touristen in begrenzter Anzahl kommen, ist man als Einwohner auf Stufe eins zuerst glücklich und stolz. Wenn die Zahlen steigen, beginnt man, sie wie Kunden zu behandeln. Auf der dritten Stufe registriert man zunehmend verärgert, dass sich das Stadtbild nicht zuletzt durch externes Investment verändert. In Amsterdam sind wir auf der vierten Stufe, ich auch. Diese Stufe werden Sie in Berlin vermutlich auch bald erreichen.

Und was passiert auf Stufe vier?

Offene Feindseligkeiten gegenüber Touristen, zum Beispiel „Tourist go home“-Aufkleber. In Barcelona gibt es schon radikale Aktivisten, die Reifen von Touristenvehikeln zerstechen. Dabei werden „sie“ für alle negativen Entwicklungen verantwortlich gemacht. Obwohl das natürlich nicht stimmt.

Wer ist denn schuld?

Wir alle. Wir beschweren uns über Touristen, dabei reisen wir doch selbst nach Lissabon, Paris oder sonst wohin und kreieren dort die gleichen Probleme: Lärm, Müll, Verdrängung, Feindseligkeit.

Das neue Berliner Tourismuskonzept „2018+“ empfiehlt bei Konflikten zwischen Einheimischen mit Touristen „Mediation und Moderation“.

Nur mit freundlichen Worten kommt man nicht weiter. Ich bin ein freundlicher Mensch, ich bin lange in die Ferienwohnungen nebenan gegangen und habe gefragt: „Könnten Sie bitte leise sein, wir versuchen hier zu leben und zu schlafen?“ Die Reaktionen waren auch immer freundlich, aber das nützt nichts, wenn am anderen Tag die nächsten jungen Deutschen zum Kiffen kommen. Ich habe prinzipiell nichts gegen kiffende Deutsche, aber ich würde auch gern mal schlafen.

Herr Hodes, mit Ihrer Firma erstellen Sie weiterhin Tourismuskonzepte für Städte. Müssten Sie nicht konsequenterweise damit aufhören?

Ich bin ja nicht gegen Tourismus, sondern für kontrollierten, ausbalancierten. Wir beraten unsere Klienten auch, wie man mit Overtourism umgeht oder ihn gleich ganz vermeidet.

Reisen Sie selbst noch?

Ja. Aber seit ich erkannt habe, dass auch ich Teil des Problems bin, habe ich meine Reisen drastisch reduziert. Im vergangenen Jahr habe ich meinen Bruder in London besucht und war einmal in Lissabon. Demnächst reise ich nach Japan, das ist mein erster langer Urlaub seit mehr als einem Jahr.

Warum fällt es uns eigentlich so schwer, einfach zu Hause zu bleiben?

Es gehört zu unserem Status als Teil der Mittelschicht. 2010 zählten weltweit 1,8 Milliarden zu dieser Gruppe, bis 2030 werden ihr fünf Milliarden Menschen angehören. Fünf Milliarden – und die wollen alle reisen! Dank der gestiegenen Mobilität, der Billigflieger und der Kreuzfahrtschiffe werden sie es auch tun. Wir alle denken, wir reisen ach so individuell abseits der ausgetretenen Pfade. Aber machen wir uns nichts vor: Wir tun, was Millionen andere vor und nach uns auch tun.

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