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Kai Wegner, Regierender Bürgermeister, während der PressekonferenzBerliner Senat informiert zur aktuelle Lagen nach Anschlag auf das Berliner Stromnetz

© imago/Chris Emil Janßen/IMAGO/Chris Emil Janssen

Wie vom Blitz getroffen: Wegners Eindruck als Krisenmanager in Berlin ist fatal

Der Stromausfall im Südwesten Berlins ist ein Katastrophenfall. Kai Wegner hätte sich als Krisenmanager profilieren können. Doch das Gegenteil ist der Fall: Er kommt nicht aus der Defensive.

Anke Myrrhe
Ein Kommentar von Anke Myrrhe

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Der Satz bleibt in der Eingangshalle hängen: „Wat is hier los in dieser Stadt, Herr Bürgermeister?“ Ein aufgebrachter Mann zeigt auf einen älteren Herrn im Rollstuhl. „Ich bin am Ende meiner Kräfte“, sagt dessen Frau. Warum die beiden hier gelandet sind, in einer Turnhalle am Hüttenweg und nicht in einem Krankenhaus, weiß niemand. Die Innensenatorin verspricht, sich umgehend zu kümmern. Doch es ist zu spät.

Die Szene läuft am Abend bundesweit im Fernsehen. Ebenso wie jene, die kurz darauffolgte: Auf einem der Feldbetten liegt unter dicken Decken eine 98-jährige Frau. Kai Wegner (CDU) und Iris Spranger (SPD) sprechen kurz mit ihr, sichtlich um Empathie für ihre Lage bemüht. Doch dann schimpft ihr Sohn los: Wie es sein könne, dass seine Mutter hier gelandet ist. „Das ist unmöglich!“

Wegner schaut, als hätte er mit all dem nicht gerechnet. Wirkt müde und überfahren von der Situation. Ein Eindruck, der sich durchs gesamte Wochenende zieht. Dabei hätte das sein Gummistiefel-Moment werden können.

Ein Stromausfall mit rund 50.000 unmittelbar betroffenen Menschen im gutbürgerlichen Südwesten Berlins, verursacht laut Bekennerschreiben durch einen linksextremistischen oder gar -terroristischen Brandanschlag. Zynisch gesprochen kann es besser gar nicht laufen im Wahlkampf.

Gerade in der Krise wird Politik zum Schaulaufen der Symbole. Hier können sich Politiker inszenieren: Decken vom Laster verteilen, Tee anbieten, stirnrunzelnd in Baugruben schauen, anerkennend nickend Experten zuhören.

Wie es laufen kann, wenn man sich falsch verhält – vor Ort oder eben nicht – haben andere schmerzhaft erlebt. Armin Laschet, der im falschen Moment lachte. Anne Spiegel, die nicht aus dem Urlaub zurückkehrte. Fehlverhalten in Krisen kann Karrieren beenden, das weiß jeder Politiker.

Man kann das als oberflächliches Schauspiel verurteilen. Natürlich ist den betroffenen Menschen egal, von wem sie ihre Suppe erhalten. Wirklich helfen können nur die Fachleute. Doch der tiefere Sinn dieser Politikdarstellung könnte wichtiger kaum sein. Es geht darum, den Menschen im Land das Gefühl zu geben: Wir haben die Lage im Griff.

Diesen Moment hat Kai Wegner am Wochenende geradezu unverantwortlich vorbeiziehen lassen. Ausgerechnet er, der nie ein Aktenfresser war, der seine politische Kraft aus dem Kontakt zum Volk zieht. Ausgerechnet er, der Ärmelhochkrempler, der sich gern als Kleingartenkumpel von nebenan inszeniert. Ausgerechnet er braucht 30 Stunden, um persönlich in die betroffenen Gebiete im Südwesten Berlins zu fahren, die nur wenige Kilometer von seinem Wohnort in Spandau entfernt liegen.

Und nicht nur das: Als er endlich eintrifft, haben viele schon eine Nacht gefroren, erste Fehler sind passiert. In der Notunterkunft im Cole-Sports-Center in Dahlem schlägt Wegner ungebremst die Wut entgegen. Der Regierende schafft es nicht mehr heraus aus dieser Defensive.

„Ich war den ganzen Tag zu Hause, weil ich telefonieren musste“, sagte Wegner, der versammelten Hauptstadtpresse seine Abwesenheit erläuternd. „Ich habe mich in meinem Büro eingesperrt.“ Krisenstab, Bundeskanzleramt, Innenministerium, Stromnetz Berlin, Sitzung des Krisenstabs am Abend. Andere berichten, Wegner sei stundenlang nicht erreichbar gewesen.

Ob das stimmt, ist kaum zu verifizieren, zumal im Wahlkampf, wo viel erzählt wird, aber nicht alles stimmt. Einig sind sich die meisten: Die beiden Fachsenatorinnen Franziska Giffey und Iris Spranger (beide SPD) wirkten deutlich besser informiert. Am Montag sind sie es, die bis ins letzte Detail berichten können, Wegner genüsslich korrigieren, was die eigenen Aufstehzeiten betrifft. Auch sie befinden sich im Wahlkampf. Im Laufe des Jahres wird das Miteinander zwangsläufig in ein Gegeneinander umkippen.

Kai Wegner scheint die Lage entglitten zu sein. Der Stromausfall ist für ihn politisch das, was er für viele Menschen im Südwesten Berlins derzeit ganz real ist: eine Katastrophe.

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