Amazon Flex : Scharfe Kritik an Amazons privaten Paketboten

Der Onlinehändler Amazon nimmt die Auslieferung zunehmend selbst in die Hand. Die Linke warnt vor einem Privatkurierdienst und fordert Lizenzpflicht. Die Regierung sieht aber keinen Handlungsbedarf.

Mit Amazon Flex können Privatleute nebenbei Pakete austragen.
Mit Amazon Flex können Privatleute nebenbei Pakete austragen.Foto: mauritius images

Der Onlinehandel wächst weiter rasant. Im vergangenen Jahr wurden erstmals mehr als 3,3 Milliarden Sendungen verarbeitet, 6,1 Prozent mehr als noch 2016. Seit der Jahrtausendwende hat sich das Sendungsvolumen damit nahezu verdoppelt. Und es wird in den kommenden Jahren noch mehr werden. Der Bundesverband Paket und Expresslogistik rechnet für 2022 mit rund 4,3 Milliarden Sendungen.

Ein großer Teil davon entfällt auf Amazon, denn der Konzern hat inzwischen einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent am deutschen Onlinehandelsumsatz. Inzwischen geht Amazon auch in Deutschland verstärkt dazu über, die Logistik komplett selbst in die Hand zu nehmen. Dazu wurde vergangenen November auch der Dienst Amazon Flex gestartet, bei dem Privatleute Pakete für den US-Konzern ausliefern. „Seien Sie ihr eigener Chef“, wirbt Amazon und lockt mit einem Verdienst von bis zu 68 Euro für vierstündige Lieferschichten. Bislang sind die privaten Paketboten in Berlin und München aktiv. Etwa 100 Fahrer arbeiten hierzulande für Amazon. Der Konzern bietet den Dienst zudem in den USA, Großbritannien, Spanien und Singapur an.

"Keine Uberisierung auf dem deutschen Paketmarkt"

Doch das Angebot sorgt auch für Kritik. „Eine ‚Uberisierung' darf es auf dem deutschen Paketmarkt nicht geben“, sagt Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Linkspartei mit Verweis auf den US-Fahrdienst Uber, der mit Privatleuten als Taxialternative agiert. Schon jetzt seien die Bedingungen für Kurierfahrer „miserabel“, sagt Meiser.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi warnt, dass die Arbeitsstandards in der Branche durch Amazon Flex weiter ausgehöhlt würden. Die großen Paketdienstleister würden durch den zunehmenden Wettbewerb ebenfalls verstärkt Subunternehmen anheuern, die wiederum Aufträge an Subunternehmer und „angebliche Solo-Selbstständige“ weitergeben. Dadurch würden Vorgaben zu Arbeitszeitregeln unterlaufen und die Löhne gedrückt. So erhalten angestellte Zusteller, die nach Tarif bezahlt werden, in Berlin 11,38 Euro. Dagegen klingen bis zu 16 Euro Stundenlohn bei Amazon Flex zunächst lukrativ. Doch davon müssen die Fahrer die Kosten für Sprit, KfZ-Versicherung oder Reparaturen abziehen. Unter dem Strich sollen dann noch etwa 10 Euro übrig bleiben.

Privatkuriere haften bei Schäden und Verlust

„Amazon verdrängt mit seinem neuen Geschäftsmodell nicht nur reguläre Beschäftigung, sondern verschiebt das unternehmerische Risiko vollständig auf die privaten Kurierfahrer“, sagt Meiser. „Für viele Fahrerinnen und Fahrer dürfte gar nicht absehbar sein, welche persönlichen Risiken sie eingehen.“ So haften sie beispielsweise beim Verlust oder Schäden an den Paketen.

Die Linke hat die Bundesregierung in einer Kleinen Anfrage nach Einschätzungen zu den Risiken und Auswirkungen des Dienstes gebeten. „Die Bundesregierung sieht derzeit keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf“, erklärt das Bundeswirtschaftsministerium in seiner Antwort. Zur Frage ob Amazon Flex mit den gesetzlichen Vorgaben vereinbar sei, heißt es „die rechtliche Beurteilung ist eine Frage des Einzelfalls“ und müsse im Streitfall durch Gerichte geprüft werden.

„Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass die Kontrolldichte in der boomenden Paketbranche erhöht und Scheinselbstständigkeit wirksam bekämpft wird“, fordert Pascal Meiser. Darüber hinaus müssten die Vorgaben für alle Postdienstleistungen, also Briefe und Pakete, angeglichen werden. „Auch die Erbringung von Paketdienstleistungen muss lizenzpflichtig werden“, sagt Meiser. „Es kann nicht sein, dass zwar das Postgeheimnis für Briefe wie Pakete gleichermaßen gilt, zugleich fast jedermann Pakete ausliefern kann, ohne dazu überhaupt eine Lizenz besitzen zu müssen.“

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