Das Auslaufmodell : Hat Glyphosat noch eine Zukunft in der EU?

Agrarministerin Klöckner fordert bis 2022 ein Verbot für das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel. Rückendeckung bekommt sie dafür aus dem Umweltministerium.

Heike Jahberg
In den USA klagen mehr als 13400 Menschen gegen die Bayer-Tochter Monsanto, die 1974 Glyphosat auf den Markt gebracht hatte.
In den USA klagen mehr als 13400 Menschen gegen die Bayer-Tochter Monsanto, die 1974 Glyphosat auf den Markt gebracht hatte.Foto: IMAGO

Der 27. November 2017 ist ein denkwürdiger Tag. Die europäischen Agrarminister stimmen darüber ab, ob das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat für weitere fünf Jahre in der EU zugelassen werden soll. Frankreich, Österreich, Italien und viele andere sind dagegen. Am Ende macht ein Mann den Weg frei: Der damalige deutsche Agrarminister Christian Schmidt (CSU) stimmt für die Verlängerung und setzt sich eigenmächtig über das Veto von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hinweg. Ein Schritt mit Folgen: Schmidt bekommt Morddrohungen, in der neuen schwarz-roten Koalition verliert er sein Ministerium an Julia Klöckner (CDU).

Julia Klöckner (CDU) ist Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft.
Julia Klöckner (CDU) ist Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft.Foto: Mike Wolff

Und die will in Sachen Glyphosat keinesfalls in die Fußstapfen ihres Amtsvorgängers treten. „Es ist nicht davon auszugehen, dass es nach 2022 noch eine Mehrheit für eine Verlängerung der Glyphosat-Zulassung gibt“, hat Klöckner vor zwei Tagen im Tagesspiegel-Interview erklärt. Und erntet nun Lob von ungewohnter Seite. „Es ist gut, dass die Bundeslandwirtschaftsministerin sich zum Enddatum 2022 bekennt“, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums dem Tagesspiegel. Dass Glyphosat keine Zukunft in Europa mehr haben wird, glaubt auch der agrarpolitische Sprecher der Grünen- Fraktion im Europaparlament, Martin Häusling. „Der Druck ist zu groß“, sagte Häusling dem Tagesspiegel. „Jeder Tag mit Glyphosat ist einer zu viel.“ Bei Bayer sieht man das naturgemäß anders: „Wir sind der Überzeugung, für den Einsatz über das Jahr 2022 hinaus gute Argumente für eine erneute Wiederzulassung des Wirkstoffs zu haben“, heißt es dort.

Doch es wird eng. In den USA klagen mehr als 13400 Menschen gegen die Bayer-Tochter Monsanto, die 1974 Glyphosat auf den Markt gebracht hatte. Die Kläger halten den Wirkstoff für krebserregend, Bayer weist das mit Hinweis auf die Zulassungsbehörden in aller Welt zurück. Umweltschützer kritisieren, dass Glyphosat der Artenvielfalt schadet und mit Schuld ist am Insektensterben.

Kläger und Krebs-Opfer Dewayne Johnson weint nach der Urteilsverkündung im Monsanto-Prozess.
Kläger und Krebs-Opfer Dewayne Johnson weint nach der Urteilsverkündung im Monsanto-Prozess.Foto: dpa

Das österreichische Parlament hat beschlossen, Glyphosat zu verbieten. In Deutschland hat Agrarministerin Klöckner vor gut einem Jahr ein Eckpunktepapier vorgelegt, in dem sie Privatleuten den Einsatz verbieten und Landwirten die Anwendung erschweren will. Man sei mit dem Landwirtschaftsministerium in „konstruktiven Gesprächen“, heißt es im Umweltministerium. „Für die Zeit vor 2022 brauchen wir einen überzeugenden Ausstiegspfad mit Einschränkungen und Flächen“, betont ein Ministeriumssprecher. Doch die Probleme liegen im Detail: Das Umweltbundesamt will Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat nur noch zulassen, wenn Landwirte im Gegenzug ab 2020 zehn Prozent ihrer Ackerflächen als Biodiversitätsflächen vorhalten, auf denen keine Pestizide gespritzt werden dürfen. Mit Klöckner ist das aber nicht zu machen. Landwirte empfänden das als „Quasi-Enteignung“, meint sie.

Rund 4700 Tonnen Glyphosat sind 2017 in Deutschland eingesetzt worden. Größter Einzelabnehmer ist die Bahn, die mit dem Mittel das Unkraut auf Schienen, Weichen und Böschungen bekämpft. Doch das Staatsunternehmen will nun umsatteln und sucht nach Alternativen. Vorbild ist die Berliner Stadtreinigung BSR, die bereits seit 2017 auf den Wirkstoff verzichtet.

In der Landwirtschaft wird Glyphosat vor allem genutzt, um nach der Ernte die Felder für die nächste Aussaat vorzubereiten. Das Mittel tötet alles Grün, das mit ihm in Berührung kommt: ungewollte Reste von Vorfrüchten, Unkraut, aber auch Wildkräuter. 2017 wurden auf den deutschen Feldern 2741 Tonnen verteilt. 2018 dürften es weniger sein. „Wegen der Dürre ist so wenig gekeimt, dass viele Landwirte Glyphosat nicht gebraucht haben“, sagt der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, Bernhard Krüsken. 40 Prozent der deutschen Ackerflächen werden nach der Ernte pfluglos bearbeitet, meist mit Glyphosat. Wird das Mittel verboten, müssten die Bauern zum Pflug oder zu anderen mechanischen Methoden zurückkehren, gibt Krüsken zu bedenken. „Wir schätzen, dass das bis zu 100000 Tonnen Diesel zusätzlich verbrauchen könnte – das sind rund eine halbe Million Tonnen CO2-Äquivalente.“

Hauptabnehmer sind Nord- und Südamerika

Verglichen mit anderen Ländern sind die in Deutschland verwendeten Mengen aber eher gering. In Europa wird Glyphosat vor allem in Spanien, Italien, Frankreich und Großbritannien eingesetzt. Dort liegt der Verbrauch doppelt bis fünf Mal so hoch wie hierzulande. Spanien und die osteuropäischen Staaten gelten in der EU als Unterstützer des Mittels. Ungarn gehört neben Frankreich, den Niederlanden und Belgien zu der Gruppe, die im April von den EU-Mitgliedsstaaten als Berichterstatter in der Glyphosat-Sache bestimmt worden sind.

Schätzungen zufolge werden weltweit jährlich 825000 Tonnen des Mittels ausgebracht, rund 650 Millionen Hektar werden behandelt. Hauptabnehmer sind Nord- und Südamerika. Dort sind auch gentechnisch veränderte Pflanzen zugelassen, die gegen Glyphosat resistent sind. Das Mittel kann damit auch in der Wachstumsphase eingesetzt werden.
Übrigens: Selbst wenn die EU nach 2022 Glyphosat verbietet, kommt das Pestizid weiterhin zu uns: Nicht-EU-Staaten können ihren mit Glyphosat behandelten Weizen, Mais oder Soja nämlich in die EU exportieren, so lange sie die für Pflanzenschutzmittelrückstände vorgeschriebenen Grenzwerte einhalten.

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