Delivery Hero : Warum sein Unternehmen auch ohne einen Cent Gewinn in den Dax aufsteigen darf

Delivery Hero macht bisher nur Verluste, doch hofft auf eine große Zukunft. Auch die Börse glaubt daran. Warum? Die Stärken und Schwächen im Schnell-Check.

T-Shirt statt Hemd: Niklas Östberg, Mitbegründer und CEO von Delivery Hero.
T-Shirt statt Hemd: Niklas Östberg, Mitbegründer und CEO von Delivery Hero.Foto: promo

Wie der typische Konzernmanager kommt Niklas Östberg nicht daher. Der 40-Jährige trägt lieber Pullover als Anzug, fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit und hat kein Problem damit, geduzt zu werden. Dem Bild des Gründer-Hipsters entspricht er aber auch nicht. Der Schwede lebt mit seiner Familie in der Schweiz und geht in der Freizeit lieber mit seinen Kindern angeln als in Berlin auf Start-up-Partys.

Doch all diese Zuschreibungen dürften ihm derzeit ohnehin egal sein. Seit Donnerstag ist Östberg per Definition Dax-Manager. Das von ihm 2011 mitgegründete Unternehmen Delivery Hero ersetzt den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard im Index der 30 größten Aktiengesellschaften Deutschlands. Nach dem Immobilienkonzern Deutsche Wohnen ist es das zweite Berliner Unternehmen, das binnen einem Jahr in den Dax aufsteigt.

Für den Chef, der seine Firma erst vor drei Jahren an die Börse brachte, ist es die Bestätigung seines nicht unumstrittenen Kurses. Und für den Dax ist es eine Wette auf die Zukunft. Was sind die Probleme des Unternehmens? Welche Perspektiven hat es? Delivery Hero im Schnell-Check.

Das Geschäftsmodell

Die Grundidee von Delivery Hero ist einfach: Das Unternehmen listet Restaurants auf seiner Internetplattform und liefert deren Speisen aus. Dafür zahlen diese eine Provision, die meist zwischen 20 und 30 Prozent des Bons liegt.

Mit diesem Geschäftsmodell ist das Unternehmen aber nicht mehr in Deutschland aktiv. Zwar liegt die Zentrale mit rund 1300 Mitarbeitern in der Oranienburger Straße in Mitte; die Lieferdienste, wie Foodora und Pizza.de, mit denen der Konzern hierzulande aktiv war, wurden Ende 2018 für rund eine Milliarde Euro an den niederländischen Konkurrenten Takeaway verkauft.

Delivery Hero macht seine Geschäfte stattdessen mit verschiedenen Marken in 43 anderen Ländern. Besonders stark vertreten ist das Unternehmen in Asien, Osteuropa und dem Mittleren Osten, wo 2019 knapp die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet wurde. In westliche Länder will Östberg nicht investieren; sie seien zu wachstumsschwach.

Der wunde Punkt

Das größte Manko des Unternehmens ist wohl die Bilanz. Denn bislang konnte Delivery Hero noch kein Geld verdienen. Beim Börsengang war der Break-Even, also der Punkt, an dem Einnahmen und Ausgaben die gleiche Höhe erreichen, für 2018 angekündigt. Das wurde zugunsten weiterer Investitionen allerdings auf unbestimmte Zeit verschoben. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 2018 machte Delivery Hero ein Minus von 242 Millionen, 2019 waren es sogar 648 Millionen Euro. Analysten gehen im ersten Halbjahr dieses Jahres von 352 Millionen aus.

Östberg treibt mit seiner Wachstumsstrategie einen Kurs auf die Spitze, den viele Start-ups fahren. „Skalieren“ heißt das Zauberwort. Man geht dabei davon aus, dass das Geschäft erst dann nachhaltig profitabel läuft, wenn das Unternehmen eine gewisse Größe erreicht hat. Unter dem Motto „The Winner takes it all“ sehen die Unternehmer diesen Punkt meist erst gegeben, wenn man keine Konkurrenz mehr mit Sonderangeboten und Marketing bekämpfen muss.

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Auch unter diesem Vorzeichen ist der Verkauf des Deutschland-Geschäfts zu sehen. Mit Amazon gibt es ein prominentes Vorbild, das grob gesagt diesen Weg zur Perfektion gebracht hat. Entscheidender Wert ist dabei das Umsatzwachstum.

Und hier legt Delivery Hero mit anvisierten 2,8 Milliarden Euro in diesem Jahr den Grundstein für das Vertrauen der Anleger. 2017 waren es noch nur 540 Millionen Euro. „Die Aufnahme in den Dax ist die Bestätigung, dass der Kapitalmarkt an unsere Plattform glaubt“, sagt Östberg.

Der Corona-Effekt

Delivery Hero hat sich an der Börse zunächst nur zäh weiterentwickelt. Nach eineinhalb Jahren lag die Aktie wieder beim Ausgabepreis von rund 28 Euro, danach ging es wieder mäßig bergauf. Die Coronakrise hat dem Papier allerdings einen Schub gegeben. Seit Anfang Dezember kletterte der Wert von 47 auf derzeit knapp 100 Euro.

Der Lieferdienst Lieferando hat nichts mit Delivery Hero zu tun, sondern gehört zum Konkurrenten Takeaway aus den Niederlanden.
Der Lieferdienst Lieferando hat nichts mit Delivery Hero zu tun, sondern gehört zum Konkurrenten Takeaway aus den Niederlanden.Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Nach diesen Zahlen ist das Unternehmen derzeit mehr Wert als die Deutsche Bank. Dass viele Menschen nun häufiger zuhause essen – gerade in Asien – kam Delivery Hero zugute. Mit 281 Millionen Bestellungen weltweit verzeichnete man im zweiten Quartal dieses Jahres rund doppelt so viele wie vor Jahresfrist.

Der Dax-Effekt

Anleger hoffen nun, dass dieser Trend anhält. Der Aufstieg in den Dax lässt das zumindest kurzfristig wahrscheinlich erscheinen. Denn die Mitgliedschaft in der ersten Liga bringt mit sich, dass einige Fonds und Anleger gar nicht anders können, als in Delivery Hero zu investieren.

Indexfonds beispielsweise, sogenannte ETFs, bilden die Zusammensetzung der großen Indizes eins zu eins nach, um ihren Anlegern die Kursentwicklung des gesamten Index zu verschaffen, ohne das Risiko von Einzelaktien einzugehen. Wer also den Dax nachbildet in seinem Fonds, kauft nun Aktien von Delivery Hero. Dass das Unternehmen trotz massiver Verluste im Dax gelistet sein darf, liegt einfach daran, dass die Deutsche Börse andere Kriterien wichtig findet. Maßgeblich sind Börsenumsatz und Börsenwert eines Unternehmens.

Die Kritik

Abseits der wirtschaftlichen Skepsis schlägt Delivery Hero regelmäßig Kritik an ihren sozialen Standards entgegen. Der Großteil der 25.000 Mitarbeiter sind Fahrradkuriere, die das Essen ausliefern. In zahlreichen Ländern, beispielsweise Kolumbien, gab es Proteste wegen zu schlechter Arbeitsbedingungen und niedriger Löhne. In Kanada wehrte sich Delivery Hero gegen die Gründung einer Gewerkschaft. Als die Fahrer vor Gericht Recht bekamen, zog sich das Unternehmen mit sofortiger Wirkung aus dem Land zurück.

Die Zentrale von Delivery Hero in der Oranienburger Straße.
Die Zentrale von Delivery Hero in der Oranienburger Straße.John MACDOUGALL / AFP

Die Führungsstruktur mit nur zwei Vorständen und sechs Aufsichtsräten sei für einen Dax-Konzern ebenfalls nicht reif, kritisieren Anlegerschützer. Und auch das Streben nach einer monopolartigen Stellung stößt vor allem den Restaurants sauer auf. Denn je geringer die Konkurrenz an Lieferdiensten, desto beliebiger kann Delivery Hero die Höhe der Provision festlegen.

Die Pläne

Delivery Hero will aber nicht reiner Essenslieferant bleiben. Das Unternehmen arbeitet daran, mit der Lieferung etwa von Lebensmitteln und Medikamenten Geld zu verdienen – und damit sogar dem Riesenkonzern Amazon Konkurrenz zu machen. Unter dem Namen „Q-Commerce“ (Q für quick, englisch für schnell) fährt Delivery Hero in bereits 38 Ländern solche Lieferungen aus Supermärkten oder kleinen Geschäften aus. Dabei soll zwischen Bestellung und Lieferung nie mehr als eine Stunde liegen.

Rund 20.000 solcher Drittanbieter listet Delivery Hero auf seiner Plattform. Zudem unterhält das Unternehmen etwa 100 eigene Warenlager, um die Artikel schnell auszuliefern. Delivery spricht dabei von der dritten Generation des Einkaufens. In der ersten habe der Kunde selbst im Geschäft seine Sachen besorgt, in der zweiten habe man bestimmte Güter innerhalb weniger Tage nachhause liefern lassen können. Nun gehe es darum, jedes Produkt in wenigen Minuten zum Kunden zu bringen. Ob die Rechnung aufgeht, ist offen. Doch die Börse scheint daran zu glauben.

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