Deutsche Bahn : Bund will Rabatte für Bahnfahrer streichen

Alles soll auf den Prüfstand, heißt es. Verbraucherschützer halten Vorstoß aus dem Verkehrsministerium für Unfug.

Preisfrage: Wer sich auskennt, kann beim Bahnfahren viel Geld sparen.
Preisfrage: Wer sich auskennt, kann beim Bahnfahren viel Geld sparen.Foto: dpa/Soeren Stache

Jeder Bahnkunde weiß: Wer mit der Bahn fahren will, sollte sich vorher über Sonderangebote informieren. Denn Rabatte gibt es für Bahnfahrer reichlich. Wer frühzeitig bucht, kann sich im Fernverkehr günstige Spar- oder gar Supersparpreise sichern, wer an die Ostsee fährt, spart Geld mit dem Ostsee-Ticket. Wer durch Brandenburg, Bayern oder andere Bundesländer reisen möchte, ist mit einem der subventionierten Ländertickets gut bedient, vor allem wenn er nicht allein unterwegs ist, sondern Mitreisende mitnimmt. Doch damit nicht genug. Für Wochenendfahrten bietet die Bahn das "Schöne-Wochenend-Ticket" an, das Reisen in Regionalzügen quer durch Deutschland verbilligt. Sparen kann auch, wer sich eine Bahn-Card zulegt. Die gibt es inzwischen in zahlreichen Varianten.

Bundesregierung: Rabatte gehören auf den Prüfstand

Ginge es nach der Bundesregierung, müssen Bahnkunden künftig auf solche Verbilligungen verzichten. "Im Fernverkehr steigen die Passagierzahlen zwar, aber die Gewinne sinken". sagte der Bahnbeauftragte der Regierung, Enak Ferlemann (CDU), der "Welt". "Ich bin überrascht darüber, wie viele Rabatte angeboten werden", betonte der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Ferlemann gefällt das nicht: "Das Rabattsystem muss auf den Prüfstand", meint er. Womöglich würden von all den Sparpreisen und Sonderrabatten nur einige Wenige profitieren, gibt Ferlemann zu bedenken. Die Mehrheit müsse dafür einen höheren Normalpreis zahlen.

Verbraucherschützer halten Kritik für Unfug

Die Bahn äußert sich nicht. Verbraucherschützer halten die Attacke des Bundes gegen die Rabatte der Bahn allerdings für "Unfug". "Wenn die Bahn ihre Sonderangebote streicht, verliert sie Kunden", sagte der Ehrenvorsitzende der Fahrgastvereinigung "Pro Bahn", Karl-Peter Naumann, dem Tagesspiegel. Unterm Strich würde die Abschaffung von Rabatten der Bahn schaden, meint der Verbraucherschützer.

Dass die Bahn zu kämpfen hat, liegt nach Meinung Naumanns daran, dass Fluggesellschaften oder Fernbusse, die der Bahn Konkurrenz machen, von der Politik privilegiert behandelt werden, etwa bei Steuern oder der kostenlosen Nutzung der Straßen. "Die Konkurrenten sind zu billig", sagte Naumann.

Brandbrief des Bahnchefs

Dass die Wogen hoch schlagen, liegt an einem Brandbrief des Bahnchefs Richard Lutz. Lutz hatte in der vergangenen Woche davor gewarnt, dass die Gewinne des Staatsunternehmens weiter sinken könnten. Das hatte im Aufsichtsrat und beim Bund als Eigentümer für Ärger gesorgt. „Ich halte nichts davon, solche Briefe zu schreiben“, meint Ferlemann. „Richard Lutz muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit das Unternehmen in der Öffentlichkeit beschädigt hat.“

Die Schulden wachsen

Die Bahn macht immer mehr Schulden, hat ein Dauerproblem im Schienengüterverkehr und im ersten Halbjahr im Regional- und Fernverkehr einen Gewinnrückgang zu verzeichnen. Lutz hatte in einem Brief an seine Top-Manager zahlreiche Schwächen benannt und einen Kurswechsel angekündigt.

Lokführer stärken Lutz den Rücken

Bei der Lokführergewerkschaft GDL sieht man den Brandbrief positiv. „Es ist das erste Mal, dass ein Bahnchef zugibt, in welchem Zustand wir in diesem Unternehmen sind“, sagte ihr Chef Claus Weselsky dem Berliner Radiosender 105'5 Spreeradio. Das nütze allerdings nichts, wenn man sich nicht aufs Wesentliche konzentriere und mehr Eisenbahn-Sachverstand entwickle. Lutz' Vorgänger bei der Bahn hätten diesen Sachverstand aus seiner Sicht nicht gehabt, ergänzte Weselsky. „Mehdorn hatte nur den Börsengang im Kopf und hat die Bahn kaputtgespart. Und Grube hat zwar vom Brot-und-Butter-Geschäft gesprochen, sich dann aber im Ausland verlaufen.“

Die Lokführergewerkschaft warnte den aktuellen Bahnchef allerdings, die bevorstehenden Tarifverhandlungen zu belasten. „Ich will nicht hoffen, dass das der Versuch ist, den Tarifvertragsparteien zu sagen: Wir stehen hier mit Haushaltssperre vor Einsparungen und Einbußen, deshalb sollen Zugbegleiter und Lokführer am besten noch Geld mitbringen.“ Die Gewerkschaft verlangt eine „Bahnreform 2“. Deren Ziel müsse vor allem die Neuordnung der Infrastruktur sein. (mit dpa)

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