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Der Kontrollpunkt ging 1969 außer Betrieb. Auf dem Asphalt sind noch die Markierungen „PKW“ und „BUS LKW“ zu erkennen.

© Thilo Rückeis

Kontrollpunkt Dreilinden: Entgrenzter Checkpoint

Der alte Kontrollpunkt in Albrechts Teerofen verfällt unter den Augen der Berliner Behörden. Der Investor will es so.

Das vierköpfige Radlergrüppchen ist etwas aus der Puste. Und enttäuscht. Ungläubig schauen die Rheinländer auf die große marode Bretterbude, die sie vor ihrem Berlin-Besuch in den Tiefen des Internets als „Raststätte Dreilinden“ identifiziert hatten. „Ein nettes Plätzchen für eine Pause – wäre es gewesen. Schade.“

Etwas bedröppelt, auch wegen ihrer mangelhaften Recherche, treten die Touristen wieder in die Pedale und suchen sich auf der unbefestigten Trasse ihren Weg zurück zum „Berliner Mauer-Radweg“. Wie es hingegen mit der historischen, ja, denkmalgeschützten Rest-Raststätte am ehemaligen „Checkpoint Bravo“ weitergeht, fragen sich vor allem Berliner. 2010 wurde das 14 772 Quadratmeter große Flurstück in der Wannseer Ortslage Albrechts Teerofen versteigert.

Die Geschichte des ehemaligen Kontrollpunkts Dreilinden, wie er bis 1969 bestand, ist ebenso kompliziert wie zum Teil unbegreiflich. Was die jüngste Vergangenheit angeht, hält mancher Historiker das Ganze auch für ein Stück aus dem Tollhaus. Peter Boeger etwa, Leiter der Arbeitsgruppe Regionalgeschichte bei der Stasi-Unterlagen-Behörde, ist richtig sauer: „Die historische Kontrollstelle in Albrechts Teerofen ist ein ewiges Ärgernis. Schon allein die Tatsache, dass die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) seinerzeit das Gelände verkauft hat – unmöglich! Absurd vor allem, dass ein Investor den Zuschlag bekommen konnte.“

Das Ende der Fahnenstange. Von dem alten alliierten Checkpoint Bravo (Dreilinden) stehen heute noch einige Masten und die ehemalige Raststätte.

© AP Photo/Eddie Worth

Die Peja Group mit Hauptsitz im niederländischen Arnhem hatte die Immobilie bei einer Versteigerung der Deutsche Grundstücksauktionen AG (Berlin) zum Mindestgebot von 45 000 Euro erworben. Auktionator Thomas Engel kann den Kaufpreis bestätigen. „Den Ersteigerer hätte ich Ihnen natürlich nicht nennen dürfen, aber den kennen Sie ja bereits“, sagt er auf Anfrage. Über weitere Vorgänge habe er keine Kenntnis.

Es gab Pläne, die stillgelegte Autobahn als Rastpunkt für Radler zu nutzen

Anders Michael Cramer, der Initiator des „Berliner Mauer-Radwegs“. Der grüne EU-Abgeordnete hatte seinerzeit selbst Interesse an dem Flurstück. „Ich habe sogar mit der Bima verhandelt. 30.000 Euro waren im Gespräch“, sagt er. Damals war die Raststätte nämlich noch in Betrieb, diente vornehmlich Gästen des benachbarten Campingplatzes Wannsee. Einen Rastpunkt für Radler mit Platz für eine kleine historische Ausstellung sowie eine Begegnungsstätte hätte sich der bald 68-jährige Ex-Gymnasiallehrer Cramer vorstellen können.

Von den Plänen des Fahrrad-Enthusiasten Cramer weiß auch Peter Boeger. Er fragt sich allerdings noch heute, warum Cramer bei der Auktion 2010 nicht mitgeboten hat. „Für mich kam es zum einen überraschend, dass die Bima, ohne mich noch einmal zu kontaktieren, das Objekt in die Auktion gegeben hatte“, sagt Cramer auf Nachfrage.

Zum anderen seien ihm allerdings auch Bedenken gekommen, weil die alte Autobahnbrücke – in der Ausschreibung irrtümlich als Kremnitzbrücke bezeichnet, die war jedoch 1945 zerstört worden – Bestandteil des Ensembles sein sollte. „Dieses Bauwerk erschien mir wie ein Fass ohne Boden. Das Risiko, es mitzuerwerben, mochte ich nicht eingehen“, erinnert sich Cramer. Was er damals nicht wusste: Die Kosten für den Erhalt der Brücke wären für ihn sehr überschaubar geblieben.

Es obliegt dem Senat, die gesamte Brücke zu unterhalten

Denn die Brücke über den Teltowkanal, eine Bundeswasserstraße, gehört zwar zur Hälfte dem Ersteigerer, doch für ihren Unterhalt sind andere zuständig. „Für die Frage der Unterhaltung von Brücken über Bundeswasserstraßen gilt § 42 WaStrG – auch wenn es sich, wie hier, nicht um eine bundeseigene Brücke handelt. Entsprechend … hat grundsätzlich derjenige die gesamte Brücke zu unterhalten, der die Herstellungskosten ganz oder überwiegend getragen hat“, teilt das Bundesverkehrsministerium auf Anfrage mit. Die Brücke war 1939 im Zuge der Anbindung der Avus an den Berliner Ring gebaut worden. In diesem Fall wäre also der Bund in der Pflicht. Doch die Sache ist komplizierter. Die andere Hälfte der Brücke zwischen Teerofen (Berlin) und Kleinmachnow gehört Brandenburg. Möchte man meinen. Weil jedoch dort, wo die Brücke in Brandenburg „aufliegt“, die Berliner Forsten das Sagen haben, fällt die Verantwortung Berlin zu. Und da das Land ohnehin vom Bund beauftragt ist, die Bundesfernstraßen in Berlin instand zu halten, obliegt es dem Senat, die gesamte Brücke zu unterhalten, schließlich ist das Fragment der alten Autobahn bis heute nicht entwidmet. Der Fast-Investor Cramer hätte sich also über das Stück Brücke keine Sorgen machen müssen.

Ob das dem niederländischen Investor Peja klar ist, lässt sich schwer sagen. Allem Anschein nach ist es jedoch den Niederländern ohnehin gleichgültig. Denn selbst um ihr erworbenes Grundstück mit der Adresse Albrechts Teerofen 42, 44, 45 kümmern sie sich nicht. Seit dem Kauf 2010 ist wenig bis gar nichts geschehen. „Es ist ein furchtbarer Zustand“, sagt Peter Boeger. Der promovierte Wissenschaftler beklagt, dass der Eigentümer Peja bisher keinerlei Anstrengung unternommen hat, das Gebäude zu sichern, geschweige denn instand zu setzen. „Lediglich einen Bauzaun haben sie vor einem Jahr oder so errichten lassen. Der hält jedoch keine Vandalen ab.“ Es gebe auch durchaus Interessenten, die kaufen würden. Doch das Unternehmen „stellt sich mausetot“, sei für niemanden erreichbar, klagt Boeger.

Wer ist der Investor?

Verfallen. Souvenirjäger demontierten den Schriftzug der alten Raststätte.

© Thilo Rückeis

In der Tat. Antonius „Toni“ Bienemann, Eigentümer, Präsident und Geschäftsführer der Peja-Gruppe in einer Person, lässt zunächst ausrichten, er sei auf der „Tulpen-Rallye“ in Holland unterwegs und habe keine Zeit. Doch selbst Tage nach Ende der Rallye gibt es trotz mehrfacher Anfragen dieser Zeitung keine Stellungnahme.

Einen Skandal nennt Boeger den Umstand, dass die Denkmalschutzbehörde „den Verfall so geschehen lässt“. Es wird sich auch niemand wundern, dass Altmetalldiebe und Souvenirjäger dem letzten stehenden Gebäude schon arg zugesetzt haben. Der Schriftzug „Raststätte Dreilinden“ an der Giebelwand ist nur bei genauem Hinsehen zu erahnen. Die Lettern sind abmontiert. Ganz untätig war die Behörde indes nicht. Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf hatte im März 2015 „im Rahmen bauordnungsrechtlich angeordneter Sicherungsmaßnahmen“ Kontakt mit einem Verwalter von Peja, wie Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski auf Anfrage mitteilt. In Folge wurde der erwähnte Bauzaun errichtet. Anträge jedweder Art liegen dem Amt nicht vor.

Der Bürgermeister von Dannenberg hat Kontakt zu Peja

Wer ist der Investor? Die Peja-Gruppe teilt sich in vier Sparten auf: Elektromotoren, Immobilien, Risikokapital und Heritage (denkmalgeschützte Bauwerke und Oldtimer). Nach Angaben auf seiner Homepage ist das Unternehmen in mehr als 70 Ländern aktiv. Wer im Netz auf Pejas Immobiliensparte schaut, muss feststellen, dass neben einer Lagerhalle an einem nicht näher bezeichneten Ort in Großbritannien nur Objekte in Deutschland ins „Schaufenster“ gestellt werden. Neben Albrechts Teerofen finden sich so außergewöhnliche Liegenschaften wie die ebenfalls 2010 von der Deutschen Bahn meistbietend versteigerte Elbbrücke Dömitz. Die 986 Meter lange Eisenbahnbrücke gehörte einst zu den längsten Flussbrücken Deutschlands. Das im Zweiten Weltkrieg teilzerstörte Bauwerk liegt im niedersächsischen Dannenberg und war Teil der Bahnstrecke von Wittenberge nach Lüneburg.

Der Bürgermeister der Samtgemeinde Dannenberg, Jürgen Meyer, hat Kontakt zu Peja – und weiß nur Gutes zu berichten. „Ich stehe in regelmäßigem Austausch mit dem Eigentümer von Peja, Herrn Bienemann, und wir arbeiten gemeinsam an einer Lösung, um das Bauwerk für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Derzeit sind wir dabei, die Kasematten zu sanieren.“ Dort sei ein Café oder Ähnliches denkbar.

Berliner und Brandenburger dürfen weiter rätseln

In Brandenburg hat Peja ebenfalls Immobilien erworben. Zum Beispiel in Eisenhüttenstadt, Ortsteil Vogelsang, das ehemalige Kohlekraftwerk „Wernerwerk“. Es ging erst im Januar 1945 in einen Probelauf, dann rückte schon die Rote Armee an. Die besetzte das Werk, demontierte es und transportierte es schließlich ab gen Osten. 1998 endlich sollte der Abriss erfolgen. Naturschützer schritten jedoch wegen einer Fledermauskolonie und dort nistender Vögel ein. Die Immobilie blieb als Ruine stehen. Das Land verkaufte die Ruine und das 178 000 Quadratmeter große Areal 2010 an Peja.

Warum Peja diese Immobilien im Internet darstellt, ist nicht ersichtlich. Entwicklungs- oder Verkaufsabsichten werden ebenso wenig genannt wie Preise. Berliner und Brandenburger dürfen weiter rätseln, was mit den ehemals landeseigenen Liegenschaften geschehen soll.

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