Mietwohnungen in Berlin : Direkt am Zaun des TXL entsteht ein neues Wohnquartier

Was die Lage angeht, hat der Bauträger offenbar keine Bedenken: Er rechnet fest mit Schließung des Airports.

Geschützte Mitte. Geplant ist ein begrünter Mieter-Platz.
Geschützte Mitte. Geplant ist ein begrünter Mieter-Platz.Grafik: Buwog AG

Wer demnächst an der Reinickendorfer Avenue Jean Mermoz im 5. Obergeschoss in einem der Neubauten wohnt und gen Süden schaut, dem winken vielfache Aussichten: Zunächst einmal ein in der Stadt eher seltener, weil unverbauter Panoramablick – auf die Rollwege, Start- und Landebahnen des Flughafens Tegel, auf das Vorfeld sowie die diversen Terminals. Sagenhaft, muss man jedoch mögen. Diese Sicht wird allerdings nur Mietern in zwei der sechs Häuser des neuen Quartiers „La Belle Ville“ zuteil. Alle anderen werden für die Szenerie ihr geistiges Auge bemühen müssen, immerhin üppig unterstützt vom Geräusch startender und landender Flugzeuge. Die zusätzliche Aussicht, über Jahre an einer Riesenbaustelle zu leben, werden hingegen alle Bewohner der 95 Neubauwohnungen teilen dürfen. Das aber lediglich für den Fall, dass TXL tatsächlich jemals schließt.

„Mal ehrlich“, sagt Lkw-Fahrer Harald aus Hamburg, der die Nacht in der Kabine seiner Zugmaschine an der Rue de Commandant Jean Toulasne direkt vor der Baustelle verbracht hat, „wer in Berlin heutzutage dringend eine Wohnung braucht, mietet auch hier. Nachts ist es ja wunderbar ruhig, morgens geht der Betrieb allerdings schon vor sechs Uhr los…“

Nein, was die Lage angeht, gebe es beim Bauherrn überhaupt keine Bedenken, sagt Michael Divé, Sprecher der Buwog Group, die den Grundstein für das neue Wohnquartier erst vor einem knappen Jahr gelegt hat. Im Gegenteil. Die sogenannte Cité Guynemer, einst Siedlung der französischen Alliierten, sei vielmehr ein Standort mit einer Reihe von Vorteilen, bekräftigt Buwog-Vorstandsmitglied Herwig Teufelsdorfer: Anschluss an die U-Bahnlinie 9 am Bahnhof Otisstraße, Borsighallen und Tegelort mit vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten quasi um die Ecke sowie Wald und Wasser nahe bei. „Das mit dem Flugbetrieb wird sich in absehbarer Zeit erledigt haben, und wenn das Areal TXL erst einmal entwickelt ist, wird der Wohnwert hier noch höher.“

Die Pläne für das große TXL-Gelände sind gewaltig

Wie viele Bewohner im Umkreis des Flughafens setzt also auch das Bauunternehmen auf ein absehbares Ende der Fliegerei. „Nach Schließung des Airports wird dieses Stadtentwicklungsgebiet nach dem Vorbild von Adlershof zum Standort für Forschung, Industrie und Technologie“, zitiert Sprecher Divé Pläne des Berliner Senats. Bekanntlich werde das Konzept der „Smart City“ eine tragende Rolle spielen, wobei „Belle Ville“ bereits jetzt Impulse setze, sagt Divé. Beispielsweise gebe es neben einer „ökologisch-nachhaltigen Bauweise mit begrünten Dachflächen“ auch eine dezentrale Energieversorgung durch ein eigenes Blockheizkraftwerk, das zusätzlich Strom für das Quartier erzeuge. Und „um dem Thema Elektromobilität Rechnung zu tragen“, bereite man 10 der 46 Tiefgaragenplätze für die Ladung von Elektrofahrzeugen vor.

In der Tat, die Pläne für das 495 Hektar große TXL-Gelände sind gewaltig. In der „Urban Tech Republic“ sollen sich etwa 800 Unternehmen, Start-ups und Institute ansiedeln, die sich mit Technologien befassen, die Städte zukunftsfähiger und nachhaltiger machen sollen. Auch die Berliner Clubszene hat ein Auge auf den Standort geworfen. Am Ende könnten auf dem ehemaligen Flughafengelände und im angrenzenden Kurt-Schumacher-Quartier 5000 Berliner ein Zuhause finden, 5000 Studierende die Hörsäle und Seminarräume füllen und 15 000 Menschen einer Arbeit nachgehen.

In „La Belle Ville“ sollen vor allem Familien glücklich werden

Die Buwog hat also ihr zirka 6300 Quadratmeter großes Grundstück im vergangenen Jahr in dem Glauben erworben, dass TXL spätestens im Jahr 2021 schließt. Heute wird es außer Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup niemanden geben, der seine Hand für eine Eröffnung des BER im Oktober 2020 und für die Schließung von Tegel entsprechend danach ins Feuer legen möchte. Zudem: Wie weit bei Berliner Verhältnissen der Weg bis zur offenbar bereits heute als Standortvorteil propagierten „Smart City“ sein kann, möchte sich niemand wirklich ausmalen.

Jenseits aller Spekulation darf jedoch festgestellt werden: „La Belle Ville“ konnte am vergangenen Mittwoch Richtfest feiern. Und wenn man die anderen Berliner Projekte der Buwog Group als Richtschnur nimmt, werden die 95 Mietwohnungen in den sechs Häusern fristgerecht im kommenden Januar bezugsfertig sein. Das Ziel, einen „lebendigen Wohnungsmix“ zu erzeugen, möchte die Buwog durch die Bandbreite von 1- bis 5-Zimmerwohnungen erreichen. Der Schwerpunkt solle allerdings auf „familienfreundlichem Wohnen“ liegen. Die Vier- bis Sechsgeschosser sind auf dem nahezu dreieckig geschnittenen Grundstück so angeordnet, dass für die Mieter mittig ein geschützter „Quartiersplatz“ entsteht, der entsprechend begrünt wird. Geförderter Wohnraum wird nach Auskunft des Unternehmens in der „schönen Stadt“ ebenso wenig angeboten wie Eigentum.

Eine Aussage zu künftigen Quadratmeterpreisen mag bei der Buwog derzeit niemand treffen. „Die Mietpreise werden erst später im Projektverlauf festgelegt, voraussichtlich kurz vor Fertigstellung im Januar 2019“, teilt Sprecher Divé mit.

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