Integration in Berlin und Brandenburg : Wo Geflüchtete Arbeit gefunden haben

Etliche Unternehmen in Berlin und Brandenburg beschäftigen Menschen mit Fluchthintergrund. Wir haben sie besucht und gefragt, was gut läuft - und was falsch.

Marie Just
Mahmoud Al Abdulah macht eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik.
Mahmoud Al Abdulah macht eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Unternehmen fühlen sich bei der Beschäftigung von Geflüchteten selbstsicherer als vor drei Jahren. Sie kennen sich mit Rechtsfragen besser aus, agieren professioneller, haben einen Plan entwickelt. Der Azubi aus Syrien sei nichts allzu Besonderes mehr, sondern normal. Zumindest erzählen das Betriebe unterschiedlicher Branchen in Berlin und Brandenburg so, die wir besucht haben und deren Erfahrungen wir hier schildern.

Trotz vieler Fortschritte benennen sie aber auch die gleichen Grundprobleme: fehlende Zeugnisse, ungeklärte Aufenthaltstitel, Sprachbarrieren, der Unterricht in der Berufsschule. Das Alleinsein der jungen Menschen. Ihre Sorgen und Traumata. Die Bedingungen in den Gemeinschaftsunterkünften, wo sie keine Ruhe, Privatsphäre und keinen Schreibtisch zum Lernen haben. Immer mal wieder scheitern all die Mühen an diesen Faktoren. Die anfangs naive Vorstellung, die Zuwanderung so vieler junger Männer könnte Grundlage für ein neues deutsches Wirtschaftswunder sein, wurde mittlerweile verworfen. Maßstab ist mittlerweile das, was es tatsächlich ist: keine Arbeitsmigration, sondern Migration aus humanitären Gründen. Doch auch wenn nicht jeder Versuch gelingt, beschreiben die befragten Unternehmen ihre Lehrlinge und Angestellten als höflich, motiviert. Als eine große Bereicherung.

In Zahlen ausgedrückt macht die Integration in den Arbeitsmarkt der Hauptstadt und des Umlandes kleine Fortschritte: Für Dezember 2017 zählt die Arbeitsagentur 3000 geringfügig Beschäftigte und 9700 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit Fluchthintergrund in Berlin, was 3682 mehr waren als im Dezember 2016. In Brandenburg lag die Zahl bei 2800 sozialversicherungspflichtigen Jobs. 700 hatten einen Minijob. Da fast die Hälfte keinen Abschluss oder einen Hauptschulabschluss hat, kann die deutliche Mehrheit derzeit nur in eine Helfertätigkeit vermittelt werden.

In Berlin begannen im letzten Jahr zudem 472 Geflohene eine Ausbildung; in Brandenburg waren es 241. Das ist die Gruppe, die auf dem Arbeitsmarkt untergekommen ist. Die andere, die es noch nicht ist, ist weitaus größer: Im Februar 2018 waren 27 930 als arbeitssuchend gemeldet. In Brandenburg waren es 11 025. Die meisten von ihnen besuchen noch immer Sprach- oder Integrationskurse – und befinden sich dadurch in einem Schonraum.

Es wird sich also erst noch zeigen, ob die meisten Flüchtlinge von Sozialleistungen leben werden, ob sie schlecht bezahlte Hilfsjobs ausüben, oder Jobs finden, die bestenfalls zu ihrer Qualifikation und ihren wirklichen Interessen passen. Schaut man sich frühere Migrationsbewegungen an, braucht die Vermittlung in den deutschen Arbeitsmarkt Zeit und Geduld. Experten gehen davon aus, dass in zwei Jahren die Hälfte irgendeinen Job gefunden haben wird.

Deutsche Bahn: Das Vorzeigeprojekt

Einmal konnte einer von ihnen nicht zur Arbeit kommen. Er war krank. Also kam sein Bruder, um ihn zu vertreten, um die Pflicht zu erfüllen. Es ist die Lieblingsanekdote von Ulrike Stodt, wenn sie über die jungen Geflüchteten bei der Deutschen Bahn spricht. In Berlin werden dort gerade zehn auf die Ausbildung vorbereitet. Zehn weitere machen eine Lehre. Zwei von ihnen sind Muhammad Afzal und Bilal Mohamad Saadi.

Anfangs fanden sie den Berufsschulunterricht schwer. Mittlerweile kommen sie ganz gut zurecht, hatten auf dem letzten Halbjahreszeugnis Zweien und Dreien. Was sie noch immer irritiert, sind deutsche Worte mit mehreren Bedeutungen. Als der Lehrer neulich sagte, sie sollen etwas „skizzieren“, dachten sie, sie sollen etwas „zeichnen“. Sollten sie nicht. Wenn die Lehrer nicht genügend Zeit haben, eine Aufgabe noch einmal zu erklären, hilft der Konzern mit Nachhilfe.

Seit 2016 hat die Deutsche Bahn bundesweit allein rund 200 Plätze zur Qualifizierung von Flüchtlingen angeboten. In diesem Jahr kommen weitere 100 hinzu. Auch wenn das Programm, um das sich Stodt kümmert, nach wie vor mit viel Aufwand verbunden ist, werde die Integration immer mehr zur Normalität im Betrieb.

Ausbildung bei der Deutschen Bahn
Die Deutsche Bahn bildet Flüchtlinge seit drei Jahren aus. Eine Bildergalerie.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Kitty Kleist-Heinrich
30.03.2018 15:18Die Deutsche Bahn bildet Flüchtlinge seit drei Jahren aus. Eine Bildergalerie.

Wobei man sagen muss: Als Großunternehmen hat die Bahn auch die Strukturen dafür. Seit einem halben Jahr hilft eine sozialpädagogische Betreuerin bei Problemen. Ein Thema sei der Kontakt zur Familie. Nach Syrien, wo täglich Bomben fallen, bestünde dieser nur sporadisch. Ansonsten kommt sie zu Ämtern mit. Erklärt den deutschen Alltag. Neulich war jemand erkältet und wollte ins Krankenhaus. Da erklärte sie ihm, dass man hier erst einmal zum Hausarzt geht. Die Bahn hat ein eigenes Verfahren zur Feststellung von Kompetenzen entwickelt, hilft bei der Wohnungssuche und bei Behörden. Gibt es dort Probleme, kennt die Konzernjuristin Fachanwälte. Betreuer werden geschult, was für kulturelle Unterschiede es gibt. Die Geflüchteten erzählen in kleinen Gesprächsrunden von ihrem Zuhause.

Trotzdem kommt es auch bei einem solchen Vorzeigeprojekt zu Abbrüchen. „Ein 29-jähriger Afghane beendete seine Ausbildung vor kurzem, weil er eine Stelle fand, bei der er mehr verdient“, erzählt Stodt. Dass es nur ein Hilfsjob am Fließband sei und sich die Lehre langfristig rechne, war ihm egal. Geld spielt nicht nur für die Geflüchteten persönlich eine Rolle. Sie schicken so viel sie können nach Hause. Eine bessere Versorgung der Familie war ein Grund zur Flucht.

Afzal, 20 Jahre alt, kam aus Pakistan. Wenn er die Lehre zum Elektroniker für Betriebstechnik beendet hat, möchte er berufsbegleitend studieren. Demnächst lässt er sich bei der nächsten Wahl der Jugend- und Auszubildendenvertretung als Kandidat aufstellen. Er will sich jetzt für andere einsetzen, die jung sind, unsicher, die wie er geflohen sind. „Ihre Sorgen und Fragen kenne ich ja sehr gut“, sagt er. Was er ihnen aber wohl nie erklären kann, ist Karneval. Und Ostern. Wieso die Deutschen nach Eiern suchen, ist ihm ein Rätsel.

Gegenbauer: Etwas ernüchtert

Ein junger Mann vermisste seine Heimat Afghanistan zu sehr, machte sich permanent Sorgen um die Familie, die dort geblieben war – und ging schließlich zurück. Ein anderer war höflich, lächelte unentwegt, brachte Kolleginnen Blumen mit, war aber schüchtern. Traute sich nicht zu sprechen oder ans Telefon zu gehen. Der Dritte war das Gegenteil – offen, selbstbewusst – doch sobald er eine Bleibeperspektive auf Grund der Ausbildung hatte, verschwand er. Meldete sich nie wieder.

Das Berliner Unternehmen Gegenbauer beschäftigt 132 Geflüchtete. Einige machen ein Praktikum, 80 sind fest angestellt, 15 machen eine Ausbildung oder werden darauf vorbereitet. Diese drei Beispiele würden jedoch zeigen, dass es nicht immer funktioniert. Aus so verschiedenen Gründen.

Die Integrationsbeauftragte Heike Streubel findet das nicht verwunderlich: „Das sind immerhin junge Menschen, die allein sind, Furchtbares erlebt haben, traumatisiert sind.“ Das Unternehmen nehme das Thema Integration seit 50 Jahren ernst und würde dies auch weiterhin tun – doch im Vergleich zur Euphorie vor drei Jahren ist ihr Kollege, der Personaldirektor Claus Kohls, „etwas ernüchtert“.

Was sich verbessert hat: Es gebe im Betrieb zwei Fachleute für die Integration. Man sei mit den Ämtern besser vernetzt. Damit die Geflüchteten neben der komplizierten deutschen Grammatik das Fachvokabular in der Gebäudereinigung beherrschen, arbeite Gegenbauer mit einem anderen Unternehmen an einer eigenen Sprach-App.

Was schwierig bleibt: Die Berufsschulen würden aus Kohls Sicht „nicht genügend auf die besonderen Belange der Geflüchteten“ eingehen. Es sei aus Sicht von Kohls durchaus möglich, dass einige die Lehre durchhalten und am Ende doch an den Prüfungen scheitern. Für jene, die psychisch viel zu verarbeiten haben, fehlen in der Stadt Therapieplätze. Dazu kommen die Wohnbedingungen. „Gebäudereiniger müssen meistens um fünf Uhr morgens anfangen“, sagt Streubel. „Das ist schon schwer für die jungen Leute, die aus Berlin kommen, ein eigenes Zimmer haben, und um zehn Uhr abends ins Bett gehen können.“ Die, die in Gemeinschaftsunterkünften lebten, könnten selten früh schlafen, weil irgendwer noch bei Licht liest oder Musik hört. Weil sie weit außerhalb wohnten, müssten einige aber schon wieder um drei Uhr aufstehen.

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