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Netzrecherche bei Facebook & Co.: Ist das Schufa-Projekt legal?

Die Schufa lässt erforschen, wie sie Informationen von Facebook und Co. nutzen kann. Ganz harmlos, sagen die Projektleiter. Verbraucherschutz und Politik dagegen sind alarmiert: Das Projekt berührt die Grenzen der Legalität.

Das Projekt erinnert an George Orwells Roman „1984“. Nur geht es diesmal nicht um einen Staat, der alles über seine Bürger wissen will, sondern um ein privates Unternehmen: Um die Schufa, die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung. Sie lässt in einem Forschungsprojekt ausloten, ob und wie Informationen aus dem Internet genutzt werden können, um die Kreditwürdigkeit von Bürgern zu berechnen. Dafür sollen unter anderem auch Daten aus sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter genutzt werden. Es ist ein Projekt, das Bürger, Politiker und Verbraucherschützer aufschreckt – und Grenzen zu überschreiten droht.

Was hat die Schufa vor?

SchufaLab@HPI heißt das Forschungsprojekt, das die Schufa zusammen mit dem in Potsdam ansässigen Hasso-Plattner-Institut (HPI) gestartet hat. Ziel ist die „Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web“. Die Schufa will mit den Ergebnissen herausfinden, wie sie sich „langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland sichern“ kann, sagt Schufa-Vorstand Peter Villa.

Um der Konkurrenz voraus zu sein, will die Schufa künftig offenbar mehr Daten als bisher zur Verfügung haben. Und wie sie an diese Daten kommen könnte, soll nun wohl das HPI herausfinden. „Wir gehen der Frage nach, wie weit es möglich ist, strukturierte Daten wie Namen, Orte, Datumsangaben aus dem Internet herauszufiltern“, sagt Laborleiter Felix Naumann, der am HPI zusammen mit zwei weiteren Wissenschaftlern an dem Projekt forscht. Auf drei Jahre ist das Projekt angelegt, 200 000 Euro pro Jahr zahlt die Schufa laut Naumann an das HPI.

Die aus dem Web generierten Informationen sollen durch die Schufa „mit anderen Informationen verknüpft und aus Business-Sicht“ bewertet werden“, heißt es in einem Entwurf des Forschungsprojekts, der NDR Info vorliegt. „Auf diesem Weg soll ein Pool von aus dem Web generierten und regelmäßig aktualisierten Informationen entstehen, der von der Schufa für existierende und künftige Projekte und Services eingesetzt werden soll.“

Ein Schufa-Sprecher betonte am Donnerstag allerdings, dass es sich zunächst um ein Forschungsprojekt handele. „Es geht nicht darum, jetzt zusätzliche Datenquellen zu erschließen.“ Die Schufa gehe allerdings davon aus, dass Informationen aus sozialen Netzwerken künftig für das Geschäft einer Wirtschaftsauskunftei relevant werden können.

"Man muss der Schufa auf die Finger schauen", sagen Verbraucherschützer

Welche Daten sollen gesammelt werden?

Laut der Ideenliste, die NDR Info vorliegt, soll bei dem Projekt ein Zusammenhang zwischen dem Freundeskreis von Facebook-Mitgliedern und ihrer Kreditwürdigkeit erforscht werden. Zudem sei die Analyse von Textdaten denkbar, um „ein aktuelles Meinungsbild zu einer Person zu ermitteln“. Auch könnten die Potsdamer Wissenschaftler untersuchen, wie die Schufa über eigene Facebook-Profile oder Twitter verdeckt an „Adressen und insbesondere Adressänderungen“ anderer Nutzer gelangen kann, heiße es in dem Papier. Dazu könnte auf Netzwerken wie Xing und LinkedIN, in Blogs oder bei Wikipedia nach Verbindungen gesucht werden. Geprüft werden soll nach NDR-Angaben auch, welche Informationen aus „nicht-öffentlichen Quellen“ gezogen werden können.

Forschungsleiter Felix Naumann sagt, dass es sich bei den Plänen lediglich um erste Ideen handele, nicht um einen konkreten Projektplan. „Es geht auch nicht darum, Aussagen über Einzelpersonen zu treffen und der Schufa personenbezogene Daten weiter zu geben. Das wäre ethisch nicht in Ordnung“, sagte Naumann. Die Forschung basiere auf anonymen Daten. „Wir wollen nicht verdeckt in die Privatsphäre der Personen eindringen, sondern nur die Informationen nutzen, die öffentlich einsehbar sind.“ Auch ein Schufa-Sprecher versicherte: „Es sind Daten, auf die jeder Mensch auf der Welt zugreifen kann.“

Doch genau hier liegt ein Problem. Viele Nutzer schützen im Netz ihre Privatsphäre nicht ausreichend.

Bildergalerie: Wie bei Facebook gearbeitet wird

Ist ein solches Forschungsprojekt legal?

Facebook betont, dass es verboten sei, Informationen aus den Profilen durch Mechanismen wie Roboter oder Scraper automatisch herauszufiltern. Gegen solche Versuche gehe das Netzwerk vor.

Auch Verbraucherschützer sehen das Projekt kritisch. Dass die Schufa forschen und analysieren lasse, sei zwar „erstmal nicht zu beanstanden“, sagte Carola Elbrecht vom Verbraucherzentrale Bundesverband vzbv. Doch „bei der Frage, wie die gewonnenen Angaben zugeordnet werden, muss man dann der Schufa ganz genau auf die Finger schauen.“

Auch in der Politik stößt das Vorhaben der Schufa auf große Widerstände. „Das geht eindeutig in Richtung Bildung von Persönlichkeitsprofilen und hat mit dem Sammeln von Daten für die Beurteilung der Solvenz eines Menschen nichts zu tun", sagte der für den Verbraucherschutz zuständige stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Johannes Singhammer (CSU) dem Tagesspiegel. Auch der verbraucherschutzpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Erik Schweickert, verurteilte das Vorgehen der Schufa. "Die Schufa darf nicht zur Datenstasi verkommen, die in privaten Netzwerken rumschnüffelt", sagte er dem Tagesspiegel. Und weiter: „Es kann doch nicht sein, dass jemand nur noch dann einen Handy-Vertrag bekommt, wenn er im sozialen Onlinenetzwerk mit der Schufa ,befreundet’ ist. Hier werden soziale Netzwerke zu unsozialen Zwecken missbraucht“, sagte Schweickert. Auch die Verbraucherschutzbeauftragte der Unionsfraktion, Mechthild Heil (CDU), kritisierte das Vorhaben. "Viele werden sofort an Spionage denken, wenn sie von diesem Fall lesen. Das ist nachvollziehbar. Und klar ist, diese Idee der Schufa darf nicht zur Umsetzung kommen", sagte sie dem Tagesspiegel. Allerdings weist sie auch auf die Gefahren von Netzwerken hin. "Das einzig Gute daran ist, dass die Nutzer Sozialer Netzwerke wachgerüttelt werden. Dennoch ist klar, dass der Vorstoß der Schufa alarmierend ist und damit eine Grenze überschritten würde."

Die Schufa selbst hat ihren eigenen Verbraucherbeirat nicht in die Pläne eingeweiht. „Wir sehen es mit Befremden, dass über Inhalt und Ziel dieses Projekts mit dem Beirat vorher nicht gesprochen worden ist“, schrieben einige Mitglieder des Beirats am Donnerstag in einer E-Mail an den Vorstandsvorsitzenden der Auskunftei, Michael Freytag.

Die Beiräte fordern die Schufa-Chef in dem Schreiben „dringend“ auf, „sehr schnell offen zu legen, was die Schufa plant“. Bisher ist geplant, erste Ergebnisse des Forschungsprojekts im September vorzulegen.

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