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Jeder fünfte Neuwagen ein Großer : Wie sehr SUVs den deutschen Pkw-Markt besetzen

Die Neuzulassungen von SUVs sind rasant gestiegen, wie eine Antwort der Bundesregierung zeigt. Das Verkehrsministerium glaubt zu wissen, woran das liegt.

Neue Porsche Cayenne stehen auf dem Gelände des Porsche-Werks.
Neue Porsche Cayenne stehen auf dem Gelände des Porsche-Werks.Foto: dpa

Auf 19 Seiten hat das Bundesverkehrsministerium alle erdenklichen Fragen zu Geländewagen und SUVs beantwortet, die ihm die Grünen im Bundestag gestellt haben. Am aufschlussreichsten sind die Ausführungen zu der Frage, warum diese Fahrzeuge einen immer größeren Marktanteil erobern. Das Ministerium verweist auf den „größeren individuellen Platzbedarf, so etwa beim Transport pflegebedürftiger Familienangehöriger, von Baumaterialien, Haustieren usw.“.

Auf die Verwendung von SUVs als Krankentransporter oder Baufahrzeug dürften bisher nur wenige Experten bei der Frage nach den Kaufmotiven gekommen sein. Für diese Zwecke hält die Autoindustrie ja auch wesentlich geeignetere Modelle bereit – allerdings ohne modischen Offroad-Anstrich. So bemängelt Stephan Kühn, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion: „Die Bundesregierung geht den Herstellern auf den Leim, indem sie die Verkaufsargumente für SUVs und Geländewagen nicht hinterfragt.“

Unter den Kaufargumenten, die das Verkehrsministerium nenne, „kommt ihr der Einsatz im Gelände peinlicherweise gar nicht in den Sinn“. In deutschen Städten gebe es befestigte Straßen, deshalb seien SUVs und Geländewagen hier absolut fehl am Platz. Die Städte bräuchten mehr Platz für Fahrräder und Fußgänger, nicht für PS-Protze und ihren riesigen Raumbedarf.

Dass diese Autos einen immer größeren Teil des Pkw-Marktes in Deutschland besetzen, bestätigen auch die Antworten der Regierung auf die Anfrage der Grünen. Die Antworten liegen Tagesspiegel Background Verkehr & Smart Mobility exklusiv vor. Danach stiegen die Neuzulassungen für alle Pkw von 3,2 Millionen Autos im Jahr 2015 auf 3,6 Millionen 2019. Das ist ein Zuwachs von 12,5 Prozent.

Jeder fünfte Neuwagen war ein SUV

Bei den Geländewagen ging es in diesem Zeitraum dagegen um 41 Prozent nach oben, bei den SUVs sogar um 124 Prozent. 2019 war jeder fünfte Neuwagen (21 Prozent) ein SUV – im Jahr 2015 war es noch jeder zehnte (elf Prozent). Bei Geländewagen ist der Marktanteil von acht auf zehn Prozent gestiegen. Insgesamt decken diese Autos also knapp ein Drittel der Neuzulassungen ab.

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Kühn greift deshalb auch die Autohersteller an: „Indem sie ihr Angebot auf solche Klimakiller ausrichten, untergraben sie den Klimaschutz im Verkehr.“ Es sei dringend notwendig, „den Trend ausufernder Zulassungszahlen von SUVs und Geländewagen endlich umzukehren“. Deswegen wollen die Grünen die von der großen Koalition geplante Kfz-Steuerreform deutlich nachschärfen. „Wer sich einen schweren Spritschlucker zulegen will, muss endlich über die Kfz-Steuer für seine ökologischen Schäden aufkommen.“

Zusätzliche Einnahmen sollen in Kaufprämien für E-Autos fließen

Mit den zusätzlichen Einnahmen müsse die Kaufprämie für abgasfreie und insbesondere kleine E-Autos gegenfinanziert werden. Weil zudem Geländewagen und SUVs oft als Dienstwagen genutzt würden, sei auch eine CO2-Komponente in der Dienstwagensteuer sinnvoll, denn nur so würden kleinere und spritsparende Autos attraktiver.

Der Trend zum SUV ist für die Grünen aber nicht nur ein klima- und steuerpolitisches Thema, sondern auch eines der Verkehrssicherheit und der Stadtentwicklung. Die zuständige Abgeordnete Daniela Wagner kritisiert: „Dass sich Leute im Straßenverkehr offenbar nur im SUV oder Geländewagen richtig sicher fühlen, ist die Folge einer verfehlten Verkehrspolitik der Bundesregierung.“

Meistverkaufte SUVs sind kompakte Modelle

Immer weniger öffentlicher Raum bleibe übrig, weil immer größere Fahrzeuge die Städte beherrschen. „Wo Geländewagen und andere Boliden halb auf dem Gehweg stehen, weil sie nicht mehr auf die Parkplätze passen, leidet die Lebensqualität und werden Fußgänger behindert.“ Auch die Übersichtlichkeit im Verkehr leide massiv und begünstige dadurch Unfälle.

Geht es nach den Grünen, sollen höhere Kfz-Steuereinnahmen in Kaufprämien für E-Autos fließen.
Geht es nach den Grünen, sollen höhere Kfz-Steuereinnahmen in Kaufprämien für E-Autos fließen.Foto: dpa

Wer mit offenen Augen durch die Städte geht, sieht natürlich, dass diese Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen sind. Doch relativieren die Antworten der Regierung zumindest manche Größenordnung. So sind die in Deutschland meistverkauften SUVs und Geländewagen einigermaßen kompakte Modelle wie VW Tiguan und T-Roc sowie Ford Kuga und BMW X1.

Große Modelle kamen auf geringere Stückzahlen

Und selbst der Topseller Tiguan musste sich 2019 mit knapp 88.000 verkauften Autos dem VW Golf mit 205.000 Stück klar geschlagen geben. Zum Vergleich: Große Modelle wie BMW X5, VW Touareg und Mercedes M-Klasse und GLE kamen nur auf Stückzahlen zwischen 10.000 und 14.000.

Auch bei Größe, Gewicht und CO2-Ausstoß schlagen große Modelle von BMW, Audi, Mercedes und Porsche ins Kontor. Sie werden meist in der Kategorie Geländewagen zugelassen und machen den Unterschied. So ist der CO2-Ausstoß aller Pkw von 129 Gramm pro Kilometer im Jahr 2015 auf 132 Gramm 2019 leicht gestiegen. Das war noch nach der alten, unrealistischen Norm NEFZ gemessen.

Meilenweit entfernt von Klimaschutzzielen

Nach der neuen, zumindest etwas praxisnäheren Norm WLTP waren es 2019 157 Gramm. Bei den SUVs ging es im gleichen Zeitraum sogar etwas runter: von 138 auf 134 Gramm oder 160 Gramm nach WLTP. Dieser kleine Erfolg ist darauf zurückzuführen, dass in den vergangenen Jahren immer mehr kleine SUVs wie der T-Roc auf den Markt gekommen sind.

Proteste gegen SUVs im vergangenen Jahr in Bremerhaven.
Proteste gegen SUVs im vergangenen Jahr in Bremerhaven.Foto: dpa

Viel mehr CO2 stoßen dagegen Geländewagen aus: Sie schafften lediglich eine Verbesserung von 163 auf 161 Gramm oder 198 Gramm nach WLTP. Das ist meilenweit entfernt von allen Klimaschutzzielen der EU und der Bundesregierung. Besonders unrühmlich: Porsche Macan und Cayenne mit 244 und 245 Gramm sowie Mercedes GL mit 275 Gramm und die G-Klasse mit 335 Gramm.

Größe und Gewicht gehen zulasten der Energieeffizienz

Geländewagen sind im Durchschnitt auch deutlich größer als Pkw in ihrer Gesamtheit. Das betrifft die Länge (Geländewagen: 4,65 Meter, alle Pkw: 4,45 Meter) genauso wie die Breite (Geländewagen: 1,89 Meter, alle Pkw: 1,82 Meter). Zwischen SUVs und Durchschnitts-Pkw sind die Unterschiede gering. Die großen Geländewagen sind sogar rund fünf Meter lang und zwei Meter breit. Ironischerweise gehören auch die Elektro-SUVs Tesla Model X und Audi e-tron zu den breitesten Modellen überhaupt.

Größe und Gewicht gehen zulasten der Energieeffizienz. Während alle Pkw und SUV mit durchschnittlich rund zwei Tonnen zulässigem Gesamtgewicht nah beieinanderliegen, ragen die Geländewagen auch hier mit knapp 2,5 Tonnen im Jahr 2019 heraus. Das Gleiche gilt für ihre durchschnittliche Motorleistung von 164 Kilowatt. SUVs begnügen sich im Schnitt mit 109 Kilowatt, alle Autos zusammen kommen auf 116 Kilowatt.

Unfallgefahr durch SUVs umstritten

Ein sehr umstrittenes Thema ist die Unfallgefahr durch SUVs und Geländewagen. Dadurch dass sie andere Autos, Radfahrer und Fußgänger höher treffen, wird ihnen häufig ein größeres Risiko zugeschrieben. In den globalen Zahlen der Bundesregierung lässt sich das aber nicht ablesen: Die Anzahl der Getöteten und Verletzten je 1000 Beteiligte an Pkw-Unfällen lag 2019 bei Geländewagen bei 651. Im Falle von SUV waren es 656, bei Pkw ohne die Gattungen SUV und Geländewagen sogar 660. Hier spielen auch das Alter der beteiligten Autofahrer und ihre Fahrweise eine Rolle.

So müssen die Grünen auf „detailliertere Statistiken“ als die der Regierung zurückgreifen, um zu diesem Urteil zu kommen: „Insassen von hauptunfallverursachenden SUV werden deutlich seltener verletzt oder getötet – das wird kompensiert, weil es stattdessen mehr Geschädigte auf Seiten der Unfallgegner gibt.“

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