Pommes-Krise in Deutschland : "Die Bauern sitzen auf einem Berg von Kartoffeln"

Bauernpräsident Joachim Rukwied über die Dürre in Deutschland, volle Kartoffellager und die Wertschätzung für Landwirte in Coronazeiten.

Coronaopfer: Restaurants und Kantinen sind zu, die Nachfrage nach Pommes sinkt.
Coronaopfer: Restaurants und Kantinen sind zu, die Nachfrage nach Pommes sinkt.Foto: Getty Images/iStockphoto

Herr Rukwied, wochenlang war es staubtrocken, jetzt hat es geregnet. Wie viel Regen brauchen die Bauern, damit die Ernte nicht wieder vertrocknet?
Wir brauchen dringend einen länger anhaltenden warmen Landregen, mindestens 20 bis 30 Liter pro Quadratmeter, besser noch mehr und das Ganze über einige Tage verteilt. Die Oberfläche der Böden, egal ob Acker- oder Grünland, ist ausgetrocknet. Wir hatten viel zu wenig Niederschläge in den vergangenen Wochen, und dann gab es auch noch den scharfen Ostwind. Der Oberboden war knochentrocken.

In den vergangenen Wochen hat es vielerorts zu wenig geregnet. Vor allem im Osten Deutschlands gibt es schon jetzt Ausfälle.
In den vergangenen Wochen hat es vielerorts zu wenig geregnet. Vor allem im Osten Deutschlands gibt es schon jetzt Ausfälle.Foto: imago images/Countrypixel

Droht wieder ein Dürresommer wie 2018?
Das kann man jetzt noch nicht sagen. Wenn wir einen feuchten Mai bekommen, hilft das dem Getreide, für die Erträge von Mais und Rüben ist das Wetter in den Sommermonaten entscheidend. Auf einigen Standorten haben wir aber leider schon jetzt irreparable Schäden.

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Betrifft das vor allem Brandenburg?
Große Teile Ostdeutschlands haben ein Problem. Sandige oder tonige Böden können schlecht Feuchtigkeit speichern. Hier ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Ein Teil des Ertrags beim Raps ist bereits verloren, selbst wenn es jetzt entsprechend regnet. Für die Kulturen, die im Herbst geerntet werden, also Mais, Zuckerrüben, Gemüse und Obst, da ist noch alles offen.

Joachim Rukwied ist seit Juni 2012 Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV).
Joachim Rukwied ist seit Juni 2012 Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV).Foto: Arne Dedert/dpa

2018 hat der Staat die Bauern mit Steuergeldern in Höhe von 340 Millionen Euro gerettet. Was können die Landwirte selber tun, um sich und ihre Ernten vor den Folgen des Klimawandels zu schützen?
Unser Leben wäre leichter, wenn wir mehr Spielraum bei den Steuern hätten. Wir brauchen eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage, damit wir in besseren Jahren Rücklagen bilden können, die wir in schwierigen Jahren auflösen, um die Liquidität zu stabilisieren. Leider hat die Bundesregierung diese Forderung bislang nicht umgesetzt. Was uns auch helfen würde, wären neue Züchtungstechniken wie Crispr/Cas. Damit könnte man neue hitzeresilientere Sorten in viel kürzerer Zeit entwickeln. Was viele Bauern jetzt schon selber tun, ist, dass sie auf intensive Bodenbearbeitung verzichten. Sie haben auf Mulch- und Direktsaatverfahren umgestellt, um Wasser zu sparen.

Nicht nur der Klimawandel ist eine Herausforderung, auch Covid-19. Kantinen und Restaurants sind geschlossen, die Menschen kochen zu Hause. Was heißt das für die Nachfrage nach Lebensmitteln?

Die hat sich völlig verändert. Das betrifft ja nicht nur Kantinen und Restaurants, sondern auch den Export. Darunter leiden vor allem die Milchbauern, die beispielsweise Geschäfte mit Italien oder China gemacht haben. In Deutschland fallen Feste aus, das macht besonders den Winzern und den Brauereien zu schaffen. Frühlingsfeste, Volksfeste, Hochzeiten, Familienfeste gibt es ja im Moment nicht.

Die Menschen kaufen aber mehr ein.
Deshalb gibt es in ein- und derselben Branche auch Gewinner und Verlierer, etwa bei der Milch. Molkereien, die vor allem mit der Gastronomie und dem Export Geschäfte gemacht haben, stehen jetzt vor riesigen Problemen. Molkereien, deren Schwerpunkt der Lebensmitteleinzelhandel war, kommen dagegen mit der Lieferung kaum nach. Ein Bereich steckt allerdings in großen Schwierigkeiten. Das ist der Kartoffelmarkt.

Die Lager sind voll von Kartoffeln, die eigentlich zu Pommes Frites verarbeitet werden sollten. Das passiert aber nicht, weil die Gastronomie derzeit keine Pommes abnimmt.
Die Lager sind voll von Kartoffeln, die eigentlich zu Pommes Frites verarbeitet werden sollten. Das passiert aber nicht, weil die...Foto: Uwe Anspach/dpa

Warum das denn?
Die Lager sind voll von Kartoffeln, die eigentlich zu Pommes Frites verarbeitet werden sollten. Das passiert aber nicht, weil die Gastronomie derzeit so gut wie keine Pommes abnimmt. Die Bauern sitzen auf einem Berg von mindestens 350.000 Tonnen. Wir brauchen hier dringend Stützungsmaßnahmen in Form von Liquiditätsdarlehen der Landwirtschaftlichen Rentenbank, die mit einem Tilgungszuschuss aus Bundesmitteln versehen werden sollten. Bei der Milch und bei Rind- und Schaffleisch wurde ja bereits auf EU-Ebene die Förderung der privaten Lagerhaltung beschlossen. Das ist gut. Damit können wir Druck aus dem Markt nehmen.

Obst und Gemüse sind zurzeit vergleichsweise teuer, die Nachfrage ist hoch. Haben Sie genug Erntehelfer, um den Spargel zu stechen und Erdbeeren zu ernten?
Wir sind froh, dass die Bundesregierung eine Sonderregelung für die wirklich unersetzlichen Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa ermöglicht hat. Im April und im Mai dürfen jeweils 40.000 Erntehelfer einreisen. Damit bleiben unsere Betriebe arbeitsfähig. Allerdings wird das eine oder andere Spargelfeld derzeit gar nicht abgeerntet, weil die Nachfrage nicht so hoch ist wie sonst.

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Kommen genug Erntehelfer? Schöpfen Sie die Quote aus?
Rund 2200 Betriebe haben sich gemeldet und für den April 24.000, für Mai 11000 Saisonarbeitskräfte beantragt. Ich denke aber, die Zahlen für Mai werden noch deutlich nach oben gehen.

Da ist ja auch noch viel Luft nach oben.
Ja, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass auch viele Erntehelfer schon vorher gekommen und geblieben sind. Im Wein- und Obstbau wird der Reb- und Baumschnitt ja schon im Winter gemacht. Auch beim Spargel beginnt der Einsatz bereits im März. Die Erntehelfer können ja wegen der Coronakrise länger in Deutschland bleiben. Statt drei Monaten sind es in diesem Jahr fünf Monate, die sie kurzfristig beschäftigt werden können. Die meisten Helfer machen das auch, in ihren Heimatländern müssten sie ja zurzeit erst mal in Quarantäne.

Wir freuen uns über die Solidarität, sagt der Bauernpräsident - „allerdings können die deutschen Erntehelfer die eingearbeiteten Saisonarbeitskräfte nicht ersetzen“.
Wir freuen uns über die Solidarität, sagt der Bauernpräsident - „allerdings können die deutschen Erntehelfer die eingearbeiteten...Foto: imago images/Michael Weber

Wie stellen die Landwirte sicher, dass die Erntehelfer mehr Platz haben, um sich nicht anzustecken? Einen Infektionsfall hat es ja schon gegeben.
Es gibt zahlreiche Hygienevorgaben. Das beginnt mit der Quarantäne nach der Einreise, und man darf die Unterkünfte auch nur zur Hälfte belegen. Die Landwirte finden hier individuelle Lösungen. Einige haben zusätzliche Container für die Neuankömmlinge gemietet, andere haben Unterkünfte in der Nähe gefunden.

Es haben sich ja auch einige Bundesbürger zum Ernteeinsatz gemeldet. Sind die eine echte Hilfe?
Wir freuen uns über die Solidarität, allerdings können die deutschen Erntehelfer die eingearbeiteten Saisonarbeitskräfte nicht ersetzen. Viele wollen nur 20 oder 25 Stunden pro Woche nach individueller Absprache arbeiten. Aber das passt nicht zu den Abläufen auf einem Hof. Da müssen Sie in der Lage sein, prompt und schnell beispielsweise Salat zu ernten und zu liefern. Wenn Sie pflanzen, müssen Sie die Pflänzchen innerhalb von zwei, drei Tagen aufs Feld bringen. Die Pflanzmaschine, auf der fünf Menschen arbeiten können, kann dann nicht mit zwei Helfern losfahren.

Im vergangenen Jahr sind Tausende Landwirte auf die Straße gegangen, auch um mehr Wertschätzung für ihre Arbeit einzufordern. Bekommen Sie jetzt in der Coronakrise diese Anerkennung?
Die Coronakrise hat dazu geführt, dass die Wertschätzung für eine funktionierende, heimische, Landwirtschaft, die hochwertige, regionale und sichere Lebensmittel produziert, gestiegen ist. Viele Menschen sehen jetzt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Ich würde mir wünschen, dass diese Wertschätzung auch nach der Coronakrise bleibt.

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Joachim Rukwied (58) ist Landwirt in Eberstadt bei Heilbronn. Auf dem elterlichen Betrieb baut er Getreide, Zuckerrüben, Raps, Feldgemüse an, außerdem hat er Weinberge. Seit Juni 2012 ist Rukwied Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV). Auch wenn es inzwischen andere Vereinigungen wie „Land schafft Verbindung“ oder die „Freien Bauern“ gibt, ist der Verband mit Abstand das wichtigste politische Sprachrohr der Landwirte. Rund 90 Prozent der 300.000 landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland sind Mitglieder im DBV.

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