Raumfahrt : Die Bundesregierung greift nach den Sternen

Im Wettlauf um innovative Space-Firmen will Deutschland mitmischen. Ein nationales Weltraumgesetz soll den Weg ebnen.

Laurin Meyer
Experten schätzen, dass der Weltraummarkt bis 2040 auf 2,7 Billionen Dollar anwachsen könnte
Experten schätzen, dass der Weltraummarkt bis 2040 auf 2,7 Billionen Dollar anwachsen könnteFoto: iStock

Neil Jaschinski und Sebastian Marcu wollen mit ihrer Geschäftsidee abheben. Die beiden Gründer aus Bremen haben einen speziellen Ofen entwickelt – ohne Tür, stattdessen mit einem ausziehbaren Drahtzylinder. Auch ein Fenster fehlt, dafür lässt sich der Backprozess mit einer Live-Kamera auf dem Fernseher überwachen. Abheben ist in diesem Fall wörtlich gemeint, denn die Jungunternehmer wollen mit ihrer Firma „Bake in Space“ in den Weltraum. Mit ihrem Ofen sollen sich Astronauten Brötchen bald selbst backen können – zunächst auf der Internationalen Raumstation ISS, später auf anderen Weltraummissionen.

Start-ups tun sich hierzulande schwer

Es gibt nur ein Problem: „Bake in Space“ fehlt rund eine Million Euro, um durchzustarten. Wie den beiden Gründern geht es hierzulande vielen privaten Weltraum-Startups. Zu klein seien bestehende Förderprogramme, zu vorsichtig die potenziellen Investoren, beklagen sie. Und andernorts buhlen Regierungen schon länger mit günstigen Bedingungen und staatlichem Geld um vielversprechende Raumfahrtunternehmen – nicht nur in den USA, sondern auch in Frankreich und Luxemburg. Denn das Geschäft ist lukrativ. Experten schätzen, dass der Markt bis 2040 auf rund 2,7 Billionen US-Dollar anwachsen könnte.

Für die Bundesregierung ist das wohl Grund genug, jetzt auch nach den Sternen zu greifen. Im Laufe des Jahres will das Bundeswirtschaftsministerium einen Entwurf für ein nationales Weltraumgesetz vorlegen. Was verrückt klingt, haben Union und SPD sogar im Koalitionsvertrag festgehalten. Zuletzt sind schon ein Dutzend anderer Länder mit eigenen Gesetzen vorgeprescht. Eine zentrale Frage, die das Weltraumgesetz klären soll: Wer haftet für Schäden, die deutsche Space-Firmen verursachen? Denn je mehr Flugkörper um die Erde kreisen, desto größer wird die Gefahr von Kollisionen und Abstürzen. Trifft ein tonnenschweres Teil etwa auf eine Wohnsiedlung, wäre der Schaden immens. Unternehmen könnte das in die Insolvenz treiben, denn momentan müssten sie dafür haften.

Staat soll für höhere Schäden haften

Deshalb will die Bundesregierung eine gesetzliche Haftungsgrenze für Schäden einführen. Bis zu dieser muss der Verursacher selbst aufkommen, alles darüber hinaus übernimmt der Staat. Und auch zur Höhe der Haftungsgrenze haben die Verantwortlichen im Wirtschaftsministerium schon klare Vorstellungen: Sie soll keinesfalls höher liegen als die der europäischen Konkurrenten. In Frankreich liegt sie derzeit bei 60 Millionen Euro. Deutschlands Nachbarn könnten die Bundesregierung aber weiter unter Druck setzen. Frankreich etwa überlegt, seine Haftungsgrenze ganz abzuschaffen. Es droht ein Unterbietungswettlauf. Doch den werde man keinesfalls mitmachen, sagt Thomas Jarzombek, der zuständige Luft- und Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung.

„Der Markt hat sich schnell entwickelt“, sagt er. Bei der Frage nach Deutschlands Rolle im Weltraum suchte Jarzombek zuletzt sogar Rat von prominenter Stelle. Am Dienstag traf er in Los Angeles auf Tesla-Chef Elon Musk, der neben E-Autos mit seiner Firma SpaceX auch Trägerraketen entwickelt. „Die Vision, die Musk mit SpaceX hat, ist beeindruckend“, sagt Jarzombek. Das langfristige Ziel der kalifornischen Raumfahrtentwickler ist kein geringeres als mit ihrer Technologie den Mars zu kolonisieren.

Internetwirtschaft dürfte profitieren

Alles abgucken will sich Deutschland aber nicht. „Es ergibt wenig Sinn, den Dingen hinterherzulaufen, die andere schon können“, sagt Jarzombek. Stattdessen müsse Deutschland eigene Felder definieren und diese zu Stärken machen. Schwerpunkte setzte die Bundesregierung bislang etwa in Automation und Robotik.

Vor allem die Internetwirtschaft macht sich große Hoffnungen, vom sogenannten New Space zu profitieren. Ein denkbares Projekt der Zukunft wäre es, die 5G-Mobilfunkabdeckung in entlegenen Gebieten aus dem Weltall abzusichern. Eine funktionierende Satelliten-Infrastruktur wird zudem immer wichtiger für autonome Systeme wie Drohnen und selbstfahrende Autos. Zudem dürfte die Big-Data-Branche zu den Gewinnern zählen. Schließlich verlangen hochauflösende Bilder von Weltraumteleskopen nach immer größeren Speicherkapazitäten.

Keine konkreten Deals mit Musk

Im Gespräch mit Musk sei es auch um mögliche Projekte mit dem Tech-Entwickler gegangen , sagte Jarzombek ohne Details zu nennen. Konkrete Absprachen oder gar Deals habe es aber nicht gegeben. Und auch ein weiteres Treffen mit Musk sei noch nicht geplant. Der Kontakt zu den kalifornischen Entwicklern soll allerdings erhalten bleiben. SpaceX habe schließlich „mehr Mitarbeiter als Elon Musk.“

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mahnt jedenfalls, den Anschluss nicht zu verlieren. „Die Kommerzialisierung des Weltraums findet bereits statt“, sagt Matthias Wachter, Abteilungsleiter Sicherheit und Rohstoffe beim BDI. Ein eigenes Weltraumgesetz könnte zumindest das Investitionsklima hierzulande deutlich verbessern. Schließlich würde es notwendige Rechtssicherheit schaffen. Doch auch bestehende Investitionsprogramme müssten mehr auf Space-Firmen ausgerichtet werden. Wachters Vorschlag: „Die EU und Deutschland könnten ihre Förderungen stärker für private Firmen öffnen, die sich dann für Aufträge bewerben könnten.“ Und das bestenfalls ohne hohe bürokratische Hürden.

Weltraum-Bergbau wird zum Milliardengeschäft

Die Industrie will im Wettlauf ums All mitmischen. Ihr ambitioniertes Vorhaben: Bergbau im Weltraum. Unternehmen erhoffen sich, schon bald auf erdnahen Asteroiden nach seltenen Erden und Metallen wie Cobalt zu schürfen. Das Potenzial ist riesig. Allein der Trabant „Amun“ soll laut BDI Rohstoffe im Wert von rund 20 Milliarden Dollar mit sich tragen, insgesamt 15 000 solcher Asteroiden will die NASA zudem identifiziert haben.
Das kleine Luxemburg hat den Rohstoffabbau schon 2017 in einem nationalen Gesetz verankert und schon einmal 200 Millionen Euro zur Entwicklung bereitgestellt. Bis 2045 rechnet die luxemburgische Raumfahrtagentur mit Umsätzen aus diesem Bereich von bis zu 170 Milliarden Euro. Das Motto: Wer zuerst seine Fahne in den Boden steckt, darf graben.

Rohstoffabbau nicht im Alleingang

So weit will es Raumfahrtkoordinator Jarzombek aber nicht kommen lassen. „Es gibt für uns kein Szenario, in dem Länder in einen Wettlauf um Territorialgewinn einsteigen.“ Eine Variante könne es aber sein, den Weltraumbergbau für kleine Mengen zu öffnen – vorerst nicht zur großangelegten Ausbeutung, sondern für Weltraummissionen. Ohnehin wäre es Jarzombek am liebsten, Deutschland würde darüber ein Abkommen mit anderen Staaten schließen. „Es braucht hier multilaterale Regeln.“ Denkbar wären etwa zeitlich befristete Genehmigungen für Unternehmen, die Rohstoffe abbauen wollen.

Auf die Idee für den Weltraum-Ofen brachte die beiden „Bake in Space“-Gründer übrigens der deutsche Astronaut Alexander Gerst und sein weniger appetitliches Dosen-Essen. „Ich dachte mir, der wird gutes Brot vermissen“, sagt Jaschinski. Falls es mit dem Ofen irgendwann doch noch klappt, sollen weitere Geräte folgen – etwa eine Waschmaschine, damit Astronauten auch immer frische Wäsche haben.

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