Siemens-Vorstand Cedrik Neike : Der Weltbürger

Mit 18 fuhr er mit dem Zug um die Welt. Mit 44 ist Cedrik Neike Siemens-Vorstand für Energiemanagement und Asien. Er arbeitet am „Internet der Energie“.

Jens Tartler
Siemens-Vorstand mit 44: der Berliner Cedrik Neike.
Siemens-Vorstand mit 44: der Berliner Cedrik Neike.Foto: promo

Neulich schloss sich für Cedrik Neike der Kreis. 24 Jahre nachdem er seine Ausbildung zum Industriekaufmann abgeschlossen hatte, stand der heutige Vorstand vor 250 Azubis in Berlin, um sie bei Siemens zu begrüßen. Einer fragte: „Wie bewirbt man sich als Vorstand?“ Neike musste lachen, eine richtige Antwort hatte er nicht. Er selbst ist erst seit April 2017 Mitglied des obersten Management-Gremiums und sagt im Gespräch mit Background: „Noch vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, Siemens-Vorstand zu werden.“

Wenige Wochen nach seinem Start bei dem Münchner Konzern hielt Neike auf dem großen Kongress des Energieverbandes BDEW eine Rede, die viele Zuhörer aufmerken ließ. Der 44-Jährige wirkte so anders, als sich die meisten Menschen einen Siemens-Vorstand vorstellen: locker, witzig, fast schon jungenhaft. Dabei sollte man ihn keinesfalls unterschätzen. Mit dem Energiemanagement und den Regionen Asien und Australien verantwortet Neike ein sehr wichtiges Ressort. Während die Amerikanerin Lisa Davis für die Energieerzeugung zuständig ist, also etwa für die gerade stark diskutierten Gasturbinen, kümmert Neike sich um die Verteilung des Stroms. „Ich komme aus dem Netzwerkgeschäft“, sagt Neike. „Durch die Energiewende werden die Netze intelligent, sie werden bidirektional.“ Siemens baue mit am „Internet der Energie“.

Karriere beim US-Konzern Cisco

Zum Netzwerkspezialisten wurde Neike allerdings nicht nur bei dem Dax-Konzern, sondern vor allem beim US-Internetausrüster Cisco. Nach seiner Ausbildung studierte der Sohn eines Deutschen und einer Französin Wirtschaftsingenieurwesen und Finanzen am University College und der London School of Economics. Als Jahrgangsbester erhielt er ein Siemens-Stipendium. Das gab es auch für den MBA an der französischen Insead Business School.

Fontainebleau markierte allerdings auch den zwischenzeitlichen Abschied von Siemens. „Ich wollte ursprünglich mal Züge bauen, aber den Job gab’s damals nicht“, sagt Neike. Die Nachfrage war zu gering, um neue Leute für Schienenfahrzeuge einzusetzen. Da Neike sich schon im Studium eingehend mit Lichtwellenleitern befasst hatte, stürzte er sich bei Siemens auf das Thema Internet und Telefon. Am WAP-Protokoll, das Internetinhalte für den Mobilfunk verfügbar macht, hat er maßgeblich mitgearbeitet. „Ich fand immer, dass das Thema Internet nicht schnell genug vorangeht“, sagt Neike heute – und bezieht das durchaus auch auf das damalige Siemens.

So war er sehr empfänglich, als Cisco ihn anrief, nachdem er an der Insead eine Konferenz zum mobilen Internet organisiert hatte. Bei dem US-Tech-Konzern machte Neike schnell Karriere. Von 2001 bis 2004 war er für die Entwicklung des deutschen Marktes zuständig. Dann ging es nach San José. „Im Silicon Valley herrscht ein enormer Wettbewerb“, sagt er im Rückblick. Der Umgang sei an der Oberfläche freundlich, letztlich werde man aber nur an Ergebnissen gemessen. Die scheinen bei ihm gestimmt zu haben. Er war für den weltweiten Vertrieb außerhalb der USA zuständig, für Forschung und Entwicklung und wurde einer der jüngsten Senior Vice Presidents, die Cisco je hatte.

Siemens wurde selbstkritischer

Neike, der mit seiner Frau vier Kinder hat, wäre sicher noch länger in Kalifornien geblieben, wenn nicht sein alter Arbeitgeber aus Deutschland auf ihn zugekommen wäre. „Ich wurde gefragt, ob ich dazu beitragen will, den Konzern auf die Zukunft vorzubereiten“, sagt er. Die verschiedenen Krisen der Münchner hat Neike selbst in den USA mitbekommen, aber auch, „mit welcher Kraft Siemens sich erneuert hat. Die Wir-wissen-es-besser-Grundhaltung war weg, das Management war selbstkritischer.“

Außerdem reizte ihn, dass Siemens Produkte anbietet, die aus seiner Sicht fundamental für die Gesellschaft sind: Gasturbinen, Offshore-Windräder, Technik für Stromnetze, Züge. Der Konzern spreche Megatrends wie energieeffiziente Gebäude und Städte und Gesundheitsvorsorge an.

Mit „Internet der Energie“ meint Neike, dass Siemens für die meisten Netzbetreiber, bis runter zu den Ortsnetzen, die Infrastruktur zur Steuerung der Netze baut. Nicht nur für das Brooklyn Microgrid in New York mit der Blockchain-Technik hat Siemens die Smart-Meter-Kontrollsoftware geliefert, sondern auch für Millionen weitere intelligente Stromzähler weltweit.

Gigantische Transformatoren für China

Für die Offshore-Windenergie stellt Siemens die Konverter-Stationen bereit, für China hat der Konzern den mit zwölf Gigawatt Kapazität und 1100 Kilovolt Spannung weltweit stärksten Gleichstrom-Transformator gebaut. Der Strom wird über knapp 3300 Kilometer transportiert.

In China beschäftigt Siemens 32.000 Menschen, in Indien 23.000. In Asien und Australien verbringt Neike mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit. Das Reisen lag ihm schon immer. Mit 18 fuhr Neike im Zug um die Welt: Von Berlin nach Moskau, Irkutsk, Ulan Bator und Peking. Dann mit dem Schiff nach Kanada und auf der Schiene durch die USA.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in Tagesspiegel Background Energie & Klima.

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