Streitthema Migration : Die Abwanderung von Deutschen wird vergessen

Die Zuwanderung steht im Fokus der Öffentlichkeit - wird permanent diskutiert. Über die Abwanderung von Deutschen ist zugleich nur wenig bekannt.

Fernweh. Viele von denen, die fortziehen, sind jung, zwischen 25 und 30 Jahre alt, wollen Erfahrungen sammeln und kommen nach einer Weile wieder zurück.
Fernweh. Viele von denen, die fortziehen, sind jung, zwischen 25 und 30 Jahre alt, wollen Erfahrungen sammeln und kommen nach...Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte ist erneut deutlich gestiegen, hieß es vor einer Wocge. Nicht nur abertausende Europäer zieht es jedes Jahr nach Deutschland, sondern auch immer mehr Menschen aus Indien, China, den USA und vom Balkan. Migration ist ein Dauerthema. Ein Streitthema. Über das erste Einwanderungsgesetz verhandelt die große Koalition noch immer. Was bei alldem ausgeblendet wird, ist die Abwanderung von Deutschen.

Laut dem Statistischen Bundesamt verlegten 2017 fast 250 000 Deutsche ihren Wohnsitz ins Ausland – am liebsten in die Schweiz oder die USA, nach Österreich und Großbritannien. Viel mehr ist über diese Gruppe nicht bekannt. Verbände einzelner Branchen beschäftigen sich mit dem Thema kaum. Ökonomen können nur mutmaßen, warum Bundesbürger gehen, mit welchem Wissen und erlernten Beruf. Worin sie sich auf Basis der wenigen Informationen aber einig sind: Es sind die Hochqualifizierten, die Leistungsträger der Gesellschaft, die gehen.

Holger Bonin vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) beruft sich auf eine Studie von 2015. An den Ergebnissen habe sich seitdem wohl nicht viel geändert: „70 Prozent der Auswanderer sind hochqualifiziert. Viele sind jung, zwischen 25 und 30, wollen Erfahrungen sammeln und kommen nach einer Weile zurück“, sagt er. Die Zahl der Fortzüge nehme zu – auch, weil es in der jungen Generation immer mehr Akademiker gebe, für die Auslandsphasen inzwischen dazugehören. Wegen der Bologna-Reform ist es für Studierende normal, einige Monate in Spanien oder Frankreich zu leben. Die Globalisierung ermöglicht berufliche Projekte im Ausland – oder fordert sie sogar ein. Geringqualifizierte verlassen Deutschland hingegen selten.

Ärzte gehen gerne in die Schweiz - ein Problem

„Für sie gibt es kaum Anreize auszuwandern, weil die Arbeitslosigkeit hier verhältnismäßig gering ist und die Löhne höher sind als in vielen anderen Ländern“, sagt Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Dass gut ausgebildete Menschen gehen, führe aus seiner Sicht zwar zu einem „Verlust an Know-how“. Allerdings betont er wie Holger Bonin, dass die Zeit in einem anderen Land meist nicht von langer Dauer ist.

Alles nicht so dramatisch, sagen die Experten. Der Gesundheitsminister sieht das anders. Jens Spahn will die Abwanderung deutscher Ärzte und Pfleger in die Schweiz und andere Länder durch neue EU-Regeln verringern. Klar sei, „dass diese Fachleute in Deutschland fehlen“, sagte der CDU-Politiker Anfang des Jahres. Hierzulande arbeiteten „dann polnische Ärzte, die wiederum in Polen fehlen.“ Das könne so nicht richtig sein. „Deshalb sollten wir darüber nachdenken, ob wir die Abwerbung von Fachleuten aus bestimmten Berufsgruppen innerhalb der EU nicht neu regeln müssen.“ Laut der Bundesärztekammer sind im vergangenen Jahr 1941 Frauen und Männer, die vorher hier praktiziert hatten, gegangen. Meist in die Schweiz, wo sie deutlich mehr verdienen. Geäußert werde außerdem immer wieder der Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen.

Wissenschaftler zieht es ebenfalls an renommierte Universitäten im Ausland, wo sie höhere Löhne bekommen und zügiger eine unbefristete Anstellung. Wer gut ist, kann sich auch als Ingenieur seinen Wohnort aussuchen. „Der Braindrain ist ein Problem für die deutsche Wirtschaft“, sagt Christoph Busch, Bereichsleiter Arbeit und Innovation beim Digitalverband Bitkom. „Gerade IT-Spezialisten werden branchenübergreifend händeringend gesucht.“ Ende 2018 gab es 82 000 offene Stellen.

Talentierte IT-Experten hätten bei der Jobsuche alle Möglichkeiten. Dass die Wahl dabei nicht immer auf deutsche Arbeitgeber falle, habe verschiedene Gründe. Einer sei erneut das Geld: „Die stark mittelständisch geprägte deutsche Wirtschaft kann hier beim globalen War for Talents nicht mithalten“, meint Busch. Woanders könnten Datenspezialisten außerdem mehr experimentieren. „Das dürfte für manche attraktiv sein“, glaubt er. Letztlich könnten aber auch ganz individuelle Gründe, wie der Wunsch nach einem anderen Klima, von Bedeutung sein.

Migranten nehmen Jobs unter ihrer Qualifikation an

Vor zwei Wochen schrieb der Volkswirtschaftsprofessor Heribert Dieter in einem Gastkommentar der „Neuen Zürcher Zeitung“, dass Deutschland in einer doppelt misslichen Lage stecke: Hochqualifizierte würden gehen, wenig Gebildete würden kommen. Diese These halten die genannten Ökonomen für überzogen. „Auch bei der Zuwanderung steigt der Anteil der Hochqualifizierten“, sagt Bonin. Er liege inzwischen bei rund 40 Prozent und damit über dem deutschen Durchschnitt. Was es vielmehr gebe, sei eine Polarisierung von vielen Gut- und vielen Ungebildeten. „Die Mitte fehlt, weil es woanders oft kein betriebliches Berufsausbildungssystem gibt“, erklärt er.

Ein weiteres Problem benennt Marius Clemens vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): „Es kommen viele gut qualifizierte ausländische Fachkräfte – Ärzte, Apotheker. Nur können sie ihre Jobs in Deutschland nicht immer ausüben und müssen welche unter ihrem Qualifikationsniveau annehmen.“ Oft reichen Zeugnisse, Zertifikate und Sprachfähigkeiten nicht aus. In vielen Berufen seien außerdem Kenntnisse relevanter deutscher Rechtsgebiete eine Hürde. „Bis der Nachweis darüber erbracht ist, kann es länger dauern“, sagt Clemens. Wer nicht warten kann, nimmt einen Job an, den er in seiner Heimat gar nicht ausgeführt hat – und vielleicht nie hätte.

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