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Wirtschaftliche Folgen der Hitzewelle : Wie schlimm trifft die Dürre die Bauern?

Die große Hitze verdirbt die Ernte, die Bauern fordern Milliardenhilfen. Welche Folgen hat die Dürre für Landwirte und Verbraucher? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Heike Jahberg
Eine vertrocknete Sonnenblume steht auf einem Feld der Erzeugergemeinschaft Agrarprodukte eG in Wildenhain, Sachsen.
Eine vertrocknete Sonnenblume steht auf einem Feld der Erzeugergemeinschaft Agrarprodukte eG in Wildenhain, Sachsen.Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Wer in diesen Tagen durch Brandenburg fährt, sieht Bilder des Jammers. Eigentlich müssten die Maispflanzen jetzt 2,50 Meter hoch sein. Doch die Dürre verhindert das. Die Pflänzchen erreichen nur eine Höhe von mickrigen 30 Zentimetern, die Blätter sind eingerollt, die Pflanzen verdursten. Der Weizen ist längst abgeerntet, das Gras ist trocken. Existenzen stehen aufgrund der Hitzeperiode auf dem Spiel, warnt der Deutsche Bauernverband und fordert Hilfen in Milliardenhöhe. Am Dienstag wollen Vertreter von Bund und Ländern eine erste Bestandsaufnahme machen, am Mittwoch wird Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) das Kabinett informieren.

Wie schlimm trifft die Dürre die Bauern?

Der Bauernverband rechnet wegen der Dürre bei Wintergerste mit einem Rückgang von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch bei anderen Feldfrüchten werden deutlich geringere Erträge erwartet. Halter von Rindern und Schweinen kämpfen zudem mit Ausfällen bei der Maisernte und müssen deswegen Futter dazukaufen. In manchen Betrieben ist es schon zu Notschlachtungen gekommen.

Wer ist besonders betroffen?

Vor allem die Landwirte im Norden und Osten leiden unter der Dürre. „Es gibt einige Regionen, wo es seit April nicht mehr richtig geregnet hat“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied dem Tagesspiegel. „Dort haben wir zum Teil Ernteausfälle bis zu 70 Prozent.“ Bei solchen Missernten seien Betriebe in ihrer Existenz bedroht, warnt Rukwied. Aber das Problem ist nicht auf den Nordosten beschränkt. So ziehen auch die Kartoffelbauern in Nordrhein-Westfalen derzeit nur noch kleine Knollen aus der Erde. Beim Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie (BOGK) rechnet man bei Kartoffeln bundesweit mit Ernteausfällen von bis zu 40 Prozent.

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„Wenn kein Wetterumschwung kommt, ist die Missernte da“, warnt BOGK-Geschäftsführer Horst-Peter Karos. Doch ein Ende der Hitze ist vorerst nicht in Sicht. Der Deutsche Wetterdienst rechnet mit mindestens zehn weiteren Tage mit Trockenheit und hohen Temperaturen in den Dürregebieten. In Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen werde der trockenste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen registriert, sagt der Meteorologe Andreas Friedrich.

Welche Hilfen fordern die Bauern?

Bauernpräsident Rukwied hofft auf den Staat. Denn viele Landwirte haben keine Rücklagen mehr. Im vergangenen Jahr ist ein Teil der Ernte wegen des Starkregens ins Wasser gefallen, jetzt vertrocknen Zuckerrüben, Raps und Mais in der Gluthitze. Das Problem: Kaum ein Landwirt ist gegen solche Wetterextreme versichert. Nun sollen Bund und Länder helfen. „Wir wünschen uns eine Unterstützung in Höhe von einer Milliarde Euro“, sagt Rukwied, der selbst einen Hof in Baden-Württemberg betreibt. „Wir befinden uns mitten in der Ernte und können schon jetzt sagen, dass die Trockenschäden ein Mehrfaches der genannten eine Milliarde Euro betragen werden“, sagte Rukwied der „Passauer Neuen Presse“. „Wir rechnen allein beim Getreide mit einem Minus von rund 1,4 Milliarden, dazu kommen Mais, Zuckerrüben, Kartoffeln und Grünfutter.“ Die vom Bauernverband geforderte Hilfe soll nach Rukwieds Vorstellung Vorstellung an drei verschiedenen Stellschrauben ansetzen. Besonders betroffene Betriebe sollen Direkthilfen erhalten.

Dazu muss jedoch vorher der Notstand ausgerufen werden. Ist das geschehen, können Betriebe, deren Ernteausfälle in diesem Jahr verglichen mit den letzten drei Jahren größer als 30 Prozent sind, direkte Unterstützungen bekommen. „Das ist wichtig für Betriebe, deren Liquidität akut bedroht ist, um deren Zukunft zu sichern“, sagt Rukwied. Aber Betrieben, die „nur“ Ernteausfälle von 25 oder 28 Prozent haben, sei damit nicht geholfen. „Deshalb möchten wir, dass der Staat für die nächsten Jahre den Zuschuss für die Berufsgenossenschaft um mindestens 100 Millionen Euro pro Jahr erhöht“, betont Rukwied. Zudem wünschen sich die Landwirte mehr steuerlichen Spielraum. „Die Betriebe müssten steuerfreie Rücklagen bilden könnten, um in schlechten Zeiten diese Polster auflösen zu können“, sagt Rukwied – eine Forderung, die der Bauernverband schon seit Jahren an die Politik richtet.

Was sagt die Politik?

Klöckner, selbst Winzerstochter, ist „sehr besorgt über die Auswirkungen der Dürre, unter der viele Bauern vor allem im Norden und Osten Deutschlands leiden müssen“. Dennoch können die Bauern nicht mit schneller Hilfe rechnen. Die Ministerin will sich erst ein detailliertes Bild machen. Eine Entscheidung über mögliche Hilfen sei daher erst nach der Erntebilanz Ende August möglich, erklärt Klöckner. Ob der Staat überhaupt helfen soll, ist in der Politik umstritten. Der agrarpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Spiering, sieht das kritisch. Dann müsse man auch anderen kleinen und mittelständischen Betrieben helfen, die in Not sind, gibt der Sozialdemokrat zu bedenken. Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen im Bundestag, ist zwar für eine kurzfristige und unbürokratische Unterstützung der von Dürre gebeutelten Landwirte.

„Aber es muss klar sein: Die industrielle Landwirtschaft kann nicht mehr weiter so wirtschaften wie bisher.“ Pauschales Handaufhalten von Lobbyverbänden sei wenig hilfreich, vor allem, wenn der fordernde Verband gleichzeitig für ein politisches „Weiter so“ stehe, kritisierte Hofreiter am Montag den Bauernverband. Monokulturen und Massentierhaltung seien nicht zukunftstauglich. Unabhängig von möglichen Nothilfen müssten „endlich die absurden Subventionen für die industrielle Landwirtschaft hinterfragt werden“, sagt Hofreiter. „Die Dürre muss ein Weckruf sein für einen grundlegenden Kurswechsel in der Agrarpolitik.“

Werden Lebensmittel teurer?

Kleiner Trost für die Bauern: Durch die schlechte Ernte steigen die Erzeugerpreise. An der Warenterminbörse haben die Kartoffelnotierungen einen seit Jahren nicht mehr erreichten Höchststand erreicht, berichtet der Analyst des Agrarmarkt-Informationsdienstes AMI, Christoph Hambloch. Auch die Getreidepreise liegen um zehn bis 15 Prozent über dem Niveau des Vorjahres – allerdings deutlich unter den Spitzenwerten des guten Weizenjahrs 2010. „Damals waren die Preise 20 Prozent höher als heute“, sagt Rukwied. Die Milchbauern, die derzeit im Bundesschnitt 31 Cent pro Liter bekommen, appellieren an die Molkereien, rund zehn Cent pro Liter draufzulegen. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) forderte am Montag Molkereien, Schlachthofunternehmen und die Lebensmittelketten auf, Solidarität zu zeigen und den Lebensmittel-Erzeugern faire Preise zu zahlen.

Doch ob die Appelle Wirkung zeigen, bleibt abzuwarten. Die großen Handelsketten liefern sich einen harten Preiswettbewerb. Absehbar ist, dass Pommes Frites teurer – und die Stäbchen kürzer – werden könnten. Dagegen dürfte die Missernte die Brotpreise nicht verändern. „Der Wertanteil des Getreides bei Brötchen liegt bei wenigen Prozent“, heißt es beim Deutschen Raiffeisenverband. Anders ist das bei Obst und Gemüse. Eisbergsalat ist gut 40 Prozent teurer als vor einem Jahr, berichtet Michael Koch, Marktanalyst für Obst und Gemüse bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn. Für Kopfsalat und Kohlrabi müssten Verbraucher etwa 20 Prozent mehr zahlen.

Wer profitiert?

Im vergangenen Jahr hatte der späte Frosteinbruch vielen Obstbauern das Geschäft verhagelt. Die Gefahr besteht in diesem Jahr nicht. Erdbeeren und Spargel gab es reichlich, den Obstbauern geht es besser als vielen ihrer Kollegen. Und auch die Winzer haben Grund zur Freude. Das Deutsche Weininstitut (DWI) rechnet mit dem „frühesten Federweißer, den wir jemals gehabt haben“, hieß es am Montag. Schon Anfang August könne der junge Wein kommen, auch die Hauptlese starte zwei bis drei Wochen früher. „Wir sind so früh dran, dass wir selbst den Italienern Paroli bieten können“, sagt DWI-Sprecher Ernst Büscher freudig.

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