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Die Booster-Impfung wird als wichtiges Mittel gegen die vierte Welle angesehen.

© Gestaltung: Tagesspiegel/K.Schuber  | Foto: Freepik

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Auffrischungsimpfung gegen Corona :  Wie das Boostern schneller gehen kann

Mit den Auffrischungsimpfungen geht es zu langsam voran. Ist der empfohlene Abstand von sechs Monaten zur letzten Dosis wirklich nötig? 

| Update:

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihre noch amtierende Regierung – der auch die SPD angehört –, kannten all die Hinweise, welche Impfquoten im Sommer zu erreichen sind, damit keine starke vierte Welle droht. Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) mahnte unermüdlich, es brauche mehr Tempo, eine bessere Kampagne und parallel die Vorbereitung der Auffrischungsimpfungen für schon geimpfte Bürger.

Doch im Wahlkampf spielte Corona kaum noch eine Rolle, wieder wägte man sich wie im Sommer zuvor in Sicherheit und ließ die Zügel schleifen. Unterschätzt wurde auch, dass der Impfschutz bei vielen Bürgern früher als gedacht nachlässt. Daher geht es beim Bund-Länder-Gipfel an diesem Donnerstag auch darum, nun eine bundesweite Booster-Offensive zu starten. Auch könnte vielleicht beschlossen werden, anders als von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen, den Abstand zwischen der letzten Impfung und der Auffrischungsimpfung auf weniger als sechs Monate zu reduzieren.

Sind die Stiko-Empfehlungen unantastbar?

Nein. Der geschäftsführende Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) betont nun in einem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt, dass schneller und früher geboostert werden soll. Es richtet sich an alle Fachärzte in Deutschland und wurde am Dienstag per Mail verschickt. Mitunterzeichner ist der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. „Der gemäß Zulassung vorgesehene Abstand von sechs Monaten zur vollständigen Immunisierung bei Personen ab 18 Jahren ist als zeitliche Richtschnur zu verstehen, der natürlich nicht tagesgenau einzuhalten ist“, heißt es in dem Schreiben.

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„Sie können daher jede Patientin und jeden Patienten ab 18 Jahren, auch wenn sie nicht zu den Risikogruppen gemäß der aktuellen Stiko-Empfehlung wie ältere Personen, Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie medizinisches und pflegerisches Personal gehören, zeitnah und auch vor Ablauf der sechs Monate im eigenen Ermessen impfen“, betonen Spahn und Gassen. Das heißt, jede Bürgerin, jeder Bürger, kann bei Ärzten oder in staatlichen Impfzentren ab sofort auch Termine vor Ablauf der Sechs-Monats-Frist buchen. Wegen vieler Impfdurchbrüche war zuletzt der Druck gewachsen, die Frist flexibler zu gestalten.

Auch unter den Ampel-Parteien gibt es hierfür Zustimmung. „Wir sollten jeden impfen, dessen vollständige Grundimmunisierung mehr als vier Monate her ist“, sagt der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen auf Tagesspiegel-Anfrage. Das Ziel müsse sein, eine Million Impfungen am Tag zu erreichen. Es sei kontraproduktiv, wenn Bürger an staatlichen Impfzentren bisher zum Teil abgewiesen würden, wenn die sechs Monate noch nicht erreicht sind.

Auch Arbeitgeber-Präsident Rainer Dulger hatte zu Wochenbeginn betont, es dürfe im Kampf gegen Impfdurchbrüche und viele Neuinfektionen auch unter Geimpften jetzt kein striktes Festhalten mehr an sechs Monaten für eine Auffrischungsimpfung geben. „Unsere Betriebsärzte brauchen endlich ein klares Signal, dass sie unseren Beschäftigten die dritte Impfung anbieten dürfen.“ Dahmen betont: „Es braucht jetzt Politpragmatismus.“ Jedoch gibt es kein bundesweites Einladungsmanagement, die Bürger müssen sich komplett selbst darum kümmern.

Sind Auffrischungsimpfungen schon nach weniger als sechs Monaten sinnvoll?

In Israel, wo früh eine hohe Durchimpfung erreicht worden war, stiegen im Frühsommer die Infektions- und Erkrankungszahlen wieder. Nicht nur Ungeimpfte waren betroffen. Dort ist es gelungen, mit einer Booster-Impfkampagne diese Welle zu brechen. Peter Nordström von der schwedischen Universität Umea hat vor kurzem eine – bislang aber noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtete – Studie namens „Effectiveness of Covid-19 Vaccination Against Risk of Symptomatic Infection“ vorgelegt. Bei dieser Auswertung der Daten von jeweils knapp 843.000 geimpften und nicht geimpften Personen war auffällig, dass bei einer zweifachen Impfung mit Astrazeneca die Schutzwirkung nach rund vier Monaten stark nachließ.

Bei einer Dosis Astrazeneca und einer zweiten mit Biontech war der Schutz auch nach sechs Monaten dagegen vergleichsweise hoch. Die Kreuzimpfung mit Vektor-Vakzin plus mRNA-Impfstoff fängt offenbar das Abfallen der Wirkung nach vier Monaten auf. Der Schutz scheint hier sogar etwas höher zu liegen als bei zwei Biontech-Impfungen. Nur mit zwei Moderna-Impfungen liegt man demnach etwas besser. Aber insgesamt zeigt sich bei zwei Impfungen mit Biontech beziehungsweise Moderna, dass der Schutz vier bis fünf Monate nach der letzten Impfung deutlich nachlassen kann.

Relevant und aus den Daten ersichtlich ist auch, dass mit zunehmender Zeitspanne zunächst symptomatische Infektionen wahrscheinlicher werden – und damit offenbar auch die Wahrscheinlichkeit, ansteckend für andere zu sein. Für Menschen über 80 Jahren steigt dann auch das Risiko für schwere Verläufe und Tod deutlich.

Was passiert im Körper beim Boostern?

Wird Monate nach der zweiten Impfung etwa mit Biontech erneut mRNA mit der Information zum Bau des Spike-Proteins gespritzt und dieses im Körper tatsächlich hergestellt, reagiert das Immunsystem auf folgende Weise: Spezifische Abwehrzellen, die sich nach der ersten oder zweiten Dosis bereits vermehrt hatten, werden erneut zur Vermehrung angeregt. Dies sind unter anderem B-Zellen, welche Antikörper in das Blut abgeben. Offenbar wird hier auch oft nicht einfach linear der Immunschutz wieder um ein paar Monate verlängert, sondern ein deutlich größerer Effekt erreicht. Labordaten aus Israel etwa besagen, dass die Antikörper-Titer – welche als wichtiges Maß für den aktuellen Immunschutz gelten – nach dem Boostern im Mittel um ein Mehrfaches höher lagen als nach der Zweitimpfung mit Biontech.

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Der Impfschutz wäre so wahrscheinlich besser und länger anhaltend als nach der Zweitimpfung. Von einem solchen Effekt schienen betagte Personen besonders zu profitieren. Zahlreiche Impfungen gegen andere Krankheiten erfordern ohnehin drei Dosen. Reinhold Förster, Professor für Immunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, sagte dem Tagesspiegel, er habe von Anfang an bei einer Atemwegserkrankung wie Covid-19 erwartet, dass zwei Dosen nicht reichen würden. Insofern werden Booster möglicherweise bald gar nicht mehr so genannt werden, sondern schlicht „Dritte Impfdosis“ heißen.

Welche Impfstoffkombinationen ergeben beim Boostern den höchsten Schutz?

Für die Auffrischung die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna empfohlen. Alle, die zuvor Astrazeneca hatten, bekommen also einen Boost mit einem der beiden Impfstoffe. Karl Lauterbach verweist auf eine Analyse des Biochemikers Rob Swanda, der zu dem Ergebnis kommt, dass nach zwei Impfungen mit Biontech eine Auffrischungsimpfung mit Moderna den höchsten Schutzeffekt hat. Bei zwei Dosen Moderna wiederum empfehle sich eine Auffrischung mit Biontech, bei Johnson&Johnson wiederum eine mit Moderna. Generell ist es aber ratsam, hierzu vor der Auffrischungsimpfung noch einmal den Hausarzt zu kontaktieren, bevor man einen Termin dort oder in einem Impfzentrum vereinbart.

Welchen Einfluss kann das Boostern auf den Pandemieverlauf haben?

In Israel wurde sehr früh mit dem Boostern begonnen und damit die Welle rechtzeitig gebrochen, bevor eine Überlastung des Gesundheitssystems eintreten konnte. Wahrscheinlich wurden auch viele Todesfälle so verhindert. In Deutschland ist man vergleichsweise spät dran mit dem Boostern. Erschwert wird die Situation durch die kalte Jahreszeit mit mehr Aufenthalt in Innenräumen und einen höheren Anteil der infektiöseren Deltavariante als seinerzeit in Israel. Wenn jetzt aber massiv Drittimpfungen verabreicht würden, speziell in den gefährdeten Gruppen der Hochbetagten – und hier vor allem bei den noch anfälligeren Männern – könnte man folgenden Effekt erreichen: Diese Personen wären eher vor schweren Verläufen geschützt und auch seltener selbst potentielle Überträger des Virus.

Menschen warten in der Schlange eines mobilen Impfteams auf dem Hermannplatz.

© picture alliance/dpa/ Fabian Sommer

Zudem spricht einiges dafür, auch breite Bevölkerungsschichten nach sechs Monaten oder auch schon etwas früher zu boostern. Denn auch hier kann damit gerechnet werden, dass diese Personen für einige kritische Monate im Winter auch nicht mehr Überträger sein können. Unter diesen Jüngeren bevorzugt Personen mit vielen Kontakten zu boostern wäre nach Meinung einiger auf dem Gebiet Forschender besonders sinnvoll. Angesichts der Dynamik – zu dem Schluss kommt etwa eine Gruppe von Fachleuten um Viola Priesemann vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation – wird selbst intensives Impf-Boostern aber möglicherweise nicht ausreichen. Sie schlagen in diesem Falle gut planbare und zumutbare zweiwöchige de-facto-Lockdowns vor.

Was spricht gegen das Boostern?

Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass zur Verfügung stehende Impfdosen zuerst jenen zugute kommen sollten, die bisher nicht geimpft werden konnten, also etwa vielen Menschen in ärmeren Staaten. Zudem wird von manchen Immunologen davor gewarnt, dass eine frühzeitige erneute Aktivierung des Immunsystems speziell bei jüngeren Personen den Schutz vor schweren Verläufen möglicherweise nicht besonders erhöht, mögliche Nebenwirkungen wie etwa Entzündungen der Gefäßinnenwände oder des Herzmuskels sich aber häufen könnten. Die Daten aus Israel sprechen dagegen, dass diese Befürchtung berechtigt ist.

Was sind Booster-Nebenwirkungen?

Übliche Impfreaktionen sind zu zu erwarten. Dazu gehören Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen oder Müdigkeit. Sie werden sogar als Zeichen gedeutet, dass das Immunsystem auf gewünschte Weise regiert, müssen dafür jedoch nicht zwangsläufig auftreten. Das Robert Koch-Institut (RKI) teilt auf dem Merkblatt zur Booster-Impfung mit: „Die Impfreaktionen sind zumeist mild oder mäßig ausgeprägt.“

Wie läuft das Boostern bisher in der Praxis?

Sehr unterschiedlich, wie die Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion zeigen. Ein Hausarzt in Mitte etwa verwies auf eine lange Warteliste, da er von der Stamm-Apotheke wöchentlich nur drei Dosen Biontech erhalte. Ähnliches in Moabit, dort wurde zunächst auf einen Impftermin im Februar hingewiesen und schließlich noch einer Mitte Dezember gefunden. Bei einem Hausarzt in Wilmersdorf-Charlottenburg gibt es eine Schlange bis vor die Eingangstür, aber nach etwas Wartezeit ist der Booster kein Problem. Auch bei der Impfpraxis Diagnostikum in den Gropiuspassagen gibt es für Booster noch viele freie Termine.

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In den Berliner Impfzentren gibt es ebenfalls freie Termine, dort wird allerdings nicht jenseits der Stiko-Empfehlung geboostert. Ein Kollege, der zum Impfzentrum Tegel gefahren war und dessen Zweitimpfung fünf Monate zurückliegt, bat dort um eine Auffrischung. Er ist erste Kontaktperson seines pflegebedürftigen Vaters. Beim Anstehen ignorierte er alle Hinweise, dass man sich erst nach sechs Monaten boostern lassen darf. Als er am Schalter saß, wurde er schließlich abgewiesen, erhielt allerdings für Tegel einen Ersatztermin zwei Wochen vor Ablauf der sechs Monate.

Dass manch einer auf anderem Wege versucht, die Auffrischung früher zu bekommen, berichtet ein weiterer Kollege. Er hörte aus seinem Bekanntenkreis von eigenmächtigem Boostern bei Ärzten oder im Impfzentrum, indem man ohne Zertifikat und Impfbuch hinging und so tat, als sei es die Erstimpfung.

Wie sollen Hausärzte dazu gebracht werden, mehr zu impfen?

Mit mehr Geld. Damit deutlich mehr Hausärzte Erst-, Zweit- und Boosterimpfungen anbieten und auch verstärkt am Wochenende impfen, bekommen sie seit Dienstag statt 20 Euro nun 28 Euro Vergütung für jede Impfung, außerdem einen Wochenendzuschlag von 8 Euro. Da jetzt wieder jede Woche mehrere Millionen Dosen bestellt werden, verweisen erste Hausärzte schon auf Lieferprobleme, zudem werden sie zum Teil mit Terminabfragen überrannt.

Daher wird es beim Bund-Länder-Gipfel auch darum gehen, rasch mehr Impfzentren zu öffnen. Aber zum Beispiel betont das besonders stark betroffene Bayern in einer internen Abfrage des Bundesgesundheitsministeriums, die dem Tagesspiegel vorliegt: „Konkrete Planungen für weitere staatliche Impfstrukturen gibt es derzeit nicht.“ Das staatliche Impfangebot beruhe in Bayern weiterhin „auf den verbliebenen 81 Impfzentren und den von diesen organisierten circa 230 mobilen Impfteams.“

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