Coronavirus-Symptome : Grippe oder doch Covid-19 – Hilfe für die Selbstdiagnose

Der Hals kratzt, das Fieberthermometer zeigt über 38 Grad Celsius – könnte das Covid-19 sein? Was man über die Symptome der Coronavirus-Infektion weiß. Und was nicht.

Ist Niesen - in die Armbeuge, wie es Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Bündnis 90 / Die Grünen) demonstriert - schon ein Symptom für Covid-19 oder braucht es auch Fieber und Husten, bis man den Arzt konsultieren sollte?
Ist Niesen - in die Armbeuge, wie es Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Bündnis 90 / Die Grünen) demonstriert -...Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Als vor zwei Wochen ein Patient in die Notaufnahme der Charité aufgenommen wurde, gab es zunächst keinen Verdacht: Er zeigte lediglich "neurologische" Symptome, berichtet das Krankenhaus. Zur diagnostischen Abklärung wurde er auf Influenza getestet – da diese Untersuchungen mittlerweile mit Tests auf Covid-19 gekoppelt sind, stellte sich heraus: Der Patient war infiziert mit dem Sars-CoV-2-Virus.

Ähnlich war es kürzlich bei einem zweijährigen Kind, das laut Medienberichten Fieber sowie Flüssigkeit in der Lunge hatte. Ärzte hatten zunächst keinen Verdacht auf Covid-19, führten dann aber einen Test durch – der gleichfalls positiv ausfiel.

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Die Covid-19-Krankeit zu erkennen, also von anderen, ähnlichen Atemwegserkrankungen im Rahmen der Differentialdiagnose zu unterscheiden, ist selbst für Ärzte schwierig: Die Symptome sind unspezifisch und können auch von Symptomen anderer Krankheiten überlagert werden.

Sicherheit bietet nur der Labortest

Nur ein Labortest bietet Sicherheit – doch obwohl Krankenkassen die Finanzierung zugesagt haben, sind sie bislang vielerorts kaum verfügbar. In Berlin führen etwa die an einigen Kliniken eingerichteten Testzentren jeden Tag nur einige dutzend bis wenige hundert Tests durch. Und das auch nicht bei allen Patienten. Teils werden Erkrankte nicht getestet, wenn sie nicht in Risikogebieten und nicht in Kontakt mit einem sicher infizierten Menschen waren.


Dabei hat das Robert Koch-Institut (RKI) – die für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten zuständige Bundesoberbehörde – seine Empfehlung zwischenzeitlich geändert. Der Test wird dann empfohlen, wenn ein Patient Symptome hat, sagte die Pressesprecherin dem Tagesspiegel – Halskratzen reiche. Außerdem soll er aus einem Gebiet mit Infektionen kommen. Doch dies ist weit gefasst: „Berlin hat Fälle“, sagte die Sprecherin.

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Die umfangreichsten Daten über die Covid-19-Erkrankung gibt es bislang aus China: In einem Bericht hat die Weltgesundheitsinformationen WHO Ende Februar Informationen von rund 56.000 gemeldeten Infektionsfällen zusammengefasst. Der Mittelwert – genauer der Median – der Patienten lag bei 51 Jahren, 77 Prozent kamen aus der am stärksten betroffenen Provinz Hubei. Von diesen hatten 88 Prozent Fieber, 68 Prozent trockenen Husten, 38 Prozent Erschöpfung und 33 Prozent Auswurf. 19 Prozent hatten außerdem Atemprobleme, 14 Prozent Halsschmerzen.

80 Prozent der Erkrankungen verlaufen leicht oder mild

Rund 80 Prozent der Patienten mit gemeldeten Infektionen wiesen laut den WHO-Angaben einen leichten oder moderaten Verlauf auf – hierunter zählt Fieber und Husten sowie auch leichte Lungenentzündungen. Weitere 14 Prozent zeigten einen schweren Verlauf, bei dem etwa die Sauerstoffsättigung im Blut niedrig war – gut sechs Prozent waren in einem kritischen Zustand mit Ausfällen in der Atmungsfunktion oder Organversagen.


Unklar ist allerdings, wie viele milde Fälle es gab, die nicht erfasst wurden. Teils schätzen Forscher, dass nur jeder zehnte oder zwanzigste Fall erkannt wurde – nach Ansicht der WHO war dies nicht derartig häufig der Fall. „Der Anteil der Infektionen, bei denen sich keine Symptome ausbilden, ist unklar – aber er scheint relativ klein und kein großer Treiber der Übertragung zu sein“, schrieben WHO-Experten.

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Die bisher aus Deutschland bekannten Daten zu Symptomen sehen derzeit deutlich anders aus. Bislang lag der Altersdurchschnitt deutlich unter jenem aus China oder auch Italien – wo offenbar in den ersten Wochen zunächst viele schwere Verläufe von älteren infizierten Menschen erkannt wurden.

Außerdem steckten sich in Deutschland vielleicht auch mehr junge Menschen an als in China: Dort überlappte ein großer Teil der Infektionswelle mit den Neujahrsferien, während in Deutschland viele junge Menschen in den letzten Wochen – wie auch sonst – sozial aktiv und mobil waren. In Berlin hatten sich etwa viele junge Personen in zwei Clubs infiziert.


Doch während vor einigen Tagen der Altersmedian in Deutschland noch bei 41 Jahren lag, stieg dieser laut den RKI-Zahlen zwischenzeitlich auf nun 46 Jahre. Nach Angaben der Behörde war der jüngste Infizierte noch nicht einmal ein Jahr alt, der älteste 94.

Husten und Fieber bei Deutschen bislang die häufigsten Symptome

Von den am Samstag gut 3400 gemeldeten Infektionen lagen dem RKI für 2497 weitergehende medizinische Informationen vor. Hiervon wurde bei gut fünf Prozent der Fälle angegeben, dass keine für Covid-19 bedeutsamen Symptome bestanden. 57 Prozent der infizierten Menschen hatten am Anfang ihrer Erkrankung Husten. Mit 39 Prozent wurde für deutlich weniger Personen Fieber gemeldet als bei den Daten aus China – allerdings entwickelt sich dieses bei einigen wohl erst im Laufe der Erkrankung. Knapp jeder dritte Infizierte hatte Schnupfen – andere etwa Kopf- oder Gliederschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall.

Schwere Verläufe sind hierzulande noch vergleichsweise selten – so auch Todesfälle. Bis Samstag wurden aus Deutschland acht gemeldet. Außerdem starben zwei deutsche Touristen bei einer Nilkreuzfahrt in Ägypten.

In Italien jeder elfte Infizierte gehört zum medizinischen Personal

Deutlich anders sieht es in Italien aus, wo sich die Lage in den letzten Wochen dramatisch zugespitzt hat und bis Freitag knapp über 1000 Todesfälle gemeldet wurden. Während aus Südkorea oder den Provinzen Chinas außerhalb von Hubei Todesraten von rund 0,7 Prozent gemeldet wurden, liegt diese in Italien offenbar insbesondere aufgrund der vielen unerkannten Fälle und einem Median-Alter von 64 Jahren viel höher – bei über fünf Prozent.


Experten vermuten, dass Covid-19 sich in Italien über Wochen ausbreitete, bevor das Ausmaß richtig erkannt wurde – und bis heute sehr viele Fälle nicht erkannt werden, so dass die Zahlen nur die Spitze des Eisbergs wiedergeben. Das Gesundheitssystem ist in vielen Gebieten nun stark überfordert.

Laut amtlichen Angaben verstarb von den über 80-Jährigen mit bestätigten Infektionen in Italien fast jeder fünfte. Sehr problematisch ist auch: Nach Behördenangaben war jeder elfte der bis Freitag rund 16.000 gemeldeten infizierten Italiener im Gesundheitswesen aktiv – also etwa Arzt oder Pfleger.

Was also sollen Menschen machen, die eines oder mehrere der Symptome aufweisen und sich unsicher fühlen? „Die Frage, wann man zum Arzt geht, muss jeder für sich entscheiden“, erklärt die RKI-Sprecherin. „Ansonsten gesunde Menschen sollten nicht bei einer normalen Erkältung zum Arzt gehen“, sagt Bernd Salzberger, Infektiologe am Universitätsklinikum Regensburg und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, dem Tagesspiegel. Wichtig ist bei Covid-19-Verdacht, vor Arztbesuchen die Praxis telefonisch zu kontaktieren – oder die allerdings häufig überlasteten Hotlines etwa des Berliner Senats oder des zuständigen Gesundheitsamts anzurufen.

Bei Fieber und Atemnot unbedingt zum Arzt

Warnsignale seien anhaltend hohes Fieber und Atemnot, betont Salzberger. „Hier muss ein Arzt kontaktiert werden“, sagt er – besser über einen Haus- als Praxisbesuch. Risikopatienten – also solche mit Vorerkrankungen oder Menschen mit Immunsuppression – sollen schon deutlich vorher Kontakt mit ihrem Arzt aufnehmen.

Auch ist empfehlenswert, sich bei Organisationen und Verbänden zu informieren, die Informationen für Patienten mit der jeweiligen Erkrankung zusammenstellen. Der Krebsinformationsdienst etwa rät an Krebs erkrankten Personen, die Wohnung nur für die notwendigsten Erledigungen zu verlassen und Hygienemaßnahmen streng einzuhalten.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie rät akut erkrankten Tumorpatienten, eine geplante Krebstherapie nicht zu verschieben. Einige Patienten haben jedoch etwa ein erhöhtes Infektionsrisiko.

Informationen zu Covid-19 stellt die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung unter www.bzga.de bereit.

Tröpfchenweise infiziert

Zur Infektion mit Sars-CoV-2 kommt es hauptsächlich über Tröpfcheninfektionen, etwa beim Husten, weshalb einfache Hygienemaßnahmen schon einen großen Unterschied machen können. Übertragungen durch Schmierinfektion – also die Infektion durch kontaminierte Oberflächen – seien nicht ausgeschlossen, sagt das RKI. Welche Rolle sie spielt, sei aber nicht bekannt. Erforscht wird derzeit noch, ob es auch eine geringe Gefahr dadurch gibt, dass Viren ohne Bildung von Tröpfchen durch die Luft übertragen werden.

Welcher Anteil der Infizierten erkrankt, ist unbekannt

Unklar ist bislang auch eine wichtige Frage: Welcher Anteil der infizierten Personen erkrankt tatsächlich? Auf Grundlage einer Studie an allerdings nur wenigen Fällen aus Japan behaupten dortige Forscher, dass vielleicht fast jeder zweite Infizierte keine Symptome bekommt – was andere Wissenschaftler allerdings stark bezweifeln.

Hintergründe über das Coronavirus:

Dass symptomfreie Infizierte andere Menschen anstecken sei wenig wahrscheinlich aber nicht ausgeschlossen, sagt Salzberger – dies sei etwa aus Übertragungen durch Kinder bekannt. Außerdem gebe es asymptomatische Patienten mit höherer Viruslast im Rachen, die vermutlich auch infektiös seien. Das ergab eine Studie an Infizierten in Deutschland.


Von der Infektion bis zum Auftreten erster Symptome - die mittlere Inkubationszeit - dauert es den bisherigen Informationen zufolge etwa fünf bis sechs Tage. Allerdings kann wird auch von Patienten berichtet, die schon einen Tag nach Infektion erkrankten und auch solche, die erst nach zwei Wochen Symptome zeigten. Bis ein Infizierter einen anderen Menschen anstecken kann, dauert es mehrere Tage – hier wurden laut RKI Werte von vier bis knapp acht Tagen berichtet.

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