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Der „Mann mit dem goldenen Arm“ rettete Millionen Menschen das Leben.

© dpa/Patrick Pleul

Der Mann mit dem Superblut: Lebensretter von etwa 2,4 Millionen Babys

Er lebte weit weg, in Australien, und dennoch hat der „Mann mit dem goldenen Arm“ womöglich Ihr Leben oder das Ihrer Kinder bewahrt – mithilfe seines außergewöhnlichen Blutes.

Sascha Karberg
Eine Kolumne von Sascha Karberg

Stand:

Kennen Sie James Christopher Harrison? Sollten Sie, denn womöglich hat er einst Ihnen oder Ihrem Nachwuchs das Leben gerettet – und das, obwohl er in Australien lebte und vor kurzem gestorben ist. Mit seinem „Superblut“.

Dass sein Blut irgendwie besonders sein könnte, ahnte Harrison lange Jahre nicht. Regelmäßig spendete der junge Mann Blut, aus Dankbarkeit, da er mit 14 Jahren eine OP nur aufgrund von 13 Blutkonserven (etwa 6 Liter) überstanden hatte. Dabei wurde schließlich entdeckt, dass sein Blut eine hohe Konzentration bestimmter Antikörper enthielt, die sich gegen ein Molekül auf den roten Blutkörperchen richten, den Rhesus-Faktor D.

Harrisons Blutzellen fehlte dieser D-Faktor von Geburt an; er hatte den Blutgruppentyp „Rhesus-Faktor-D-negativ“. Doch während der Operation bekam er Rhesus-Faktor-positives Blut, weshalb sein Immunsystem große Mengen Antikörper gegen das D-Molekül entwickelte.

Mit diesen Anti-D-Antikörpern können Ärzte das Leben von Rhesus-positiven Embryos retten, deren Mütter die Rhesus-negativ-Blutgruppe haben*. Ohne die Behandlung würden die Anti-D-Antikörper, die das Immunsystem der Rhesus-Faktor-D-negativen Mutter produziert, die Blutzellen des Embryos attackieren.

Bei einer ersten solchen Schwangerschaft beeinträchtigt die Immunreaktion die Entwicklung des Ungeborenen noch nicht, doch bei einer zweiten Schwangerschaft kann das Rhesus-positive Baby eine schwere Blutarmut entwickeln, etwa zehn Prozent der Föten sterben sogar.

Die aus dem Blutplasma von Harrison gewonnenen Anti-D-Antikörper können das verhindern. Sie werden der Schwangeren verabreicht und wirken wie eine Impfung. Das mütterliche Immunsystem entwickelt keine akute Abwehrreaktion gegen Anti-D-Moleküle mehr, die den Fötus gefährden könnten.

1967 wurde das Blutplasma Harrisons dafür erstmals erfolgreich eingesetzt. Daraufhin entschloss er sich, so oft wie möglich zum Blutspenden zu gehen. Fast jeden zweiten Freitag, insgesamt 1173 Mal über 61 Jahre spendete der „Mann mit dem goldenen Arm“ Blut, bis er mit 81 Jahren die gesetzliche Höchstgrenze für Blutspenden erreicht hatte. Er starb dieses Jahr, hochgeehrt, mit 88 Jahren.

Inzwischen bekommen Rhesus-negative Schwangere andere Prophylaxe-Präparate, die aber teils mithilfe Harrisons Blut entwickelt wurden. Es wird geschätzt, dass James Christopher Harrisons Superblut direkt oder indirekt etwa 2,4 Millionen Menschen das Leben gerettet hat. Vielleicht ja auch dem – rhesus-positiven – Erbonkel.

*Leider hat sich ein Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Zuvor hieß es, dass die Anti-D-Antikörper aus dem Blut von Harrison rhesus-positiv-Babys schützen, deren Mütter die Rhesus-positiv-Blutgruppe haben, es sind aber natürlich Rhesus-negativ-Mütter gemeint. Der Erbonkel bittet den Fehler zu entschuldigen.

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