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Bild von Gentile da Fabriano: Jesus im Tempel
© RMN-Grand Palais (Musée du Louvre)/Thierry Le Mage

Kunstgeschichte: Florenz als Kinderstube der Renaissance

Eine kunsthistorische Ausstellung im Palazzo Strozzi feiert die Geburt der Renaissance als lokales Ereignis. Doch der Besuch lohnt sich allemal; ab September ist die Ausstellung im Louvre in Paris zu sehen.

Wann begann eigentlich die Renaissance? Epochen beginnen nicht an einem bestimmten Tag, sondern bilden sich über Jahrzehnte im Schatten der vorangehenden Ära heraus. Dabei begriff sich noch jede Epoche als die richtige – bis die Renaissance sich bewusst auf die Kultur der Alten, der antichi bezog und so erst „die“ Antike konstituierte.

Was aber bewirkte diesen Rückbezug? Und wo setzte er ein? Dass die Renaissance in Italien ihren Ausgang nahm und sich von dort über die im „dunklen Mittelalter“ befangenen Länder des Nordens verbreitete, ist lange widerlegt. Erwin Panofsky, der ins Exil getriebene Hamburger Kunsthistoriker, legte die Gleichzeitigkeit der maniera moderna in Italien und den Niederlanden dar, in Skulptur und Architektur im Süden und in der Malerei im Norden. Umgekehrt verschwand die Gotik nicht so, wie es die Historiker aus der Zeit der Hochrenaissance beschrieben, etwa Giorgio Vasari Mitte des 16. Jahrhunderts. Beide Epochen durchdringen sich.

Und die Antike war nie so vergessen, wie es ihre Entdecker behaupteten. Aby Warburg hatte bereits 1912 die Wanderung antiker Motive durch die Zeiten und Kulturen, sogar außerhalb Europas, nachgewiesen. Das „Nachleben der Antike“ wurde zum zentralen Forschungsgegenstand Warburgs und seiner Schüler. Auch wenn nach Panofsky „die Richtung des italienischen 15. Jahrhunderts auf die Rückkehr zu den Quellen zielte“, ist doch gerade das 15. Jahrhundert von allerlei Vermischungen, von einer christlich-neuplatonischen Philosophie gekennzeichnet. Und, wie die Warburg-Schule gezeigt hat, von einem wirkungsmächtigen Sternenglauben, der seit Warburg eine Umwertung zum Positiven erfahren hat.

Das gilt auch für Florenz, die Metropole von Handel und Kapital und einer der Ursprungsorte der Renaissance. Die gegenwärtige Ausstellung des Palazzo Strozzi, „Der Frühling der Renaissance“, sucht Florenz das Erstgeburtsrecht zu geben. Sogar Datum und Anlass, so die Kuratoren Beatrice Paolozzi Strozzi sowie Marc Bormand vom Pariser Louvre, bezeichnen als entscheidenden Moment jenen, da 1401 der Wettbewerb für das Nordtor des Baptisteriums entschieden wurde und Lorenzo Ghiberti (1378/81–1455) über Dombaumeister Filippo Brunelleschi (1377–1446) den Sieg davontrug. Die beiden Probearbeiten – ein Feld der Bronzetür mit der Opferung Isaaks – sind erhalten und dienen nun als Auftakt der Ausstellung. Sie werden überragt vom Holzmodell der Domkuppel, die derselbe Brunelleschi entwarf und bis 1436 ausführte. Er war wie Ghiberti gelernter Goldschmied und nach jahrelangem Privatstudium imstande, die längst vorgesehene Kuppel in neuartiger Technik zu meistern.

Das offizielle Youtube-Video der Ausstellung

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In beiden Reliefs, lautet die These, zeige sich eine völlig neue Auffassung im direkten Rückgriff auf antike Vorbilder. So zitiert Ghiberti in der Figur des bei ihm heldenhaft gereckten Isaak den vielfach kopierten „Torso eines Kentauren“, während Brunelleschi den antiken „Dornauszieher“ übernimmt und lediglich mit einem Überwurf bekleidet. Beide Vorbilder stammen aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert und waren in Rom stets zu sehen. Die Domkuppel repräsentiert eine neue Auffassung des Raumes, mündend in die aufkommende Zentralperspektive, die die abendländische Wahrnehmung grundstürzend veränderte.

Die Antike war in der kollektiven Erinnerung präsent

Aber ist die „Wiedergeburt“, die erstmals der Architekt Antonio Filarete 1450 so bezeichnete, allein eine Florentiner Leistung? Warum überhaupt die Renaissance entstand, bleibt letztlich ein Rätsel. Die Ausstellungskuratoren nennen sie in ihrem Katalogbuch „das komplexeste, umstrittenste und überraschendste Phänomen der gesamten Kunstgeschichte“.

Es sind die geistigen Unterströmungen, die den Rückbezug auf die Antike seitens so junger Nachwuchskünstler, wie es Ghiberti und Brunelleschi im Jahr 1401 waren, plausibel machen. Der Humanist Poggio Bracciolini etwa spielt eine bedeutende Rolle: Er fand neben etlichen antiken Schriften auch Vitruvs Architekturtraktat in einer der von ihm durchforsteten Klosterbibliotheken Europas. Bracciolini pries in seiner „Historia fiorentina“ die Stadtrepublik nicht nur als „neues Rom“, sondern zugleich als „neues Athen“ und setzte sie so als Erbin der antiken Geisteswelt ein. Die aber war in der kollektiven Erinnerung durchaus präsent: Warum sonst hätte Bracciolini nach Originalen suchen wollen? Später kamen die im östlichen Mittelmeerraum bewahrten griechischen Texte hinzu. Vermittler wie der byzantinische Kirchenfürst und spätere Kardinal Bessarion brachten sie oft schon vor der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 mit.

Das Florentiner Bürgertum erteilte immer opulentere Aufträge

Visuell erfahrbar war die Antike durch die gewaltigen römischen Ruinen, durch ihre Skulpturen und Reliefs. Die Skulptur wurde zum Leitmedium. Das zeigt die jetzige Ausstellung in einer kaum wiederholbaren Fülle von Büsten und Vollfiguren, von Donatello (1386–1466) und sodann dem Erfinder und Meister der glasierten Terrakotta, Luca della Robbia (1399– 1482). Der zieht mit seiner Familie einen regelrechten Manufakturbetrieb für die höchst beliebten Jungfrau-mit-Kind-Büsten auf. Luca della Robbias „Madonna mit dem Apfel“ von 1460, eine Leihgabe des Berliner Bode-Museums, führt die neue Intimität von Mutter und Kind vor.

Aber es sind eben Madonnen-Büsten und keine antiken Heroen. Erst von den Nebenfiguren her, den von antiken Grabreliefs bekannten putti, kommt ein heidnisches Sujet auf und tummelt sich mit einem Mal auch in Florentiner Kompositionen. Sodann das antike Reitermonument, das nicht in Florenz seine Wiederkehr erlebt, sondern im venezianischen Padua im Standbild des Heerführers Gattamelata von Donatello, der eher Wirklichkeitsfanatiker ist als Antike-Nachfolger.

Ein enormer Aufschwung der Kunstindustrie

Die Verbreitung der Skulptur im Florentiner Bürgertum verweist auf das ökonomische Fundament der Renaissance. Der Wohlstand, den die europaweit vernetzte Stadt der Banken, Großkaufleute und Luxusmanufakturen anhäufte, wurde nicht mehr nur anonym in fromme Stiftungen, in Spitäler und Waisenhäuser gesteckt. Stattdessen wurde Wohlstand demonstrativ gezeigt, traten die führenden Familien als Auftraggeber der Kunstwerke auf. Der Verfall der Republik und ihr Übergang in die Diktatur der Medici geht einher mit einem enormen Aufschwung der Kunstindustrie, mit immer opulenteren Aufträgen, aber auch mit der Adaption klassischer Vorbilder in der Porträtkunst von Marmorbüsten bis Medaillen.

Der Palazzo Strozzi selbst stammt bereits von 1489. Auch dessen damaliges, grandioses Holzmodell blieb erhalten. Die Renaissance, die nun in seinen Räumen zur spezifisch florentinischen Schöpfung überhöht wird, hatte sich da bereits in ganz Italien verbreitet, und in halb Europa dazu.

Florenz, Palazzo Strozzi, bis 18. August. Anschließend Paris, Louvre, 23. September –6. Januar 2014. Katalog in Italienisch oder Englisch, 39 €. - www.palazzostrozzi.org

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