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Kein Food ohne Gen. Je natürlicher das Essen, umso mehr Gene drin. Doch die Angst, Genveränderung per se könne schaden, hemmt den Fortschritt in der Pflanzenzucht.
© picture alliance/dpa

Nobelpreis für die Gen-Schere: Forschung hui, Anwendung pfui

Die Gen-Schere ist nun nobelpreisgekrönt. Ihre sinnvolle Anwendung wird hierzulande jedoch noch bekämpft.

Der Jubel um die Vergabe des Chemie-Nobelpreises nach Berlin ist groß. Sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sendete Glückwünsche an die Preisträgerin Emmanuelle Charpentier, Gründungsdirektorin der „Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene“ auf dem Charité-Campus in Mitte. Er bekundete „große Freude“ und wertete die Vergabe als „starkes Indiz dafür, dass exzellente Wissenschaft in Deutschland ein gutes Zuhause hat.“

Doch guckt man nach all der Sektlaune etwas genauer hin, dann fällt auf, dass Professor Charpentier 2011, als sie die entscheidenden Experimente zur Entdeckung der „Crispr/Cas9“-Gen-Schere durchführte, noch gar nicht in Deutschland forschte. Als Beleg für die Exzellenz der deutschen Wissenschaft kann sie also schwerlich dienen. Allenfalls kann sich „die Politik, die Max-Planck-Gesellschaft und die Charité“ dafür feiern, „rasch und unkompliziert zusammengearbeitet“ zu haben, „um sie für Berlin zu gewinnen“, sagt Detlev Ganten, Ehrenvorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Charité und Präsident des World Health Summit.

Das spricht dafür, dass der Wissenschaftsstandort Berlin und die Bedingungen an der Max-Planck-Gesellschaft für exzellente Forscher wie Charpentier oder auch den diesjährigen Physik-Nobelpreisträger Reinhard Genzel attraktiv sind – und Deutschland beim internationalen Anwerben dieser Exzellenz durchaus mithalten kann. Das ist gut.

Aber was erwächst aus dieser Exzellenz? Wie nutzen Berlin, Deutschland und Europa das oft teuer erkaufte Wissen? Welche Wertschöpfung ist von dem Gentech-Werkzeug „Crispr/Cas9“ hierzulande zu erwarten?

Wenig, ist die Antwort. Denn während in den USA bereits Pflanzensorten mit der Gen-Schere widerstandsfähiger gegen Pilzbefall oder andere Schädlinge gemacht werden, blockiert das Urteil des Europäischen Gerichtshof de facto solche Anwendungen der Technik in der EU. „Gerade die Arbeit von Frau Charpentier – Genveränderungen – ist nicht unbedingt das Lieblingsthema der Deutschen“, sagt Ganten. Und das, obwohl die Potenziale „enorm“ sind.

Die Angst vor dem Schnitt ins Genom

Sowohl in der Medizin, als auch in der Landwirtschaft und Biotechnologie kann die Gen-Schere sinnvoll eingesetzt werden. „Wenn wir als Wissenschaftsnation Deutschland und als Wissenschaftsstadt Berlin vorn mitspielen wollen, müssen wir die Öffnung in die Zukunft wirklich wollen – transparent und nach klaren Regeln“, sagt Ganten. Der Nobelpreis sei ein wichtiger Stimulus für die Debatte über den Einsatz der neuen Gentechnik.

Doch eine „Debatte“, also einen respektvollen, konstruktiven Austausch von Argumenten, gibt es in Sachen „Gentechnik“ in Deutschland schon lange nicht mehr. Während sich etwa in der Klimadebatte gern auf die Wissenschaft bezogen und ihren Argumenten und Fakten gefolgt wird, wird sie in der Diskussion um den Einsatz der Gen-Schere in der Pflanzenzüchtung weitgehend ignoriert.

In einer Nutzpflanze mit der Gen-Schere exakt die gleiche, gegen Schädlinge resistent machende Genmutation herbeigeführt werden, die in einer Wildvariante der Pflanze vorhanden ist – ohne langjährige Kreuzungen. „So etwas sollte man in Europa zumindest in Modellprojekten ausprobieren können“, sagt Ganten. Der Generalverdacht, dass gentechnische Methoden per se risikoträchtiger seien als andere Zuchtverfahren, sei wissenschaftlich nicht haltbar.

Doch so wurde die Gen-Schere vom EuGH eingeordnet, als Gentechnik, sodass damit veränderte Pflanzen ein aufwändiges und teures Prüfverfahren durchlaufen müssen. Damit gilt eine Nutzpflanze, die sehr viele unbekannte Mutationen aufgrund von Bestrahlung trägt, de fakto als risikolos, während eine mit der Gen-Schere an einem Ort im Erbgut veränderte Pflanzensorte als risikoreich eingestuft wird. In diversen Stellungnahmen haben europäische Wissenschaftsorganisationen auf diesen Widerspruch hingewiesen. Sie plädieren für eine Novelle der europäischen Gentechnikgesetzgebung, in der nicht die eingesetzte Zuchttechnik, sondern der Umfang der jeweils durchgeführten Erbgutveränderung entscheidend dafür sein soll, ob die Zulassung der Pflanze stärker reguliert werden muss oder ob sie als wenig risikoreich eingestuft werden kann.

In der Gentherapie wird die Gen-Schere akzeptiert - aber hat in Deutschland andere Hürden

Während es um die Anwendung der Gen-Schere in der „Grünen Gentechnik“ also eher noch schlecht steht, scheint es im Bereich der „Roten Gentechnik“, also der Anwendung der Gen-Schere zur Therapie von Krankheiten, problemlos voran zu gehen. Tatsächlich erfährt etwa Simone Spuler, die am Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Gentherapien gegen Muskelschwund entwickelt, Unterstützung „auf allen Ebenen“, das molekulare Werkzeug rasch in hilfreiche und heilsame Therapien umzusetzen.

Allerdings sind das noch sehr vereinzelte Unternehmungen von engagierten Forschergruppen. Was in Deutschland noch immer fehlt, ist eine funktionierende Investitionskultur in solche biotechnologischen Schlüsseltechnologien.

In den USA hingegen suchen Kapitalgeber – dort als Venture Capital bezeichnet, statt zaudernd Wagnis- oder Risikokapital – gezielt nach Forschungsprojekten mit dem Potential, bislang unbehandelbare Erkrankungen therapieren zu können. Das Geld wäre auch hierzulande vorhanden, nur wird es traditionell in eher risiko-, damit aber auch innovationsarme Bereiche der Wirtschaft gesteckt.

Eine Branche, in der es zehn Jahre und länger dauert, bis eine Therapie den Markt erreicht, in der pro erfolgreich zugelassenem Medikament – je nach Berechnung – 500 Millionen bis eine Milliarde US-Dollar investiert werden müssen und in der von 100 Therapieansätzen in der ersten klinischen Testphase im Schnitt nur eine den Markt erreicht, ist vielen Investoren zu heikel – seien die Renditemöglichkeiten mit den wenigen erfolgreichen „Blockbuster“-Medikamenten noch so verlockend.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Dass es einige wenige Firmen in Deutschland, wie etwa die Mainzer Biontech, dennoch schaffen, originär deutsche Forschung bis zur Anwendung am Menschen und an den Markt zu bringen, ist eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Die Mainzer etwa, die jetzt ganz vorn mit dabei sind im Rennen um einen Covid-19-Impfstoff, haben ihre RNA-Technologie im Grunde nur mit Hilfe des „Family Office“ der Gebrüder Thomas und Andreas Strüngmann entwickeln können, die ihr Vermögen aus dem Verkauf des einstigen Generika-Herstellers Hexal gezielt in Biotech-Unternehmen investieren. Gleiches gilt für die Tübinger Curevac, die ebenfalls mit einem RNA-Vakzin unter den Favoriten ist. Ohne den steten Geldfluss von Dietmar Hopps Investitionsfirma Dievini gäbe es die Firma längst nicht mehr.

Doch über diese beiden „Business Angel“-Optionen hinaus gibt es in Deutschland nur wenig Mutige, die ihr Geld in echte Innovationen stecken, selbst wenn sie mit dem Nobelpreis geadelt werden. Ein Beispiel ist etwa die RNA-Interferenz (RNAi), eine Methode zum Stummschalten von Genen, die 2006 ausgezeichnet wurde. Zwar gingen deutsche Forscher leer aus, waren aber durchaus an wesentlichen, auch anwendungsrelevanten Grundlagen beteiligt, etwa Thomas Tuschl, der damals am Göttinger Max-Planck-Institut arbeitete. Doch das erste Medikament, das auf RNA-Interferenz basiert, brachte eine Bostoner Firma auf den Markt, obwohl es auch in Deutschland RNAi-Firmen gab.

Auch die Wertschöpfung aus der Entdeckung der Gen-Schere findet schon in den USA statt

Der Wert dieser Forschung wird nun jenseits des Atlantiks geschöpft – berechtigterweise, denn dort standen nicht nur die Venture Capitalfirmen mit viel Geld Gewehr bei Fuße, sondern auch eine ganze Schar von Experten für Arzneimittelentwicklung, ein dicht gesponnenes Netzwerk, eine Innovationsmaschinerie. Diese Strukturen fehlen in Deutschland in weiten Teilen noch immer. Deshalb hat auch Crispr Therapeutics, die von Charpentier mit gegründete Firma zur Entwicklung von Crispr-basierten Gentherapien, ihre Labors nicht in Deutschland aufgeschlagen, sondern in den USA.

Was in Deutschland nicht fehlt, sind tolle Ideen von Forschern. Es fehlt auch nicht die staatliche Unterstützung der ersten Entwicklungsschritte, wie es sie seit dem „BioRegio“-Förderprogramm zur Jahrtausendwende in verschiedenen Varianten immer wieder gegeben hat.

Was diese Gesellschaft braucht, ist Mut, die Bequemlichkeit zu überwinden und mit dem vielen Geld, dass dieses Land mit den Innovationen früherer Generationen erwirtschaftet, neue Ideen aufzugreifen und konsequent zur Marktreife zu führen. „Qualität kann man nicht aus der Tradition ableiten, da muss man immer wieder etwas tun“, sagt Detlev Ganten. Dafür braucht es die Zuversicht, dass der Nutzen neuer Techniken überwiegen und die Risiken, wenn es sie denn gibt, kontrollierbar sind.

Oder wie es Detlev Ganten sagt: „Wir müssen es wirklich wollen.“

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