
© Getty Images/Cavan Images RF
Jeder Mensch ist 90 Minuten pro Tag blind: Das Gehirn macht öfter mal blau
„Augen aufmachen“, dann sieht man eins zu eins, was in der Welt passiert? Von wegen. Das Gehirn gaukelt uns nur vor, dass wir immer alles mitbekommen. Doch wir sind blinder, als wir denken.

Stand:
Lust auf ein kurzes Experiment? Stellen Sie sich vor den Spiegel und schauen Sie abwechselnd auf Ihr linkes und rechtes Auge. Genau: Obwohl Sie spüren, dass sich Ihre Augen abwechselnd nach links und rechts bewegen, ist die Bewegung der Augen im Spiegel nicht zu erkennen. Wie kann das sein?
Die Vorstellung, unsere Augen seien einfach nur Maschinen, mit denen wir eins zu eins die Realität abbilden, könnte falscher nicht sein. Denn Gehirn und Sehapparat gaukeln uns vieles nur vor.
Aus gutem Grund. Wären die Augen einfach nur Kameras, dann würde beim schnellen Bewegen der Augen von links nach rechts genau das passieren, was zum Beispiel bei Kameras im Eishockeystadion passiert, wenn sie dem rasend schnellen Puck folgen: Man sieht nur Schlieren, bis die Kamera wieder ruhig steht und den Puck im Tor zeigt.
Das wäre für Tiere, die sich und ihre Augen nun mal ständig durch ihre Umwelt bewegen müssen, extrem unpraktisch. Anders gesagt: Diejenigen überlebten, deren Gene sich so veränderten, dass sie das ständige Verschwimmen ihres Blickfeldes bei jeder Augenbewegung verhinderten. Und zwar, indem die Bildübertragung einfach kurz unterbrochen wird.
Während sich die Augen vor dem Spiegel von links nach rechts bewegen, schaltet unsere Wahrnehmung kurzzeitig ab, wir sind für etwa 20 bis 40 Millisekunden buchstäblich blind. Diese „Sakkaden“ genannten Unterbrechungen des Sehvermögens sind keineswegs selten: Bei schätzungsweise 15.000 Augenbewegungen pro Stunde haben Menschen pro Sekunde etwa ein bis vier Sakkaden.
Das bedeutet, dass jeder Mensch in jeder Stunde insgesamt rund 7,5 Minuten lang nichts sieht – ohne es überhaupt zu bemerken. Das Gehirn gaukelt uns kontinuierliches Sehen vor, obwohl unsere Wahrnehmung in Wirklichkeit kurz pausierte. Von einem Zwölf-Stunden-Tag fehlen uns also zusammengerechnet etwa 90 Minuten!
Glauben Sie nicht? Kann doch nicht sein? Bewegen sich bei dem Experiment vor dem Spiegel die Augen vielleicht gar nicht? Doch.
Wenn Sie den Versuch mit der Selfie-Kamera ihres Handys wiederholen, dann können Sie die Augenbewegung sehen. Denn anders als beim Spiegel braucht das Smartphone Bruchteile von Sekunden, bis das soeben von der Kamera aufgenommene Bild von Ihnen auf dem Bildschirm angezeigt wird.
In dieser Zeit ist die Sakkade, die kurzzeitige Blindheit, schon vorbei, sodass Sie die Augenbewegung, die Ihnen das Gehirn vor dem Spiegel „unterschlagen“ hat, nun sehen können.
Der „Erbonkel“ – Geschichten rund um Gene, jedes Wochenende.
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid: