Kraniche in Brandenburg : Die großen Grauen von Chorin

Früher waren Kraniche in Deutschland gefährdet, heute vermehren sie sich stark. Brandenburg ist dabei Vorbild für andere Länder

Roland Schulz
Ziehen und Aufziehen. Tausende Kraniche sind in Brandenburg zu Hause, weil es dort geeignete Brutplätze gibt.
Ziehen und Aufziehen. Tausende Kraniche sind in Brandenburg zu Hause, weil es dort geeignete Brutplätze gibt.Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa


Die Geschichte der Kraniche ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Noch 1993 wurden nur 1600 bis 1900 Brutpaare gezählt – nachdem in den Jahrzehnten zuvor viele Wasserflächen trockengelegt worden waren und die Vögel so ihre Lebensgrundlagen verloren hatten. Sie standen zwischenzeitlich sogar auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere. Doch das änderte sich. Heute gibt es um 9000 Brutpaare in Deutschland: Ihr Schutz hier ist Vorbild für andere Länder.
Auch im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg haben sich die Kraniche stark vermehrt. „Sie benötigen eine sehr diverse Landschaft und bevorzugen für die Kükenaufzucht Waldreviere“, sagt Beate Blahy, eine frisch pensionierte Mitarbeiterin der Verwaltung des Biosphärenreservats. Dort leben mindestens 520 Kranichpaare auf 1300 Quadratkilometern, eine deutschlandweit einzigartige Dichte. Insgesamt sind es in Brandenburg rund 2750 Brutpaare und 5000 nicht brütende Kraniche. Kraniche brüten meist ab dem vierten Lebensjahr.

Kraniche brauchen eine ungestörte Wasserfläche mit Insekten

Einige überwintern hier, andere kehren ab Mitte Februar aus ihren Winterquartieren aus Frankreich und Spanien zurück. Hierzulande gelten die grauen Vögel deshalb auch als Frühlingsboten. Beate Blahy war in vielen Kranichprojekten tätig, hat mehrere Kranichwaisen aufgezogen und in die Freiheit entlassen. Als Folge der gestiegenen Kranichzahl konnte sie in den letzten Jahren zunehmend Bruten in Feldsöllen und an flachen Seeufern registrieren. „Entscheidend für eine erfolgreiche Aufzucht der fast immer zwei Küken sind neben dem sicheren Brutplatz in einer ungestörten Wasserfläche Insekten, Spinnen, Regenwürner als Futtergrundlage“, sagt Blahy. Kraniche bauen ihre Bodennester im Wasser, auf einer kleinen Sandinsel, am Stammfuß einer Erle. Hier ist das Gelege weitgehend vor Fressfeinden geschützt.
Einige tausend Tiere überwintern inzwischen in Brandenburg, bei heftigem Schneefall weichen sie in schneeärmere Regionen aus. In den vergangenen, überwiegend trockenen Jahren gab es allerdings weniger Bruterfolg zu verzeichnen, sagt Blahy: Die Paare brüteten nicht, wenn Nistplätze trocken gefallen seien. „Ich warne seit Jahren, dass unsere Kranichpopulation schnell kippen kann.“ Der Klimawandel sei eine Ursache, intensivierte Landnutzung die andere. „Kraniche benötigen insektenreiches Grünland. Das gibt es kaum noch. Mais- und Rapsäcker fallen als Nahrungsgebiete bei der Jungenaufzucht genauso wie intensiv bestellte Getreidefelder komplett aus.“

"Das Dörfchen Linum lebt vom Kranich"

Die Kraniche sind beliebt, sie ziehen auch Touristen an. Von einem „beeindruckenden touristischen Potenzial“ spricht Lars Lachmann, Artenschutzreferent des NABU Deutschland. Die Hauptrastgebiete in Europa seien die Rügen-Bock-Region, die Linumer Teichlandschaft in der Ostprignitz nordwestlich von Berlin sowie die Diepholzer Moorniederung. „Das Dörfchen Linum etwa lebt vom Kranich“, sagt Lachmann. „Wenn hier an Oktoberabenden mehr als 100.000 Kraniche in die flachen Teiche zur Übernachtung einfliegen, dann ist das ein unglaubliches Naturschauspiel.“
Kraniche rasten hier einige Tage auf dem Zug nach Süden und füllen ihre Nahrungsspeicher. Auf beernteten Maisfeldern finden sie Körner, von denen sie täglich rund 300 Gramm verzehren – bei 100.000 Kranichen sind das 30 Tonnen am Tag.
Brandenburg hat sogar etwas von seinem Reichtum exportiert. In Großbritannien wurde der Kranich vor 400 Jahren ausgerottet. Die dortige Wiederansiedlung begann nach fünfjähriger Vorbereitung im Jahr 2010. Mit Genehmigung der Brandenburgischen Behörden wurden fünf Jahre lang jeweils bis zu 24 Eier gezielt aus Kranichnestern im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin entnommen und an die britischen Projektpartner übergeben.
Die aufwändige Kükenaufzucht erfolgte durch als Kraniche verkleidete Menschen. Dadurch wurde einer Prägung auf Menschen vorgebeugt. Die ersten Erfolge sind klein, aber inzwischen függe: 2018 konnten in West Sedgemoor drei Kranichpaare drei Jungen großziehen.

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben